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Seit der treffliche Kunsthistoriker und Konservator Jean
Clair uns darüber aufgeklärt hat, daß der Surrealismus
der Ausgangspunkt, wenn nicht gar die Ursache der Attentate des 11. September
in den Vereinigten Staaten ist, kommt es auf eine Überraschung mehr
oder weniger nicht an. Angefangen mit der, daß man mir die Gelegenheit
gibt, über eine Ausstellung zu schreiben, die ich gar nicht gesehen
habe und die auch viele von denen nicht sehen werden, die zu dem Medienrummel
rings um das La Révolution surréaliste
betitelte Kulturereignis beitragen, das Werner Spies für die Zeit
vom 6. März bis zum 24. Juni [2002, d. Red.]
ins Ausstellungsprogramm des Centre Pompidou aufgenommen hat. Man hat
halt die Agitatoren, die man kriegen kann. So ist meine völlige Bedenkenlosigkeit,
mich zu dieser Ausstellung zu äußern, ohne sie besucht zu haben
– was ich aber laut und deutlich verkünde –, für mich zunächst
eine Art, auf den Bluff einer Kunstberichterstattung aufmerksam zu machen,
die sich darauf beschränkt, die Pressemitteilungen und Direktiven
der Museen nachzubeten, angeblich, um dem Ereignis in Realzeit auf den
Fersen zu sein. Vor allem aber verschafft mir das die Gelegenheit, deutlich
zu machen, wie diese Verantwortungslosigkeit der Kritik dem scheinbar
objektiven Vorhaben einer Ausstellung zum Surrealismus nützt, bei
der es genügt, sich ihr theoretisches Gerüst anzusehen – was
ich durch Einsichtnahme in die meisten Katalogtexte immerhin getan habe
-, um das raffiniert Verkürzende, wenn nicht gar Verfälschende
des Unternehmens zu erkennen.
Ich darf zunächst einmal ins Gedächtnis rufen – da sich anscheinend
niemand mehr daran erinnert -, daß die nicht-künstlerische
Absicht des Surrealismus ihn prinzipiell veranlaßt hat, jede seiner
Ausstellungen zu einer Kriegsmaschine zu machen und all jenen kräftig
auf die Finger zu klopfen, die es womöglich wagten, seine Aktivität
lediglich anhand einer Anzahl von Werken darzustellen. Manche entsinnen
sich vielleicht noch der Schärfe, mit der Ende 1963/Anfang 1964 eine
derartige Ausstellung, die in der Pariser Galerie Charpentier gezeigt
wurde, von André Breton und seinen Freunden desavouiert worden
ist, da sie in ihren Augen keinen anderen Sinn und Zweck hatte, als den
Surrealismus auf etwas Ästhetisches zu reduzieren¹.
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1 Organisator dieser Surréalisme,
sources, histoire, affinitiés betitelten Ausstellung war
Patrick Waldberg. Der gegen ihn verfaßte Text der Surrealisten trägt
den Titel
"Face aux liquidateurs"
(Angesichts der Liquidatoren)
2 "Ich verlange die tiefe, wirkliche Okkultierung
des Surrealismus", um der Vereinnahmung und Verfälschung durch
das breite Publikum zu entgehen
3 Exposition InteRnatiOnale
du Surréalisme, Paris, Galerie
Daniel Cordier, Dezember 1959 – Februar 1960
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Natürlich haben sich die Zeiten geändert, Breton
ist tot, die Aktivitäten der surrealistischen Bewegung sind eingestellt,
und niemand kann jetzt noch den Anspruch erheben, eine surrealistische
Ausstellung zu realisieren mit allem, was das einst an kollektivem und
individuellem Engagement voraussetzte. Und da der Lauf der Dinge unaufhörlich
gegen die "Okkultierung des Surrealismus" wirkt, die Breton
im Zweiten Manifest gefordert hat², weil
er sich schon 1930 der Gefahr des ästhetischen (Miß-)Verständnisses
von Ausdrucksformen bewußt war, die für ihn nicht von der Revolte
zu trennen waren, die sie hervorgebracht hatte, war es unvermeidlich,
daß sich über ein halbes Jahrhundert später die Institutionen
seiner annehmen würden. Und daß sie im Rahmen ihres Konservierungs-
und Informationsauftrags schließlich dazu kommen würden, auf
mehr oder weniger ordentliche Weise Werke auszustellen, die unbestreitbar
dazu beigetragen haben, die Geschichte des Denkens und Empfindens zu verändern.
