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ERVIN LÁZÁR

Märchen über einen, der entgegenkam

Dieser Mensch, der entgegenkam, hatte überhaupt keinen Kopf. Wie ein Haus, wie ein Gasbehälter, wie ein Gurkentransportwaggon.
Dörr-bömm-dörr, er stampfte auf Bergkämme und Städte. Das heißt, er hatte gar nicht einen so großen Kopf. Nur, wie ein Kartoffelkochdämpfer, wie ein Laugbottich, wie ein Abbrühkessel.
Bimm-bumm-bimm, er tritt auf Flüsse, Brücken, Auen. Eigentlich hatte er einen kaum größeren Kopf, als normal.
Wie ein stattlicher gemeiner Kürbis, ein rosa Luftballon, eine aufgepustete Ochsenblase.
Tschirr-tschörr-tschirr, er tritt auf Häuser, Blumengärten, Spielplätze.
Wir können auch sagen, sein Kopf war von normaler Größe. Wie deiner, meiner, oder ihrer.
Tipp-topp-tipp, er tritt auf Hirtenhunde, Scheunen, Weizenfelder.
Sein Kopf war gar nicht von normaler Größe. Er war kleiner. Wie eine Konservenbüchse, wie eine Gurke, wie ein größer gearteter Apfel.
Chiß-choß-chiß, er schlufte auf Ferkelchen, Klatschmohne, Hemdchen.
Freilich, er hatte einen ganz kleinen Kopf.
Wie ein Nadelkopf, wie ein Mohnkorn, wie eine Kleiderlaus.
Schitj-schutj-schitj, er schritt einher auf schöne Formen, Blumenduft und Träume.
Dieser Mensch, der entgegenkam, hatte überhaupt keinen Kopf.


Ein Herr mit grünem Stößer*

Lachertiolainen Tschongulinsurjan fiel mir im Regen ein. Es war ein feinkörniger Regen, das Passende für einsame Menschen. Hierzu gehört auch noch die Óhegy Straße. Und die Nacht. Besser gesagt, die Nacht in der Óhegy Straße. In der Óhegy Straße sind nämlich die Nächte gänzlich anders als irgendwo sonst auf der Welt. In dieser Nacht trug ich sehr viele Steine in mir. Meine Steine, anderer Leute Steine. Und Regen, Regen, Regen. Gewöhnlich pflegen die Bäume und die Leitungsmasten mich auf dem Nachhauseweg zu grüßen. Und die Laternen auch. Jetzt: die Bäume unterm Regenschirm, die Leitungsmasten im Gummimantel, die Laternen brannten nicht einmal.
Ich wusste, gleich zu Hause angekommen wird es auch nicht besser sein. Der Schlüssel knirscht feindselig, holpernd öffnet sich die Tür. In meinem Zimmer begrüßen mich ein leeres Blatt, ein kopfüber gedrehtes Bild und eine grinsende Aufschrift:

TSNEIDSGNUTTER, RHEWREUEF, IEZILOP.

Man müsste sich auf den Bordstein setzen - sprach ich leise bei mir - und gar nie mehr aufstehen.
Und in diesem Augenblick fiel mir Lachertiolainen Tschongulinsurjan ein.
Herr Tschongulinsurjan geht gerade durch das Gelände des alten Müllplatzes, meinte ich. Er geht um die Stängel des Unkrauts. Er pfeift vor sich hin. Er ist mit einem eleganten schwarzen Jackett bekleidet und mit einem grünen Stößer. Jetzt gelangt er aus dem Unkrautmeer hinaus. Im gestreuten Licht entziffert er die Aufschrift des rostenden Schildes, das neben dem Müllplatz angebracht war

DAS ABLADEN VON MÜLL IST VERBOTEN!

