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URREALISMUS UND TRIOPSEIER
(oder: das Überdauern von 27 Jahren Trockenheit im Freiland)
"...Der Surrealismus endete ruhmlos in doktrinären Parteizellen,
revolutionären Instanzen oder Epigonen, die sich rechtfertigen müssen.
Die Bilder der Surrealisten hängen anständig im Museum. Erfolgreich
hat sich die Zivilisation ihrer Todfeinde bemächtigt und sie
einregistriert..."
(Eduard Trier, Vorwort/Ausstellungskatalog "Max Ernst", Köln 1953)
1. Die Frau kocht rote Regenschirme...
Auf gewisse Weise hat die "Einregistrierung", heute klarer erkennbar
als damals, tatsächlich stattgefunden. Mit der Mentalität von
Leichenfressern hat sich besonders die moderne Werbeindustrie die
surrealistische Formensprache einverleibt, und erbricht diese,
natürlich referenzlos und unverdaut, für ihre Zwecke:
Was einem MAGRITTE die poetische Hinterfragung der Wirklichkeit war,
wird nun zum Werkzeug umfunktioniert, um mehr oder weniger sinnlosen
Konsumprodukten eine bunt-suggestive Verpackung zu verpassen: "Luxusmüll
verkauft sich gut, wenn man bei Werbung schmunzeln tut...".
Rechtfertigen
müssen sich diese Epigonen heute wohl selten.
Ähnlicherweise scheint pseudo-surrealistische Provokation auch beliebt
als Marketingstrategie für manch moderne "Kunstergüsse", um so
über langweilige Konzepte und üble, nicht vorhandene Technik hinwegzutäuschen.
Ja, oberflächlich betrachtet hat die Zivilisation sich hier ihrer
Todfeinde bemächtigt.
2. ...und gleichzeitig explodiert eine Schlange.
Andererseits scheint der wahre Geist des Surrealismus bis heute
präsent und wirksam: vielleicht nicht unter dem originalen Banner, nicht
als homogene Bewegung (die er auch zu seiner Blütezeit nicht war), auch
selten in großen Galerien. Jedoch dürfte ihm (ähnlich den Eiern von
Triops/Urzeitkrebsen ) eine Kraft innewohnen, die es ihm ermöglicht,
unter gewissen Bedingungen (wie genügend Regen...) neu zu fruchten:
die Spuren ziehen sich ,teils offensichtlich, durch Pop-Art,
Psychedelic-Art bis hin zu manchen aktuellen Musikvideos.
Auch einzelne zeitgenössische (bildende) Künstler bauen auf
surrealistischen Fundamenten ein Werk, das weit über reines Epigonentum
hinausführt.
In diesem Sinn ist das oft zitierte Ende des Surrealismus a) eine
voreilige Verkündigung, und daraus folgend b) geradezu ein Segen:
während Alpha-Kritiker und künstlerische Beta-tiere sich die Köpfe
zermartern auf der Suche nach neuen, verkaufstauglichen -Ismen.
... können andere in Ruhe weiterträumen.
Totgesagte leben länger.
S-amen.
3.Salz und Rosen reptilisieren elektrisch androgynen Lorbeer
Regen im Atelier- beleidigte Bleistifte- keine Zeit für Skizzen.
Beobachte eine Ladung Fruchtsäfte, die am Spitzenrand des Vulkans
balancieren. Hirsch wächst aus dem dunkelbunten Baum-
die Eule beobachtet den Turm. Im mythologischen Vakuum
kristallisieren Phänomene nativ.
Es bleibt die ewiggleiche Frage:
Kann sich die Sonne in ein Spiegelei verlieben ?
Robert Spiess, Aug. 2007
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