Dies war bei der Ausstellung Surrealism Desire Unbound
der Fall, die kürzlich im Tate Modern in London gezeigt worden ist
und die bis zum 12. Mai [2002, d. Red.] im Metropolitan
Museum in New York zu sehen sein wird. Durch ihre thematische Betrachtungsweise
dürfte diese Veranstaltung den Vorzug haben, daß sie ihre Zielsetzung
klar definiert hat. Obwohl man ihr einige Lücken oder Ungenauigkeiten,
ja sogar regelrechte Fehler ankreiden kann, vor allem in bezug auf die
60er Jahre, in denen der Beitrag des Surrealismus mit der großen
Ausstellung ER0S3 von 1959 von entscheidender
Bedeutung war, dürfte Desire Unbound doch eine Vorstellung von der
Art und Weise vermitteln, wie eine in ihrer Konstanz und Tiefe bis dahin
unbekannte Erkundung des Begehrens Teil der surrealistischen Suche geworden
ist.
Leider muß man bezweifeln, daß die Ausstellung im Centre Pompidou
zu einem vergleichbaren Resultat gelangt, schon aufgrund ihrer ganz anders
gelagerten Ambitionen. Denn unter Bezugnahme auf die erste surrealistische
Zeitschrift, mit der eines der außerordentlichsten Abenteuer unserer
Zeit seinen Anfang nahm, La Revolution surréaliste
betitelt, beginnt diese Ausstellung "mit den frühen 20er Jahren
und endet mit dem Exil, das herausragende Akteure der Bewegung zu Beginn
der 40er Jahre in die Vereinigten Staaten führte", wie es in
der Pressemitteilung heißt. Und wenn Werner Spies schon in den ersten
Zeilen seines Katalogtextes vorsichtig klarstellt, daß "diese
Ausstellung nicht den Anspruch zu erheben vermag, den thematischen und
formalen Reichtum der 'heroischen Periode' dieser Bewegung widerzuspiegeln",
so deshalb, um den Schwindel glaubwürdiger zu machen, der darin besteht,
daß mit dem Doppelsinn jenes Titels gespielt wird. Denn eines von
beiden: entweder beschränkt man sich auf den Zeitraum 1924-1929,
der so ergiebig wie stürmisch war und der der Erscheinungszeit jener
ersten Zeitschrift entspricht, oder man versteht die Bezeichnung in einem
weitergehenden Sinne, um, wie es hier der Fall zu sein scheint, die nicht
zu leugnende Revolution des Denkens und Empfindens darzustellen, die der
Surrealismus ausgelöst hat. Wie kann man dann aber deren Lebensdauer
willkürlich von fünfzig auf zwanzig Jahre reduzieren, ohne damit
ihrer wirklichen Tragweite Abbruch zu tun?