Er kichert. Worüber amüsiert der sich. Was ist schon so komisch dabei: Abladen von Müll verboten!? Zugegeben, ich beginne auch zu kichern. Dieser Lachertiolainen Tschongulinsurjan! Na, steh nicht dort so herum - denke ich: Wenn du schon dort so rumstehst, komm her! Da kommt er auch. Ich meine, er kommt jetzt.
Schon mag er an der polnischen Kapelle entlanggehen, an der Statue der Maria. Vielleicht lüftet er auch den grünen Stößer. Entweder schleicht er sich am Saum des Zauns entlang, oder er trippelt draußen, inmitten der Fahrbahn. Man kann es nicht wissen. Jedenfalls, er kommt. Jetzt mag er einem nächtlichen Passanten begegnen. Er lässt sich nicht beirren - denn ihn bemerkt ja eh gar kein Passant. Lachertiolainen Tschongulinsurjan ist nämlich auch samt seines Stößers lediglich sieben Zentimeter groß. Ohne den: fünf. Er kommt also vergnüglich. Freut sich auch über den Regen. Regenperlen glitzern auf seinem grünen Stößer. Herr Tschongulinsurjan zündet sich nun eine Zigarre an. Tastet seine Taschen ab. Er blüht. Hat noch alles dabei. In seiner linken Hosentasche ein so großes, buntes Taschentuch, wie die Takla Makan Wüste, in der Rechten eine Turmuhr, in seiner Gesäßtasche einen Weißdornbusch, in seiner Uhrentasche Schlüssel, Nägel und Zugvögel. In seiner linken Jackett-Tasche das Königreich Nepal mit seiner Hauptstadt, mit Katmandu und mit all seinen Bergen, in der rechten eine uralte, aus Holz hergestellte Zwirnspule. In seiner Innentasche ein Superhopp und acht Sachen, ohne dass er selbst wüsste, was diese sein mögen. Um seinen Hals, an einer Büroklammerkette, wie ein Medaillon, hängt die Insel Madagaskar. Antananarivo ist über seinem Brustbein.
Jetzt sollte er die Márga Straße verlassen haben - dachte ich -, langsam kommt er hier an, und ich stiere steif auf den Asphalt: Kleine Regentropfen - große Regentropfen - Explosionen. Nachdem eine halbe Stunde verstrichen war, war er immer noch nicht da. Vielleicht habe ich mich geirrt, vielleicht kommt er erst jetzt durch das Unkraut des Müllplatzes. Während eine neue halbe Stunde verstrich, traf er immer noch nicht ein, aber meine Laune, sie hat sich deshalb noch nicht verschlechtert. Warum hätte sie sich auch deswegen verschlechtern sollen, ich wusste ja: Lachertiolainen Tschongulinsurjan war unterwegs zu mir.
Ich bin nach Hause gegangen. Ich legte mich hin, konnte aber nicht einschlafen. Großer Gott, fiel mir ein, möglicherweise tritt er schon auf der Stelle, hier vor der Tür. Ich stürzte hinaus, aber da war niemand. Die Klingel!, kam es mir plötzlich in den Sinn. Der Ärmste könnte hier stehen bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag! Er kann die Klingel nicht erreichen. Ich besorgte Zangen, einen Hammer, Drähte. Zum Morgengrauen stand das große Werk: Der Klingelknopf war auf dem Türrahmen fünf Zentimeter über dem Boden. Jetzt kannst du kommen, Lachertiolainen Tschongulinsurjan. Ich warf mich rücklings auf mein Bett. Seitdem liege ich hier und warte. Ich bin mir sicher, einmal wird die Klingel ertönen. Lachertiolainen Tschongulinsurjan kommt herein, von seinem grünen Stößer schüttelt er das Wasser ab, nimmt Platz am Rand meines Aschenbechers und sagt: Ich bin da, alter Junge! Die rechte Tasche seines Jacketts bauscht sich ein bisschen. Kein Wunder, in ihr ist der halbe Himalaja.

* Hut des Fiakers in Österreich


Zwievigevespräväch

- Kargannst durgu sorgo rergedergen?
- Nergain.
- üvund sovo
- Avauvuch nivicht.
- Davann kövönneven wivir nivicht miviteveinavandever revedeven.
- Davas ivist havalt sovo.


