Alles im Fluß, doch die Wahrheit dauert
Zum 75. Geburtstag des Dichters Christian Saalberg

Von Max Drathmann

Das Leben ist ein Fluß. Und wenn man von innen heraus leuchtet, dann erscheint der Lebensfluß im grünen Licht der Hoffnung, der Kraft und der Phantasie. Dem Dichter Christian Saalberg ist sein Leuchten gelungen. 21 Gedichtbände zeugen davon. "Vielleicht ist die Zahl deswegen so hoch, weil ich nur Lyrik gemacht habe", sagt er ruhig. Etwa alle zwei Jahre erscheint ein Gedichtband. "Am Anfang ging das Bächlein noch flach und schmal. Das weitet sich dann von alleine aus." Der aktuelle Band ist soeben im Röderer-Verlag erschienen: Das Weite suchen. Schon im Vorwort heißt es: Es ist der letzte Sand, den ich hiermit auf den Friedhof karre. Man will es nicht hoffen! Obwohl in Saalbergs Gedichten das Zünglein zwischen Werden und Vergehen stark zugunsten des Vergehens ausschlägt, sind diese Gedichte nicht lebensverneinend, im Gegenteil: Erst das Bewußtsein für die Vergänglichkeit schärft das Auge für alles Blühende und wirkt damit lebensintensivierend auf die Leser ein.Warum nur ist das Werk dieses Dichters trotz PEN-Mitgliedschaft, einiger Lyrikpreise und vieler Bücher von der Kritik weitgehend unbemerkt geblieben? Vielleicht, weil sich Saalberg selbst wenig um die Kritik geschert hat, vielleicht, weil sich die Kritik im Gegenzug dann wenig um Saalberg geschert hat: Zu zurückgezogen folgte der Autor zeitlebens seinen surrealen Lektüren und trieb und schrieb sich mit ihnen fort... Begonnen hat alles im Riesengebirge vor 75 Jahren; mit 18 an die Front, dann die Verwundung und die Kriegsgefangenschaft. Endlich das Studium in Heidelberg und in Kiel. "Damals war das Studium noch universell, so daß

ich neben Rechtswissenschaft Vorlesungen über Literaturwissenschaft und Philosophie hören konnte." Was folgte, waren Promotion und 37 Jahre als Rechtsanwalt und Notar. Doch es war vor allem die surreale Lektüreerfahrung, die Saalberg "unmerklich veränderte, zu einem anderen Menschen machte". Allerdings sah die Kunstironie des Nachkriegsschicksals für Deutschland kaum mehr die surreale Strömung vor. Und dennoch arbeitet sich Saalberg nun schon vier Jahrzehnte lang bruchlos an den surrealen Gedankenbrüchen ab. Daß er dabei immer wieder überrascht vor seinen eigenen Werken steht, kann der verstehen, der seine Texte kennt. Doch "man schreibt auch, um zu wissen, was in einem steckt", sagt Saalberg. Aus der Tatsache, daß man sich dann als Person theoretisch und real zu den Texten verhalten muß, läßt sich ein Erkenntnisgewinn ableiten. Und dieser Selbsterfahrungsschatz strahlt und funkelt dann wieder ins Leben zurück. Saalbergs Texte feiern die Welt als ein Rätsel, dessen Lösung kein Sanktnimmerleinstag je offenbaren mag und dem nur ebenso gelassen wie respektvoll entgegenzutreten ist. Dies tut der Dichter gern mit großen Worten, die sich über subtile Umwege wieder mit ihrer eigenen Suggestivkraft paaren, um dann ein Paradox als Wahrheit auszuspucken. Etwa in dem Gedicht DIE WAHRHEIT DAUERT: Dreifach legt / der Mittag hiervon Zeugnis ab / schweigend, brennend, regungslos. / Bevor der Sämann kommt, ist schon / der Schnitter da, vor dem Stern die / Finsternis, das Nein vor dem Ja...


aus den "Kieler Nachrichten" vom 10.12.2001


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