Wenn man meint, ich würde hier etwas unterstellen, so darf ich in
diesem Zusammenhang an das fortwährende, seit 1922 zu beobachtende
Bemühen der Kritiker und Kommentatoren erinnern, entweder bei jeder
der wichtigen Veranstaltungen des Surrealismus dessen baldiges Ableben
zu verkünden, wie Breton noch 1964 festgestellt hat, oder – was raffinierter
ist – den Zeitabschnitt aus ihm herauszuschneiden, der am geeignetsten
ist, um die ideologischen Interessen zu illustrieren, für die man
einzutreten sucht. Letzteres ist ganz offensichtlich die Option von Werner
Spies, der in puncto Herausschneiden bereits seine Bewährungsprobe
abgelegt hat, als er sich einer Wand von Bretons Atelier bemächtigte,
um sie wie ein künstlerisches Exponat als "Breton-Wand, eine
phänomenale Ansammlung von Werken und Gegenständen" zu
präsentieren und sie gleichzeitig in eine "Installation"
zu verwandeln, die bei der Wiedereröffnung des Centre Beaubourg im
Januar 2000 die große Zugnummer war.
Da wundert man sich kaum, daß diese Wand in der angekündigten
Szenographie der Ausstellung einen zentralen Platz einzunehmen scheint,
alldieweil die im Katalog versammelten Surrealismus-Experten es nicht
versäumen, sich auf sie zu beziehen, um in ihr, wie Werner Hofmann,
einen "Kuriositätenladen" zu sehen, der "zugleich
Mega-Hieroglyphe, lkonostase und Heiligtum" ist, dabei jedoch nicht
"den horizontalen Wahrnehmungskontakt" bietet, "der sich
in einem Museum zwischen dem Betrachter und dem Exponat einstellt, sondern
uns eine Vertikalachse aufzwingt, die ein Gefühl der Unterordnung
vermittelt". Darauf wären Bretons Besucher natürlich nie
gekommen, denn sie empfanden in seinem Atelier ganz einfach ein Gefühl,
das demjenigen nahekommt, das Julien Gracq so gut auszudrücken gewußt
hat: "Da gab es Zuflucht vor allem Mechanischen in der Welt."
Aber genau das versuchen die Kommentare unserer Spezialisten in Sachen
surrealistische Revolution emsig zu verbergen, und so kann man das Ausmaß
des Sensibilitätsraubes ermessen, den das Ausschlachten dieser Wand
darstellt. Was ein Werner Spies seinerseits bestätigt, wenn er nicht
zögert, zur Stützung seiner Beweisführung in ihr den "Kulminationspunkt
einer Phänomenologie des Absurden und des Abfalls" zu sehen,
womit er sein eindeutiges Unverständnis für etwas verrät,
das ein Teil von Bretons Leben war und auch bleibt und keineswegs, wie
er uns einreden will, die "monumentale Wand, die Breton sein Leben
lang zu verändern bemüht war" wie ein in künstlerischer
Absicht ständig aktualisiertes work in progress.
Da kann man nicht umhin festzustellen, daß es sich um eine Entstellung
handelt, die, auch wenn sie mit aller Verblümtheit des Gelehrten
daherkommt, einiges mit kultureller Lumperei zu tun hat. Und das um so
mehr, wenn besagte Wand als Wahrzeichen dessen aufgestellt wird, was man
zu zeigen sucht, nämlich daß die surrealistische Revolution
wohl nur eine ästhetische Revolution war, auch wenn jeder der Experten,
was immer sein dargestellter Standpunkt sein mag, den ebenso ausdrücklichen
wie umwerfenden Wink verinnerlicht zu haben scheint, der am Ende der Pressemitteilung
zu finden ist: "Denn man darf nicht übersehen, daß sich
die surrealistische Bewegung aktiv an der Gestaltung der Gesellschaft
beteiligen wollte." Darauf wären wir nie gekommen!