Pferd im Haus

Zeugen fanden sich mehrere. Ein Blaupflaumenhändler, ein Wohnblockaufseher, ein Beuteaufkäufer, ein Stubenpilzmeister und ein Ladearbeiter. Alle haben das Pferd gesehen. Bis zur Brust im Unkraut kam es aus der Richtung des alten Müllplatzgeländes. Sie beide (der Mann: wie eine Tanne, neben ihm der kleine Fratz: wie ein Kopfnagel), standen auf dem Betonpflaster der Óhegy Strasse und begannen, Freudenschreie auszustoßen. Daraufhin fiel das Pferd in Trab. Der Stubenpilzmeister sagt, es habe auch Freudenschreie ausgestoßen. Nämlich das Pferd. Auf dem Fahrkörper schlossen sie sich in die Arme. Der Tannenmann, das Kopfnagelkind und das Pferd. Laut Blaupflaumenhändler habe auch das Pferd den Mann und das Kind in die Arme geschlossen.
Den hauptamtlichen Ermittlungskommissar interessierte das nicht. - Nebensache -, sagte er. Auch die Farbe des Pferdes interessierte ihn nicht, schon allein aus dem Grunde nicht, weil alle Zeugen etwas anderes behaupteten. Der Blaupflaumenhändler sagte: apfelgrau, der Wohnblockaufseher: braun, laut Beuteaufkäufer gelb, der Stubenpilzmeister sah es schwarz. Der Ladearbeiter schwor, dass es blau war.
- Blaue Pferde gibt es nicht -, sagte der hauptamtliche Ermittlungskommissar.
Dies ist allerdings gewiss, dass jene - der Tannenvater, das Kopfnagelkind und das Pferd -, freundlich nach Hause lostrotteten. Das behaupteten die Zeugen einstimmig. Das Pferd war nicht gehalftert, es trottete zwischen dem Kind und dem Mann einher. Sie unterhielten sich. Oder zumindest behauptete das der Ladearbeiter. Sie kamen vor das Mietshaus, zogen über die Treppen hinauf. Vorne das Kind, hinter ihm das Pferd, dann der Mann. Sie polterten den Außengang der zweiten Etage entlang und marschierten in die Wohnung.
- Und sie donnern, jauchzen, wiehern und poltern -, sagte streng der hauptamtliche
Ermittlungskommissar.
Die Zeugen nickten.
Der Ermittlungskommissar klingelte um die Mittagszeit an der Tür der Wohnung.
- Sie halten ein Pferd im Haus!
Das Kopfnagelkind - es reichte seinem Vater bis zum Schenkelansatz - und der Tannenmann schauten sich an. Um ihre Augen liefen gutartige Runzeln. Auf dem Gesicht des kleinen Fratzen vertieften sich zwei Gruben.
- Hier? Pferd? -, mimten sie im Chor, und strotzten fast vor Glück.
Der hauptamtliche Ermittlungskommissar schob sie mit einer schönen, runden Gebärde zur Seite und trat in das Vorzimmer. Er schnupperte durch die Luft.
- Pferdegeruch! -, sagte er triumphierend. - Wo halten Sie´s?
Tatsächlich, im Vorzimmer gab es einen kernigen Pferdegeruch.
Der Tannenvater protestierte.
- Aber! Es ist doch verboten. Was glaubt der Herr Ermittlungskommissar, dass wir
ein Pferd halten auf der zweiten Etage eines Mietshauses?
- Ein apfelgraues! -, rief der Ermittlungskommissar.
- Ah! -, sagten diese. Der Tannenmann ah-te über dem Kopf des Kommissars, das
Kopfnagelkind um seine Knie herum.
- Braun!
- Oh! -, so der Chor.
- Gelb!
- Ah!
- Schwarz!
- Oh! -, die Stimme von unten und oben.
Die Augen des Kommissars verengten sich, zogen sich im Pferdegeruch zusammen.
- Blau? -, fragte er erschrocken.
Um ihre Augen wieder gutartige Runzeln.
- Blau? Blaue Pferde gibt es gar nicht -, sagte die Tanne.
- Ein blaues Pferd, das bläut - sagte das Kind.
Sie flogen. Über den Kopf des Kommissars hinweg, tausend Lichtjahre weit. Und der trabte durch die Wohnung. Durch die Küche, durch die Kammer, durch das kleine Zimmer, durch das Badezimmer, durch das große Zimmer. Er fand kein Pferd.
- Es riecht nach Pferd -, brüllte er, und aufs Neue setzte er an zum Galopp. In der Küche zog sich eine blaue Mähne in die Mauer zurück. Bis er hingriff, war nichts mehr da. Im Zimmer erstrahlte ein blaues Pferdeauge, in der Kammer ein blauer Huf, im Badezimmer eine blaue Ferse und im Vorzimmer eine blaue Hanke. Alles leuchtete auf und verschwand.
Als ob er auch ein blaues Wiehern gehört hätte.
Er fand kein Pferd.
- Sie suchen es vergebens -, sie sehen es ja; in eine Streichholzschachtel konnten
wir es nicht stecken -, sagte der Tannenvater.
- Und doch ist es auch im Salzfässchen -, kicherte das Kopfnagelkind.
Erneut begann der Oberkommissar umherzurennen. Er wollte zur gleichen Zeit alle Räume betreten. Er fand nichts.
- Amtlich stelle ich fest -, sagte er grimmig -, dass sich im Haus kein Pferd befindet.
Er lief die Treppe hinunter. Auch auf der Straße lief er weiter, er traute sich nicht, nach hinten zu sehen. Er wusste, in einem Fenster der zweiten Etage würde er drei Köpfe sehen. Den Kopf eines Kopfnagelkindes, den Kopf eines Tannenmannes und den Kopf eines blauen Pferdes.
Um Himmels Willen! Pferd im Haus!


