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Egon Günther

Gedichte - Ein Traumfragment



La joie de vivre

Sich an das sanfte Leben klammernd
wie an eine Reihung Basaltsäulen
die eine schwere Hand geordnet hat
Eine natürliche Angst
vor abgründigen Begegnungen
hindert den gelösten Gang
durchs freie Feld


Liebeselegie (liberum arbitrium)

Aus dem Geschmeide der Nacht
senkt sich ein Sternenhaar
in den Kelch meiner Augen
während ihre schwach schimmernde Seide
das selbstbewußte Standbild einer Frau verhüllt
die am Waldrand nach ihren Käuzchen ruft

Wie der Tau flüchtige Zierde eines noch jungen Tages
Perlenfäden zieht an Orten die ein düsteres Verlangen
   bewohnt
setzt deine durch Salzkristalle gefilterte Aura
dem dräuenden Sturmdunkel helle Sprenkel ein
Im Umschwung deiner Launen
geraten die klapprigen Tage ins Straucheln
und bei der Gelegenheit nehmen wie von Geisterhand
   bewegte Stöcke
gehorsam eine neue Partie Karambolage in Angriff
mit den haltlosen Kugeln von Universen
die es seit jeher gewohnt sind
sich dem Gesetz des Zufalls zu beugen
das ohne Zweifel dein Gesetz ist
dem du steuerst mit einem Schmollen deiner
Lippen oder einer verstohlenen Bewegung deiner Hand
oder mit dem unkeuschen Signal deiner Brustspitzen
die eine ganze Folge von botanischen
   Entsprechungen kommandieren
Sonnenwendige Pflanzen und somnambule Geschöpfe
tanzen im gefiederten Gleichmaß deines Atems
Du schwingst dein starkes Szepter
selbst in jenen eisigen Regionen die von allen
Empfindungen
vor allem dem Schmerz vorbehalten bleiben
genau so wie über den vollendet trägen schwarzen
   Weiten
die bereits in Fäulnis übergegangen sind
Zuweilen streust du Blüten Sand und Eissplitter
in das Getriebe der Welt
Doch wenn du wieder mal voll Übermut
eine abgehetzte Mähre die auf den Namen Freier Wille hört
   über deren Rand scheuchst
erinnere dich an den freudlosen Clown deiner Träume
   jenen Troubadour
den du einst in Ketten geschlagen
und dann einfach auf ihrer Scheibe
   vergessen hast


heimatlüge

unermüdlich klappern die herdringe
im land der großen lüge
und in einen engen reif gefaßt
dämmert noch die welt voll halbwüchsiger
schläfer
in jeder morgenstunde geistern
schreckbilder selbstgerechter meister
durch die träume ihrer unbeholfenen
eleven


everybody knows this is nowhere

den zugang zu dem versprochenen land
meiner geburt
man verweigert ihn mir immer noch
doch du kehrst vielleicht dorthin zurück
im wachen oder im traum
schick mir ein lebenszeichen auf birkenrinde
und schildere mir alles was du dort siehst
spann den bogen
vom flußgrund der zeit
zum warmen widerschein
der kathedrale im abendlicht
und vergiß nicht einen scherenschnitt
anzufertigen
aller baumbekränzten hänge
im weiten blick
vor der glasmauer der berge
mal mir den see
noch betäubt vom kalten kuß der nacht
bevor der frühnebel aufsteigt
und an seinen ufern
ein rohes handwerk seine schneisen schlägt


Rede des Skalpjägers
(der Mannschaft eines Walfängerschiffs gehalten)

Die Mitte aller Welten ist das Nichts
das meiner Schöpfung Halt gibt

wie jegliche Geschichte
sie schneidet ihre Ordnung aus der Zeit

zu dunkler Sternenschatten Zier
zur Feier aller kalten Stunden
zum Auftakt eines neuen Spiels

allein sein noch ungeklärter Ausgang
verleiht dem Anfang das Spiralmaß
und dazu noch seinen weißen grausamen Sinn

versteh doch Maat: s' ist gleichwie ein Kettfaden der sich herausnimmt
aus einem Gefüge dessen wirres Muster ihn von je gestört

nimmt sich die Freiheit
vielleicht den blinden Schöpfer zu verdrießen
der diese Flucht mehr ahnt denn merkt

den Ausweg - wär's denn einer -
wähnt der Demiurg durch Einsicht gut versperrt

verflixt und zugenäht:
ich schlüg ihm gern ein Schnippchen
und tötete ihn ganz kalt