Man könnte mir hier den "Der politikfeste Surrealismus"
betitelten Katalogbeitrag entgegenhalten, wenn nicht Jean-Michel Goutier,
die personifizierte Pietät des Surrealismus und wohlbekannter Patchworker
der heiligen Texte, sein Verfasser wäre und wenn seine Geistesarmut
hier nicht besonders willkommen wäre, um einen leichten Schleier
über das zu werfen, was die erwähnte Reduktion des Surrealismus
auf das ästhetische nur noch verschlimmert, ich meine die systematische
Entpolitisierung, die unterm Strich das große Anliegen dieser Ausstellung
zu sein scheint. Und wenn auch die wenigen Seiten, auf denen Werner Spies
es in seiner Vorbemerkung unternimmt, die spezifische Eigenart der "surrealistischen
Revolution" näher zu bestimmen, von anderem Holz sind als der
rituelle Zitatenzusammenschnitt Jean-Michel Goutiers, kommt seine Analyse
doch einer glatten Unterschlagung gleich, wenn er die dramatische politische
Geschichte des Surrealismus, der damals Zielscheibe der verschiedenen
revolutionären Dogmatismen war, schließlich mit der "Geschichte
einer Aporie" verwechselt. Einer Aporie, für die seiner Ansicht
nach Sartre das Schlußwort geliefert hat, indem er "ein dialektisches
Modell dieser Situation" vorschlug: "'[ ... ] die soziale Revolution
verlangt einen ästhetischen Konservatismus, wohingegen die ästhetische
Revolution dem Künstler zum Trotz einen sozialen Konservatismus fordert'."
Besser kann man die Sache nicht vom Tisch wischen, und zwar ein für
allemal.
Ganz offensichtlich liegt Werner Spies nicht viel an der wahren Bedeutung
der surrealistischen Revolution, bei der es exakt darum ging, diese Aporie
zurückzuweisen und gegen ihre Unausweichlichkeit zu kämpfen.
Da versteht man, daß er die unglaubliche Anstrengung Bretons und
seiner Freunde nach den 40er Jahren für nichts erachtet, die Anstrengung
nämlich, sich niemals einer Revolte unwürdig zu erweisen, die
sich, um nicht metaphysisch zu bleiben, als im wesentlichen politisch
darstellt – bis in ihre zahllosen und verschiedenartigen äußerungen
hinein, ob es sich ums Malen, Lieben oder Denken handelt, deren einziges
Ziel es ist, stets den Horizont zu erweitern. Da wird klar, daß
die Idee dieser Aporie alle erdenklichen müßigen Kommentare
zur Collage, zum automatischen Schreiben, zu den primitiven Künsten,
zum Objekt, zur Sprache usw. ermöglicht, die in dieser geballten
Form die nicht unerhebliche Folge haben, die subversive Kraft, die jeder
surrealistischen Unternehmung zugrunde liegt, in Vergessenheit geraten
zu lassen. Am besten veranschaulicht das der lächerliche, jargonhaft
schwadronierende Text von Jacqueline Chénieux-Gendron, in dem uns
beispielsweise bezüglich der Sprache mitgeteilt wird, daß die
"Wahrheit der Ereignisse sich uns im Verlauf eines Sprechens im Gewand
einer Sprechweise enthüllt". Das ist sicher sehr wichtig zu
wissen damit man besser ignorieren kann, daß in der für Werner
Spies und sein helles Team nicht existierenden Nachkriegsperiode die surrealistische
Revolution ihren Fortgang nimmt, und dies ebensosehr mit der Wiederentdeckung
der fourieristischen Utopie wie mit einem ununterbrochenen Kampf gegen
den Stalinismus, der mit einer messerscharfen Anprangerung des "'sozialistischen
Realismus' als Mittel zur Ausrottung des Geistes"? 4 einhergeht.