Fünf, sechs, sieben

Das Getöse der Fabrikhalle ratterte Zähne fletschend zum Fenster hinaus, es wollte die Welt zu Boden drücken, die Blätter der Bäume abreißen, die Mauern eindrücken, die Trommelfelle zum Platzen bringen. Ist es soweit gelangt? Ich weiß es nicht. Bis zu den Wolken bestimmt nicht, bis zur Mitte des Waldes bestimmt nicht, bis in die Herzen der Körner und der Vogeleier bestimmt nicht. Möglicherweise zog es schon am Ende der benachbarten Straße wie ein erschrockener Hirtenhund seinen Schwanz ein, wurde zahm, machte noch zwei Schritte und verging. Zu uns in das Etagenbüro drang es allemal, wenn auch mit der Gewissheit seines kurz bevorstehenden Todes, na, sagen wir, dass es gerade mal sirrte-surrte.
Uns störte es also nicht, wie wir da saßen, um den ernsthaften Tisch herum, ernsthafte Männer in ernsthaftem Schwarz, in unseren Köpfen Zahnradübersetzungen, Transmissionen, Reibungskoeffizienten, Sinusse, Drehmomente, Winkelverschiebungen, Valenzen und Atomgewichte.
Und da quietschte die Klinke laut.
- Hab ich nicht gesagt, dass niemand...-, sagte der Direktor, aber das Wort blieb ihm
im Halse stecken, und uns ebenso, Technikern, Ingenieuren, Werkmeistern, Obermaschinisten, Maschinisten, Dispatchern stockte der Atem. In der Tür stand in einem Hemd, das so rot war wie der Klatschmohn, in einem blutroten Frack, in einer tomatenroten Hose ein weißbärtiger Alter, in Hut und Stiefeln. Diese waren schwarzdrosselschwarz.
Den Weißbärtigen ließ weder die Stimme des Direktors, noch die ertönende Stille innehalten; mit seinem Blick niemand anderen berührend, trat er an mich heran.
- Sie erwartet Sie -, sagte er, seine schwarzdrosselfarbenen Stiefel waren im Boden
verwurzelt, sein schwarzdrosselschwarzer Hut hoch in der Luft, so weit oben wie ein Elsternest.
- Wer, wer erwartet mich, sehn Sie nicht, dass ich zu tun habe? - schrie ich, weil
sowohl eine Befürchtung des Clownrot-Teufelschwarzen, als auch die Unruhe, die aufgrund des Durcheinanders entstanden war, über mich hereinbrachen. Die Strahlen von ein Dutzend Augenpaaren - so spürte ich - könnten mich beschützen, doch diese machten mir bereits Vorwürfe, waren bereits feindselig, hatten mich bereits fallengelassen.
- Die Blume -, beteuerte der Rot-Schwarze -, ihre Blume.
Lacher blubberten, zweideutige Seufzer, eine Blume! - Mein Gesicht wechselte ins Frackrote, ins Hosenrote, ins Hemdrote.
- Welche Blume, ich kenne gar keine Blume -, zischte ich, aber in meinem
Verstand forderten bereits Valenzen Zahnradübersetzungen zum Tanz auf, die Drehmomente schlugen die Knöchel zusammen, die Reibungskoeffizienten setzten die Transmissionen wie ein Musikinstrument an ihre Schultern.
Oh, Köpfe in Schwarz.
Der Greis sprach weiter, als ob er meine verstörte Empörung gar nicht bemerkt hätte:
- Sie werden im Wald von ihr erwartet, in der Mitte der Lichtung.
Damit zog er auch schon aus dem Zimmer, in der Tür ließ ihn das ausbrechende Gelächter verweilen, er ließ seine schwarzdrosselschwarzen Augen über die Gesellschaft gleiten, als ob er den Raureif über ihre gute Laute gehaucht hätte; so saßen sie im Raufrost-Ernst da, bis er hinausgetreten war.
Erst da, haha, hihi, platzte ein Gelächter los, dass es nur so schnalzte, hüpfte, dröhnte, erst da platzten, schnalzten, hüpften und dröhnten die auf mich gerichteten Finger und die Zahnreihen mit Brücken und die Zahnreihen ohne Brücken, die Münder wie Ah, die Münder wie Oh, die Münder wie Pflaumen, die Münder wie Graupen.
Ich stand leise auf - schöner Ball im Kopf -, zürnte nicht den Lachenden und auch nicht diesem merkwürdigen Alten; Zorn, wie wäre mir auch so etwas in den Sinn gekommen, wo ich mir schon beinahe sicher war: Auf einer Waldwiese erwartet mich eine Blume. Als ich in den Hof des Betriebes trat, konnte ich an der Existenz meiner Blume nicht zweifeln, denn das Getöse wagte es nicht, mich zu berühren, es schwirrte über meinen Kopf hinweg, auf meinen Rücken zuhaltend teilte es sich entzwei, in ehrbarem Abstand umging es meine Schultern, auch unter meine Füße traute es sich nicht.