erwürgt ihn mit seinem eignen härenen Faden
mit dem darauf geschriebenen Sklavenleben
das solchen Haß in mir genährt

so hört ihr Leut: s'wär ein Aufstand kein Entrinnen
zum Umdrehen eines neuen Tags der sich vermeintlich rötet

gleichviel einen bessren Vorschlag
wer ihn wohl hätt zu machen
der gib ihn mir freundlichst jetzt gleich preis

ich zieh sonst blank
kenn keine Skrupel

bin ja ganz versessen auf eure Haut und euer Haar

sammle in meinem Beutel auch die schwarz verfärbten
Menschenohren

doch in Le Havre Freunde an jenem bestimmten Tag
ich schwör's beim Laut meiner geschminkten Lippen
war ich ganz sicher nicht

Ein alter Materialist: im toten Staub der Dörrkammer seines Intellekts, gegen jeglichen Lichteinfall abgeschirmt, raschelt er mit den wenigen ihm noch verbliebenen Dolden - wenn jetzt ein unversehener Gedanke zünden würde, nur ein kümmerliches Häuflein Asche kündete von dieser längst überlebten Existenz.

Die Visagen ihrer Henker such ich in den Augen der Gehenkten
in der Iris der Verrückten den Glanz von Gold in unserer Zeit
im Bachbett den achatnen Zeugen
gefoltert in einer meisterlichen Esse
in der ein glänzendes Geschirr dauerhaft der Schönheit angepaßt
spinnenglutenverzehrter Ort -
die Chrematologie weiß nichts davon
und die Säulenheiligen machen sich nichts daraus

- wo den Himmelskugeln Gebein und endliche Form gegossen
und worin ihnen Mantel und Faltenwurf auf den Leib gebrannt

Dazu am First der Welt vernehm ich den diskordanten
Ton der Sterne:
ihre Klage um den Verlust der Ausgewogenheit des Baus
rührt noch das geflammte Herzgestein
den tauben Kiesel
der solch eitle Suche unbeirrt begleitet
mit einem Schlag der stets zu wissen glaubt
obwohl er nichts erinnert
und ohnehin alles gleich kalt und freudlos kommentiert

tiranni ed oppressori ... das ist der Ruf zum Steinerweichen
es ist das Sehnen und das Zehren
das Rätsel der Romantik die geheime Mahnung jeder Stunde
es ist das nachhaltig wirkende Gift
das Zauberhaar der Dinge

das einen so stark entfremdet
dem Ursprung einer falschen Ordnung
dem Trugbild einer in der Zeit erschöpften Welt
um am Ende dann für eine Weile
die begehrte Absonderung eines entrückten Postens
zu erinnern

ein karger blanker Turm
kalt und unbestechlich wie eine Magnetnadel
die böse aus langer Dämmerung
über die Flut des Tages ragt
eine vereinsamte Spindel so weitabgelegen
gehüllt in Brand und Rauch

es glimmt auf seinem verwaisten Ginsterrücken
das alte wilde Auge der Natur
Kompaß der ganz unverwandt nach Norden schaut
hyperboreische Region im Glanz der Sagen
wo ein lichter Himmel auf ewig hin die Prophezeiung der Nacht umgarnt
und eine wirre kopflose Bettlerin dazu veranlaßt
unerhörte Worte in den Sand zu schreiben:

schön wie das unerwartete Aufeinandertreffen von Kant und Swedenborg
vor dem Mast eines Linienschiffs
- sie werden einander nichts schuldig bleiben noch sich selbst betrügen
in dieser nachtlosen Nacht -
schön wie ein vollständiger Mensch
der aus den Wolken fällt


In der Kalmenzone meines Herzens
die ein Dreieck bildet
dessen Schenkelspitze
aus den Bergen weist
auf die Haltestellen eines Krieges
der nun schon seit Ewigkeiten in Gang ist
lagert der Schlüssel zu einer Offenbarung
die noch zu jeder Zeit willkommen war


Weit abgeschieden
talfern in ortloser Ungebundenheit
ein Trachten das unversöhnlich bleibt -
wer je sein Brot in Freiheit aß
dem wehrt so leicht keiner mehr
den Blick auf Borromäische Inseln
und andere Kostbarkeiten


unterwegs -
er bricht das brot der armen
städte breiten sich vor ihm aus
oder steigen empor aus der ebene
verhärmter glanz einer anderen
einer unwiederbringbaren zeit
in der das wort landstraße
wie von selbst
magische bilder bereit hielt
vom stillstand unter der sonne
und von wogenden weizenfeldern
auf augenhöhe
mit denen hungrige blicke
mühelos schritt halten konnten