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4 cf. Bretons Aufsatz "Du 'réalisme
socialiste' comme moyen d'extermination morale" (1952)
5 6 Texte von Breton
7 ein von 121 Persönlichkeiten des geistigen
Lebens unterzeichneter scharfer Protest gegen den Algerienkrieg Frankreichs |
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Desgleichen ist es wohl weit wichtiger, sich dem Avantgarde-Tourismus
zu widmen, zu dem uns Serge Fauchereau mit seinem Beitrag "Einige
Wochen im Frühjahr 1935: Die surrealistische Internationale"
einlädt, als zu wissen, daß die surrealistische Revolution
ein Dutzend Jahre spüter mit der Bestütigung der Analogie in
"Signe ascendant" (1947)5 wie auch mit der Umkehrung
jeder revolutionüren Perspektive, wie sie in "La Lampe dans
l'horloge"6 vorgenommen wird, weitergeht, nicht ohne von einer anderen
Internationale zu künden, die sich vom ausgestoßenen Osteuropa
bis zu Malcolm de Chazals Mauritius erstreckt. Ich könnte so fortfahren
und zeigen, wie die surrealistische Revolution ihren Fortgang nimmt, mit
der das Thema Erotik darstellenden Ausstellung von 1959 ebenso wie mit
dem Manifest der 1217, das im Jahr
danach auf Initiative der Surrealisten das Recht auf Wehrdienstverweigerung
im Algerienkrieg einklagt. Denn wenn es tatsächlich eine surrealistische
Revolution gibt, dann besteht sie nicht in der "Durchlässigkeit
der Grenzen zwischen Malerei, Poesie und Literatur, die der Surrealismus
herstellt", wie uns ebenfalls in der Pressemitteilung beigebracht
wird, sondern in ihrer höchst erstaunlichen Kontinuität wie
in der nicht minder erstaunlichen Vielzahl ihrer Betätigungsfelder.
Mit dem Surrealismus hat etwas begonnen, das nicht aufgehört hat,
das politische Bewußtsein auf die Höhe der lyrischen Insurrektion
zu führen. Und die übereinstimmung, mit der die Exegeten dieser
umformatierten surrealistischen Revolution deren Endpunkt in der Vorstellung
von den "Großen Durchsichtigen" entdecken, auf die Breton
1942 am Schluß der Prolegomena zu einein dritten
Manifest des Surrealismus oder nicht zu sprechen kommt, läßt
keinerlei Zweifel an der erwähnten Entpolitisierung aufkommen, denn
für die einen und wie für die anderen war es angeblich die Eigenschaft
dieser Revolution, daß sie eben durch ihre Transparenz einer anderen
Moderne – einer künstlerischen, versteht sich – die Türen geöffnet
hat: der amerikanischen Moderne der Rothko, Pollock, Motherwell usw. Nicht
einmal der Suche nach einem neuen Mythos, die Breton und auch andere in
den Jahren des amerikanischen Exils stark beschäftigte, bleibt es
erspart, von Didier Ottinger auf die Elle eines ästhetischen Kampfes
und dessen glückliches Ende reduziert zu werden, das mit einer Rückkehr
zu den Ursprüngen zusammenfällt.
Es ist so betrüblich wie empörend, diese gescheiten Experten
dergestalt an der Ausplünderung der Gefühlswelt arbeiten zu
sehen, zu der das schon von Breton erkannte "Fortbestehen des Zeichens
über das Bezeichnete hinaus" führt, mehr noch: dieses Fortbestehen
als die einzig mögliche Lesart einer surrealilstischen Revolution
hinzustellen, die sie sorgsam aseptisiert haben, da in ihr die Zeichen
ja wieder an ihrem Zeichenplatz stehen und die Themen in ihr somit definitiv
eingegrenzt werden können, wobei hier das Ordnen mit angekündigten
Inszenierung von Altären, Tabernakeln usw. verschmilzt. Was die dunklen
Kräfte angeht, auf die der Surrealismus immer gesetzt hat, um aus
ihnen, von Sades Finsternis bis hin zu dem "nicht aufzubrechenden
Kern aus Nacht", von dem Breton in bezug auf die Sexualität
spricht, das dunkle Herz seiner Revolution zu machen, so sieht es ganz
so aus, als seien sie bewußt aus dieser Ausstellung verbannt worden,
die konzipiert wurde, um artistically correct zu sein. Dennoch will ich
niemanden davon abhalten, sie sich anzusehen, man könnte in ihr ja
vielleicht etwas sehen, was man noch nicht gesehen hat. Aber kaufen Sie
nicht den Katalog, es sei denn die Abbildungen ... Wie auch immer, hier
ist eine kleine Auswahl dessen, was in ihr nicht vorkommt oder aber in
einem Licht, das alles noch schlimmer macht:
Vorläufer: "In puncto Revolte darf
keiner von uns Vorläufer nötig haben" André Breton).