Es ist wahr, mich erwartet eine Blume!
Siehe da, auch das Gebell der Vorstadthunde gelangt nicht zu mir, ich sehe nur die schnappenden Mäuler, die gefletschten Zähne, die Laute fallen wie Steine ein Paar Meter von mir entfernt auf die Erde herab.
Ich lief los.
Im Wald häutete sich die Glashauben-Stille mit leisem Knacken von mir ab, die Vogelstimmen, Blattgeräusche berührten meine Haut.
Auf der Waldwiese wartete eine weiße Blume. Sie bibberte.
- Ich friere -, flüsterte sie - hilf!
Ich kauerte mich neben sie, mit meinen beiden Handtellern umfasste ich sie behütend.
- Ich friere -, sagte sie wieder.
- Ich kann dich anhauchen -, murmelte ich, denn wie hätte ich sie sonst wärmen
können?
- Sonne, die Sonne will ich - sagte sie.
- Aber die Sonne ist oben am Himmel. Sie scheint auf dich - antwortete ich ihr.
- Ich erfriere -, flüsterte sie in einem bemitleidenswerten Ton.
- Ich kann nichts tun -, sagte ich bitter, aber sie fiel mir ins Wort.
- Doch! Du kannst! Heute ist Montag, die über uns ist die Sonne am Montag.
Gib mir die vom nächsten Tag. Gib mir die Sonne von Dienstag.
Ich wollte sagen, dass mir dazu die Macht fehlte, doch den Kräutern und den Bäumen konnte ich ansehen, dass ich so etwas nicht sagen konnte, die Kräuter und die Bäume neigten sich zu mir, der Bogen ihrer angespannten Rücken war mir Ermutigung, Gewissheit.
- Gut -, sagte ich zur Blume -, ich gebe dir die Sonne von Dienstag.
Kaum hatte ich es ausgesprochen, erschien im Osten mit blutrotem Kopf die Sonne von Dienstag, sie blinkte, zauderte, dann, wie ein entfernter Luftballon, begann sie, in flüssiger Luft zu steigen.
Die Kelchblätter meiner Blume wuchsen sichtlich, ihre Farbe wechselte ins Märzblumengelb.
- Siehst du, richtig lau ist es mir, siehst du -, stammelte sie, einen Augenblick lang
begann sie zu lächeln, und im Licht der beiden prunkenden Sonnen sagte sie immer noch bibbernd:
- Auch die von Mittwoch!
Und ich streckte meine Arme glücklich in den Himmel, sollte sie doch kommen. Und die rötende, giftige Blase schwamm schon auf den Zenit zu.
Drei Sonnen leuchteten hell am Himmel, dreifaches Licht vibrierte zwischen den Bäumen, die Wärme schunkelte die Erde durch und durch, nahm uns auf den Rücken wie ein dickwässriges, gutmütiges Meer; wir schwebten, wir schwangen, wir stiegen, das Kelchblatt meiner Blume wurde fülliger, setzte Fleisch an, ihr nun meergrünes Lächeln sickerte bis in meine Knochen, durchzog auch die Bäume und die Kräuter; die Zweige der Sträucher erstrahlten.
- Sonne, Sonne, noch mehr Sonne -, schrie sie beglückt, brach in lautes klares
Lachen aus, und auf mein Zeichen hin, wie ein beflügeltes Zauberpferd, hüpfte auch die Sonne von Donnerstag hinauf, das Licht und die Wärme umspannten uns wohlig, sie umklammerten uns, die mit Licht durchtränkte Erde ergoss die Wärme aus sich in Strahlen, die Bäume wogen in ihrer besinnungslosen Seeligkeit ihre Stämme, das Licht drang bis zu ihren Haarwurzeln.
Meine Blume wuchs zu der Größe einer Tulpe heran, prunkte mit dem blauen Glitzern von Edelsteinen, leuchtete wie oben die vier Sonnen.
Ohne mein Zutun brachen die Worte aus mir hervor:
- Auch die von Freitag soll dir gehören, los, Sonne von Freitag!
Da kam sie unverzüglich, golden, majestätisch; das Licht drückte uns gegen die Erde, ließ sich mit Zentnergewicht auf uns nieder, man hörte das stockende, wollüstige Atmen der Bäume. Meine Blume wurde stählernrot im Prunk der fünf Sonnen, üppig und verführerisch taumelte sie vor meinem von Schweiß gestreiften Gesicht; in ihrem Rot sprühte der Hochmut Funken, fünf Sonnen am Himmel, fünf geschmolzene goldene Kugeln.
- Auch die von Samstag! -, schrie die Blume, und ich, nicht wissend, was ich tat, plapperte ihr nach:
- Auch die von Samstag!