Die Nacht von San Lorenzo ist wohl makellos
dennoch geizt sie etwas
mit dem Schauspiel ihrer Tränen
und schafft damit ein Menetekel
in einer bald gänzlich zum Zeichen geronnenen Welt


der briefträger cheval

das verbrechen der architekten besteht in der konstruktion
der diktatorischen wirklichkeit

über einer insel wo das gelächter anbrandet
aus dem unendlichen
und der verstand ohnehin konvertierbar ist
auf heller und pfennig
in jede nur denkbare währung
kopfüber
das vogelkreuz des südens steht

zwischen windstoß und feuergarbe
treiben trinksprüche verstümmelt hügelan
an einer ziegelmauer zwischen den schenkeln eines rauhen
gebirgs
lehnt ein polizist im schafspelz
das blut auf seinem antlitz ist längst eingetrocknet
sein mehr als weltabgewandter blick
schaut er vielleicht das unsagbare
oder geht ihm endlich ein licht auf
doch vorerst denkt niemand daran seinen tod rückgängig
zu machen
noch an den schutz irgendeiner verfassung in so einer
neujahrsnacht
da aus unterirdischen gefängnissen lava quillt
und die straßen der ausgestorbenen stadt mit geschoßhülsen
gepflastert sind
aus denen die mauerblumen wachsen werden

das kommissariat des geistes ist die wirklichkeit -
ein hausspruch gegen die seekrankheit und den sturm
der aufzieht
ziert die vorderseite eines alten betsaales
aus der zeit vor der einrichtung der sperrbezirke
und nach der ausbreitung einer bestimmten geschlechtskrankheit
die die kanonen des priapos für eine weile verstummen ließ
heute dient er der grenzziehungskommission als ein
gespenstischer tagungsort seltsam verschönt durch den schein
mitternächtlicher brände
kaum jemand glaubt daß es ihr gelingen wird den faden
neu aufzurollen
die sache zu verwickelt
das leben zu kurz
doch weithin weithin sichtbar wird
der pfirsichfarbene widerschein einer neuen trunkenen
offenbarung
die auf flachen wassern glänzt

eine kraft die zusammenhält was stets zu bersten droht
mag schneller sein als der lichtstrahl der bereits unterwegs ist
diese nacht zu töten
doch vor der wirklichkeit der blumen
verliert das gesetz der pyramidenschüttung an allgemeiner
gültigkeit
die anzuzweifeln mir zu keiner zeit die geringste mühe
abverlangt

ein beweis für diese behauptung läßt sich im idealen palast
des briefträgers cheval finden
hautes rive (dèp. dróme)
den dieser trotz völliger unkenntnis der architektur
errichtet hat

arglos asbest auf abend reimend
ein irregulärer in der metro
eingeklemmt
zwischen arschlöchern und aktenkoffern
ein überlebender aus der zeit
der mitternachtsausgaben
oder noch von früher her
der zug hat eine enorme verspätung
mit dem warten in der alltagswüste
wächst auch der groll auf dies und das
wehe dem retter der jetzt
noch zu kommen wagt

aus der mauer heraus löst sich der geflügelte stein
- ein vorgang der mich - über die brüstung dieser alten Veste
gelehnt - nicht weiter verwundert - entspricht er doch
im grunde der Verwandlung eines Zeichens
in ein Wesen aus Fleisch und Blut
bevor es sich für ein ganzes Jahrhundert schließt
wird dich das Baumauge noch eine zeitlang verfolgen
hinter deinem Rücken wirft es seinen Phosphorblick
auf den Pfad den es zum Leuchten bringt
bärtige Erinnerungen reihen sich gewissen Statuetten gleich
und schießen auf dich ab ihre makellosen Pfeile aus Glas
schon blüht unter dir gebündelt im Weizen
das Feuer einer anderen Zeit
nach den Leuchtkäfern die Grillen
- die Grillen und auch die Bannwaldhexen -
sie leben in den Tag hinein der da so heiß und gesättigt
wartet auf den Schritt der Großen Ährenleserin
die Steine und die Sterne sie tauschen ihre funkelnden Botschaften
damit ihnen irgendwo auf der Fluchtleiter
zwischen Himmel und Hölle ein hoher Wunsch in Erfüllung geht
ihre Hochzeit allein drückt zuletzt dem so unruhig ausgebreiteten
Mantel auf diesem Stoppelfeld da unten ein immerhin noch
kindliches Gepräge auf
Falter ergehen und verzehren sich in Atlas und Samt
verbraucht der Duft der Balsaminen
im Reich der Kristalle das kommt
schwingt bald eine andere Königin
ihr grausames Szepter