Breton (André): Hat er nicht schon im
voraus diese Art von Ausstellung kommentiert, als er in den Prolegomena
bemerkte: "Je größer die Macht [eines] Menschen ist, desto
mehr wird er durch die Trägheit eingeschränkt, die aus der Verehrung
erwächst welche er bei den einen hervorruft, und durch die unermüdliche
Aktivität der anderen, die die abgefeimtesten Mittel einsetzen, um
ihn zugrunde zu richten"? Dem widerspricht sicherlich nicht die Art
dumpfer Feindseligkeit gegenüber Breton, die sich durch diesen Katalog
zieht, noch die Schadenfreude, ihn im Griff zu haben. Die ist leider nicht
unbegründet, bedenkt man, daß man während der Ausstellung,
die 1991 im gleichen Centre Pompidou über ihn veranstaltet wurde,
tagelang den riesengroßen Putzlappen der französischen Fahne
gegen seine Photographie klatschen sah.
Spiel: "Wenn es im Surrealismus eine Form
von Aktivität gibt, deren Dauerhaftigkeit den Vorzug besessen hat,
die verbissene Wut der Dummköpfe zu erregen, dann ist es die spielerische
Aktivität gewesen ..." (André Breton, 1954). Vielleicht
wird einem deshalb nichts von den wahren Wundern an Erfindungsgeist und
Humor noch von den Augenblicken profaner Erleuchtung und geistigen Funkelns
verraten, zu denen es bei Spielen wie "öffnen Sie?" (1953),
"Das eine im anderen" (1954) oder "Die Analogiekarten"
(1959) gekommen ist. Sie haben allerdings auch den Nachteil, daß
aus ihnen keine Kunstwerke hervorgegangen sind.
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10 die Zeitschrift
Le Surréalisme
au service de la révolution
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Sade (Marquis de): Sehr diskret scheint der
Platz zu sein, den man ihm in dieser revidierten surrealistischen Revolution
eingeräumt hat. Dabei gibt es von 1924 bis 1968 keine einzige surrealistische
Zeitschrift, die nicht Nachricht von ihm gegeben hat. Von 1930 bis '33
gibt es in Le S.A.S.D.L.R.10 sogar
eine regelmäßige Rubrik, "Aktualität des Marquis
de Sade", für die Maurice Heine verantwortlich ist. Es gäbe
eine interessante Art, die Geschichte des Surrealismus wiederzugeben,
indem man nämlich die Perioden herausstellt, in denen Sades Einfluß
markanter wird, denn diese Phasen fallen mit einer Radikalisierung der
poetischen und theoretischen Positionen zusammen. So könnte es sein,
daß die "Erfindung" des schwarzen Humors durch Breton
Sade viel verdankt. Leider ist die Ausstellung Sade/Surreal.
Der Marquis de Sade und die erotische Fantasie des Surrealismus,
die bis zum 3. März 2002 im Kunsthaus Zürich gezeigt wird, von
einem entgegengesetzten Standpunkt aus realisiert worden. Man könnte
meinen, die Veranstaltung sei von einem Computer konzipiert worden, in
dem in kunterbuntem Durcheinander Werke und Gegenstände gespeichert
sind, die den Stichworten Sade und Surrealismus entsprechen. Und wenn
sie auch mit unbestreitbar interessanten Exponaten aufwartet, kommt dabei
doch schließlich nur ein Potpourri für Neureiche heraus, das
auch der Katalog mit seinen schwachen Originalbeiträgen widerspiegelt.
