

Mittagspassage
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... Hier entfaltet sich die Traumschau unwirklicher Szenen wie sie ein
im ganzen vergebliches Leben illustrieren mögen, festgehalten in
den unendlich verlangsamt ablaufenden Sekunden vor der unabwendbaren Offenlegung
einer schrecklichen Wahrheit, auf die bereits alle Anzeichen hingewiesen
haben, die freilich erst im nachhinein, in der gesammelten Rückschau,
in der ihnen eigenen wahren Bedeutsamkeit und durch die in sie eingeschriebene
Richtung erkannt werden können - vordem pflegte man sie, unter Entwicklung
eines unbestimmt schlechten Gefühls, in einer leisen, sogleich beiseite
geschobenen Vorahnung, zu übergehen - , da der überstürzte
Tagesablauf an jeder Ecke unendliche Möglichkeiten der Ablenkung
bereithält. Doch in den klaren und konzentrierten fotographischen
Aufnahmen, die fortwährend im Schlaf aufscheinen und nichts an Deutlichkeit
zu wünschen übrig lassen, stört keine vorübereilende
Flüchtigkeit, an die der wache Geist sich bereitwillig klammern könnte,
die unmittelbare Empfindung einer tiefen Beunruhigung - alles ist auf
die nahende Katastrophe hin ausgerichtet.
Sie füllt bereits die dunklen Winkel der Räume, hängt über
den Möbelstücken, deutet sich an in dem selbsttätigen Zurückweichen
der Flügeltür, dem Flackern der Kerzen, die ein geisterhaftes
Licht auf das Tafelgeschirr werfen, dem Ausweiten eines nassen Mauerfleckens,
der formlos unaufhörlich anwächst. Sie begleitet die schuldbewußten
Bewegungen gespenstischer Kuttenträger im Hof eines längst aufgelassenen
Klosters, das unvermutet an derselben Stelle erscheint, wo gerade noch
hohe Wellen einer sturmgekämmten See über achtlos aufgetürmte
Steine hinweg an die Brüstung einer Seepromenade schlugen und die
Gischt über die Breite der dahinter gelegenen Straße auf niedergeduckte
Häuser regnen ließen, deren Fensterfronten und Eingänge
gleichwohl vernagelt sind, sodaß dem zurückweichenden und eine
Zuflucht suchenden Reisenden die gothische Kirche als der einzige, obschon
unsichere Ort erscheint, wohin er sich noch wenden kann.
Doch kaum richtet dieser seinen Schritt auf die leichte Anhöhe hin
- aus den Falten seiner Erinnerung windet sich eine Bezeichnung für
jene Erhebung: sie wird im Volksmund "der Sonnenhügel"
genannt -, wird ihm die Bedeutung des Zusammentreffens so unterschiedener
Situationen, Kirche und Meer, bewußt und auch die diese Konstellation
bergende Drohung. Die Szenerie wechselt, wenn nicht die Bedeutung, so
doch die Örtlichkeit. Sie löst sich auf beim angstvoll erwarteten
Anblick der Kuttenträger im Klosterhof, den nun nur mehr die Ruinen
des Klostergebäudes umstehen, in einem unartikulierten Schrei, der
seltsam abgerundet wie aus einem durch Laub gedämpften Lager, mehrfach
im Tunnel der Mundhöhle widerhallt.
Der Schläfer erwacht, um im selben Augenblick zu vergessen -, so
nah der Wahrheit und dem Schrecken und doch so fern.
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