Tangled up in blue

Vertriebener Taumler aus dem Grünland
hochaufgetürmte Stunden ohne Zeit
Im Mantel fremder Steppen Glanz
verweht das Echo ferner Kriege Staub
Glanz Staub und Dung

Das Abendhaus erglüht im Schein geraubter Sonnen
breit und behäbig wie ein ermatteter Traum
Es ruht holzgedeckt im Schutz verzogener Schindeln
und unterm Fenstersturz da harrt im Bettelwurf die Nonne -
ein falscher Arzt stellt geflissentlich den Schein aus:
Verblichen ist der Wollust treue teure Magd
kein Diener röchelt mehr im Reich der Sinne

Nicht lange hält das angenehme Trugbild
denn - der träge Geist ist noch nicht vollends erschlafft -
schon bricht da ein vorbestimmt mechanischer Akkord
die Stille
als Auftakt zu einem höllentiefen Schrei
Von solch geschäftigem Weckruf überstimmt
der willensmüde Zweifler -
er überprüft ein letztes Mal den flüchtigen Stand der Dinge -
das ganze traurige ans Herz gewachsne Inventar

Ein Augenblick -
noch währt die Ewigkeit
im nächsten schon wirft der Himmel Brand aus
doch wir -
wir löschen in der Hölle
und wechseln kurz vor der geplanten Sprengung
erschöpfter Brücken Lager
züchten Fleisch und nichten Träume
halbautomatische Irrgänger im Maschinensommer
vergiften Brunnen und vergeuden unwiederbringlich
das Holz von tausend Jahre alten Bäumen
Und wieder winkt ein Sieg dem nächsten
auf seinem dornenreichen Lauf

It's so ugly
so ugly


Morgen ist kein anderer Tag (social lyric)

Mein Gefängnis ist ein Treibhaus seltener Blumen
Am Abend rückt der Waldrand näher an die Mauern heran
Tagsüber stülpt sich das Innere nach außen
Lieder werden gelesen wie Landkarten
Die darauf verzeichneten Fluchtlinien sind wie Flußtäler
eingeschnitten in eine weite Flur
Wilde Tiere und Menschen wandern auf ihrem Schild
einzeln und in Herden

Neben dem Dunst den die Sonne emporhebt
schwebt kein Geist mehr über den Wassern
Die Gesellschaften sind verfallen
außer solchen die gerade auf der Jagd sind
oder auf der Reise

Einen Lidschlag lang verharrt die Welt gestaltlos
und birgt kaum Stoff für Dramen aller Art
Jenseits der Stasishülle
vibriert der Grundton sozialer Musik
Bereits eine Ewigkeit warten Lewis & Clark
auf den Start ihrer Expedition
die jetzt niemals stattfinden wird

Meine mit Unwissen getränkte Willkür
will so vieles nicht wahrhaben
Sie greift auf die Krücken der Illusion zurück
Ein ganzer Zug fremder Räume Gestalten Bilder
bewegt sich gemessenen Schritts
durch ihren gemauerten Sarg
Morgen ist kein anderer Tag
ist in diesem Marsch der Refrain


Requiem für eine Landschaft

Meine beflügelte Hoffnung mit dem dunklen Glanz -
sie trägt Rabenschwingen
Bei Tag und in der Nacht erinnert sie die Trümmer
einer verborgenen Zeit
Gedanke
Lachhaft wird es wenn fade Angestellte
die in der Asche eines poetisch belanglosen Lebens stochern
neuerdings auf alte Götter schwören
die man hierzulande kaum recht gekannt
und Erinnerung:
Wo allenthalben Lebensbäume wie zum Hohn
als erfrischender Abschiedsgruß samtne Gräber überschatten
oder gar an entropischen Eigenheimen Spalier stehen
da wird längst kein Banzen mehr ausgepicht
noch erntet jemand Eis am Galgen
Bein - und Wirtshäuser sind aus der Mode -
so wie alles was sonst noch schreckt und Haken hat
auch bald von der Bildfläche verschwunden sein wird
Wie der Teufel das Weihwasser
so scheuen die Klausner der Moderne
die leeren Orte -
sie drängen sich auf gebahnten Wegen
die keine Einkehr zulassen
Nirgendwo ein Häusler den eine genialische Phase des Rokoko
für einen Augenblick aus seinem Stocket in himmlische Sphären hebt
Alle Geschichte ist bloß durch Fiktion geschönte Willkür
Geschichte heißt Vereitelung
Geschichte gibt es nicht - nur Golfplätze
die von ziehenden Staren gemieden werden