Die Samstag-Sonne ging keuchend auf, schwer stieg sie empor in der siedenden Lichtflut, unsere Augen ertrugen kaum noch die Messerklingen-Blendung, die Glut walzte uns gegen die Erde, das Kreuz der Bäume knarrte in der Umklammerung der drückenden Wärme, wir keuchten nur noch, ich presste mein Gesicht gegen die Erde, Purpurfarbe ergoss sich um mich herum. Ich wusste, meine Blume ging ins Purpurrote über, schon war sie größer als ich, in ihrem armdicken Stiel konnte man das Zirkulieren der Säfte sehen, mit unartikulierter Stimme schrie sie auf, und ich, gegen die Erde Gewälzter, halb zu Tode Gedrückter wusste, was sie wollte; ich hob meine Hand, die Bewegung, oder weniger noch, die Regung war gerade noch zu sehen, aber schon brach die Sonne von Sonntag auf und schritt ihren Weggenossen hinterher. Die Helligkeit gab jetzt Töne von sich, sie tobte und brodelte, die Luft wurde so dickflüssig wie Quecksilber, ich wartete, dass mich die Glut aufsaugte, sie mich in sich schmolz, meinen Handteller presste ich auf meine Augen. Vielleicht lebe ich gar nicht mehr, dachte ich, vielleicht ist die ganze Welt schon homogen, dicke Lava. Auch ich schwimme in ihr, meine Zellen entfernen sich dort langsam voneinander, zart berühren sie die zerstreuten Zellen der Vögel, der Fische, der Pflanzen, dann schwimmen alle, zerfallen in Atome: Steine, Felder, Fabrikschlote, Kinderspielzeug gemeinsam mit meinen Atomen. Oh, sieben Sonnen am Himmel!
- Wetten, dass du jetzt schwarz bist -, stöhnte ich meiner Blume zu, aber dann glitt
auf einmal ein kühler Hauch über meinen Rücken, ich spürte: Kühle Dünste fielen auf mich, ich hob meinen Kopf, rotes Licht blendete mich einen Augenblick lang, dann nichts mehr, gerade noch, dass ich den rötenden Saum der sieben wie Steinbrocken zu Boden stürzenden Sonnen erblickte: Dunkelheit umgab mich. Schwarz, schwarz, blumenschwarz.
Das Frösteln durchfuhr meine Haut, langsam, erbarmungslos sickerte es auf meine Eingeweide zu.
- Wo bist du -, schrie ich, - wo bist du? Aber es kam keine Antwort. Meine Blume
gab nichts von sich.
Langsam, behutsam begann ich, die Erde um mich herum abzutasten. Ich suchte die Blume, aber nur Gras, Kieselsteine, Kieselsteine, Gras. Immer schneller kroch ich, schon kümmerte mich nicht einmal, dass ich die Blume, kreuzte sie dennoch meinen Weg, niedertrampeln könnte, wenigstens ihren gebrochenen Stiel, ihre zerknitterten Kelchblätter musste ich berühren, damit ich wusste, dass es sie gab, damit ich meine Blume spüren konnte. Aber ich fand sie nicht. Und es kam mir wie ein Blitz in den Sinn, du lieber Gott, sechs Tage lang wird es dunkel sein, es wird sechs Tage keine Sonne aufgehen. Ich rannte los, im Glauben, auf dem Weg nach Hause zu sein, aber Ranken wickelten sich um meine Beine, Geäst schlug mir ins Gesicht, ich prallte gegen Baumstämme. Immer wieder stürzend irrte ich im Wald umher, sterbensmüde. Der Schlaf kam nur für wenige Minuten; in der ausharrenden Dunkelheit wusste ich nicht, war heute Dienstag, Freitag, ob Morgen oder Nacht, ich stammelte, ich schrie, vielleicht weinte ich auch. Dunkel, dunkel, dunkel. Beinahe glaubte ich, ich würde sterben, ohne jede Hoffnung, durchfroren lag ich da, auf todkalter Erde. Eulenschatten zogen über mich hin, Schuppen von Reptilien berührten meine erstarrte Haut.
Oh, siebensonniger Himmel, glühende Lava, schwarze, schwarze Blume!
Dann, als mir so war, dass ich alles nicht mehr ertragen könnte, begann der Saum des Himmels zu tagen, aus der Gräulichkeit erhoben sich dunkelnd die Baumstämme. Der Tag brach an.
Ich lief in Richtung Stadt; sobald ich das Getöse der Fabrik hörte, wurde ich von Glück und Angst ergriffen.
- Seid mir nicht böse -, sagte ich zu meinen Kollegen, - seid mir nicht böse wegen
der sechs Tage Dunkelheit.
Sie sahen mich verwundert an, zogen die Augenbrauen in die Höhe.
- Wovon sprichst du? Was denn für sechs Tage Dunkelheit? - fragten sie
mich.
Ich presste meinen Rücken gegen die Wand. Nicht einmal bemerkt hatten sie das Scheinen von sieben Sonnen am Himmel, nicht einmal bemerkt hatten sie die sechs Tage anhaltende Dunkelheit. Ich presste meinen Rücken gegen die Wand.