Nichts steht, wie es scheint, dem Geist Sades wie auch dem des Surrealismus
ferner als diese neuerliche Vermarktung von Pech und Schwefel, von der
die Ausstellung bestimmt wird, die zum Beispiel die Beliebigkeit der Happenings
eines Jean-Jacques Lebel groß herausstellt und dem Besucher die
"Vollstreckung des Testaments von Marquis de Sade" durch Jean
Benoit vorenthält, die in Verbindung mit der Ausstellung EROS
am 2. Dezember 1959 stattfand und Denk- und Seinsweise in Frage stellte.
Primitiv: Wenn es auch schwierig war, nicht
auf das Interesse der Surrealisten an den archaischen Gesellschaften einzugehen,
so ist es anscheinend doch so, daß man über die politische
Implikation des Blickes, mit dem sie sie betrachteten, fröhlich hinweggegangen
ist. Auch ihre "Erfindung" der primitiven Künste fand fernab
der Ästhetik statt. Denn wenn sie auch nicht die ersten waren, die
in ihnen eine verstörende Schönheit entdeckten, so waren sie
doch die einzigen, die darin die Grundlage einer ernsthaften Infragestellung
der westlichen Zivilisation und ihrer Praktiken sahen. Und sie zogen daraus
alle Konsequenzen, etwa in dem Flugblatt "Besucht nicht die Kolonialausstellung",
dessen Skandalwirkung 1931 in einem proportionalen Verhältnis zum
Mut seiner Verfasser stand.
Toyen (Prag 1902 – Paris 1980): Ihr Fehlen ist
bezeichnend für das geringe Interesse, das in dieser Ausstellung
einer surrealistischen Revolution entgegengebracht wird, die zwischen
den beiden Weltkriegen auf einige Länder Mitteleuropas übergegriffen
hat. Zwar hat Serge Fauchereau es übernommen, sich zu diesem Thema
zu äußern, aber er ist dabei ein wenig schnell über den
Ideenaustausch zwischen den Pariser Surrealisten und den zornigen jungen
Leuten hinweggegangen, die sich in Prag um die von Karel Teige herausgegebenen
Zeitschriften scharten. So ist es nicht der viel zu sehr zum "Künstlerischen"
neigende Maler Sima der diese Brücke zwischen Prag und Paris geschlagen
hat, sondern Toyen und Styrský die sich wie ihre Freunde Nezval
und Teige aufgrund ihrer politisierten Haltung den Surrealisten annäherten.
Dank ihnen hat der Surrealismus mitten in dem Unruheherd, der Prag damals
war, ein besonders intensives Licht gewonnen. Egal, ob es darum ging,
sich auf den Weg zum Ursprung der Formen zu begeben oder mit der Veröffentlichung
der Erotická revue von 1930 bis '33 die
Nacht der Liebe zu erforschen, Toyen und Styrský haben, ebenso
wie später Heisler, zur surrealistischen Revolution die Radikalität
beigesteuert, mit der sie ihr Verlangen, mit der bestehenden Ordnung der
Welt Schluß zu machen, niemals von ihrem "unstillbaren Durst
nach dem Unendlichen" trennten.
Annie Le Brun
*1942 in Rennes. Schloß sich 1963 der Pariser Surrealistengruppe an, der sie bis zu deren Selbstauflösung 1969 angehörte. Von 1972 an unter dem Label »Èditions Maintenant« neue Kollektivtätigkeit zusammen mit den Surrealisten Radovan Ivsic, Georges Goldfayn, Toyen, Gérard Legrand, Fabio de Sanctis, Georges Gronier, Adrian Dax u.a. Ist heute eine der bekanntesten Schriftstellerinnen Frankreichs – und eine excellente Kennerin von Leben und Werk des Marquis de Sade.
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