Waldorf und die Baumärkte haben Wessobrunn beerbt
Als neuer Hauptsatz der Thermodynamik gilt:
Die Flasche ist heute wichtiger denn ihr Inhalt
Reihenhaussiedler sind Grenzscheiden bebauende Barbaren
gegen die kein Limes hilft
Eigentum ist Anmaßung - Biedermeier nennt sich Rock'n Roll
Gelegenheitsdichtung ist Scheiße - doch unter hohem Druck
lassen sich aus Kohle sogar Diamanten pressen usw.

Immerhin - manch ein Ort hält sich
an dem die Hoffnung
obwohl in all dem Wahnwitz ziemlich lädiert
weiterhin ragend Wache steht
Great things are done when Men & Mountains meet
This is not Done by Jostling in the Street

Das Erhabene trägt keine Schuld
wenn der Mensch sich erniedrigt


Ein Traumfragment

... Hier entfaltet sich die Traumschau unwirklicher Szenen wie sie ein im ganzen vergebliches Leben illustrieren mögen, festgehalten in den unendlich verlangsamt ablaufenden Sekunden vor der unabwendbaren Offenlegung einer schrecklichen Wahrheit, auf die bereits alle Anzeichen hingewiesen haben, die freilich erst im nachhinein, in der gesammelten Rückschau, in der ihnen eigenen wahren Bedeutsamkeit und durch die in sie eingeschriebene Richtung erkannt werden können - vordem pflegte man sie, unter Entwicklung eines unbestimmt schlechten Gefühls, in einer leisen, sogleich beiseite geschobenen Vorahnung, zu übergehen - , da der überstürzte Tagesablauf an jeder Ecke unendliche Möglichkeiten der Ablenkung bereithält. Doch in den klaren und konzentrierten fotographischen Aufnahmen, die fortwährend im Schlaf aufscheinen und nichts an Deutlichkeit zu wünschen übrig lassen, stört keine vorübereilende Flüchtigkeit, an die der wache Geist sich bereitwillig klammern könnte, die unmittelbare Empfindung einer tiefen Beunruhigung - alles ist auf die nahende Katastrophe hin ausgerichtet.
Sie füllt bereits die dunklen Winkel der Räume, hängt über den Möbelstücken, deutet sich an in dem selbsttätigen Zurückweichen der Flügeltür, dem Flackern der Kerzen, die ein geisterhaftes Licht auf das Tafelgeschirr werfen, dem Ausweiten eines nassen Mauerfleckens, der formlos unaufhörlich anwächst. Sie begleitet die schuldbewußten Bewegungen gespenstischer Kuttenträger im Hof eines längst aufgelassenen Klosters, das unvermutet an derselben Stelle erscheint, wo gerade noch hohe Wellen einer sturmgekämmten See über achtlos aufgetürmte Steine hinweg an die Brüstung einer Seepromenade schlugen und die Gischt über die Breite der dahinter gelegenen Straße auf niedergeduckte Häuser regnen ließen, deren Fensterfronten und Eingänge gleichwohl vernagelt sind, sodaß dem zurückweichenden und eine Zuflucht suchenden Reisenden die gothische Kirche als der einzige, obschon unsichere Ort erscheint, wohin er sich noch wenden kann.
Doch kaum richtet dieser seinen Schritt auf die leichte Anhöhe hin - aus den Falten seiner Erinnerung windet sich eine Bezeichnung für jene Erhebung: sie wird im Volksmund "der Sonnenhügel" genannt -, wird ihm die Bedeutung des Zusammentreffens so unterschiedener Situationen, Kirche und Meer, bewußt und auch die diese Konstellation bergende Drohung. Die Szenerie wechselt, wenn nicht die Bedeutung, so doch die Örtlichkeit. Sie löst sich auf beim angstvoll erwarteten Anblick der Kuttenträger im Klosterhof, den nun nur mehr die Ruinen des Klostergebäudes umstehen, in einem unartikulierten Schrei, der seltsam abgerundet wie aus einem durch Laub gedämpften Lager, mehrfach im Tunnel der Mundhöhle widerhallt.
Der Schläfer erwacht, um im selben Augenblick zu vergessen -, so nah der Wahrheit und dem Schrecken und doch so fern.


© Egon Günther


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