Meine sieben Geliebten

Derzeit habe ich sieben Geliebte.
        Die erste hat knochige Schultern, ist etwas pferdeköpfig und zanklustig. Was ich auch tue, es ist ihr nicht gut genug, sie stört mich bei der Arbeit, und droht mir immer wieder, dass ich es schon sehen werde: aus mir werde nichts.
        Die zweite ist ganz klein, mollig, will viele Kinder, und wenn sie es nur vermag, lächelt sie. Sie singt sehr schön - und sie liebt es, zu singen und kann es auch.
        Flatternd, mager ist die dritte. Aber voller Zauber. Sie möchte ein schönes Leben mit mir führen. Hat noch nie gelogen. Mich ermutigt sie auch, nie zu lügen. Und sie sagt, so sei es keine Kunst, nicht zu lügen, wenn man nichts sagt.
        Die vierte ist eine wahre Schönheit. Oder besser, sie ist eine Granate. Sie geht mit lockeren Hüften, wie in Wellen wogend. Sie mag Trinken, Essen, Tanzen. Zerrt mich in Bars, Vergnügungslokale. Auch die Kneipen verachtet sie nicht. Ist aber nie betrunken. Lacht perlengroße Lacher unter den Kohlenmännern. Ist voller Liebe. Die Kohlenmänner lächeln mit ihr.
        Die fünfte ist wortkarg, schwarz, fleißig. Bringt alles um mich in Ordnung, vertraut darauf, ich werde nicht schmutzig sein, wenn sie wiederkommt, meine Haare werden nicht strubbelig sein, und auch meine Schuhe werden wie der Spiegel glänzen. Glaubt unentwegt. Ist traurig, ihre Augenbrauen wachsen zusammen, eine attische Witwe.
        Die sechste ist liederlich. Will nur reisen, herumliegen, herumtanzen. Raus aus dem Kino, rein ins Kino. Aber trotz allem liebt sie auch die Vögel. Wenn die Bäume blühen, sitzt sie stundenlang im Garten herum. Spornt mich an, ich möge mich mit Licht voll atmen. Auf dass ich flöge, die Erde gerade nur mit den Zehenspitzen berührend.
Die siebte trägt immer Schwarz. Ich sah sie nie lächeln. Schaut immer nur nach innen, beschäftigt sich mit meiner Seele. Behütet und lehrt mich. Sie drängt mich, ich möge sie lieben: alle meine sieben Geliebten.
        Aber ich betrüge sie alle sieben.
        Arbeite nicht für die erste, lächle nicht mit der zweiten, belüge die dritte, mit der vierten besaufe ich mich, wenn mich die fünfte antrifft, bin ich immer unordentlich, die sechste vermag mir nicht beizubringen, die Blumen zu lieben, und die siebte beschwört mich vergebens, ich solle sie alle lieben.
        Die Knochigschultrige heißt Montag, die lächelnde Dienstag, die flatternde Mittwoch, die lüsterne Donnerstag, die attische Freitag, die liederliche Samstag. Die nie lächelt, ist der Sonntag.
        Möchten sie einmal mich betrügen: wehe!


Feuer

- Na endlich -, sagte der Adler und ließ Prometheus´ Leber los.
Der Held seufzte auf, diese war seit Jahrtausenden seine erste qualfreie Minute.
Er bewegte seine klamm gewordenen Glieder, seine Ketten rasselten.
- Ist meine Strafe um? - fragte er.
Der Adler zuckte mit den Schultern.
- Ach was! Aber wozu sollt ´ich mich abmüh´n. Es gibt kein Feuer mehr auf der Erde!
Der niedergekettete Mann sprang zornig voran, und obwohl seine Ketten ihn zurückgerissen hatten, schrie er, seine Faust schüttelnd:
- Du lügst, du Hund!
- Kein Hund. Adler. - sagte gleichmütig der robuste Vogel und probierte an seinen
Flügeln herum, ob sie nach der mehrere Jahrtausende währenden Zwangspause noch
funktionierten.
Prometheus´ Zorn wurde nicht gelinder.
- Tu deine Pflicht! - schrie er den Adler an. - Friss von meiner Leber!
- Bin doch nicht übergeschnappt! - ärgerte sich der Adler, - verstehst du nicht, dass
es kein Feuer mehr auf der Erde gibt.
- Willst du behaupten, dass die Götter auch den letzten Menschen vernichtet hätten?
- Teufel noch mal -, winkte der Adler ab -, sie sind zahlreicher denn je.
Prometheus beruhigte sich.
- Ohne Feuer gibt es kein Leben -, sagte er selbstsicher -, los, mach dich an die
Arbeit!
- Versteh´ doch, dass es kein Feuer gibt. Die Menschen kennen kein Feuer mehr. Sie haben es nicht mehr nötig.
- Das ist nicht wahr! - schrie der Held -, ohne Feuer können sie das Essen nicht zubereiten, im Winter erfrieren sie, blind tasten sie sich in der Nacht voran.
- Larifari - sagte der Adler -, sie kochen auf Kochherden, heizen mit der
Zentralheizung und leuchten mit künstlichem Licht.
- Ja, aber woher bekommt die Herdplatte ihre Wärme, was speist die Heizkörper und was gebiert das künstliche Licht? Das Feuer!
- Nicht das Feuer! Das Atom, wenn du es so genau nehmen willst. Sie drücken auf
einen Knopf, und schon ergießt sich das Licht, die Wärme. Es gibt keinen Rauch, es gibt keinen Flammenstich, kein Holzknacken. Es ist viel sauberer, ist viel ungefährlicher!
Prometheus schwieg eine Weile finster, dann leuchtete sein Antlitz auf.
- Und die Kriege? Und die Brandstifter.
- Die Kriege führen sie mit Strahlen - sagte der Adler -, ein schöner, unsichtbarer Strahl,
und ein Haus, eine Stadt, ein Land fällt in Schutt zusammen. Kein Herumballern, kein Qualm, aber steriler Staub. Die Brandstiftung ist eine vergessene, veraltete Methode. Sogar die Feuerwehr gibt es nicht mehr. Nicht einmal mehr die freiwillige. Auch keinen Ball der Feuerwehr. Ball der freiwilligen Strahlenschützer, den gibt´s.
In Prometheus schimmerte noch einmal Hoffnung auf:
- Die Lagerfeuer - sagte er, Feuer der Heimatlosen, der Wanderer, der Ausflügler.
Der Adler winkte ab:
- Gibt's lange nicht mehr. In jedem beliebigen Geschäft kriegst du für einsfünfzig
Kunstlagerfeuer. Das Licht, die Wärme unter Garantie erstklassig. Zweige müssen nicht
gesammelt, das Feuer nicht angepustet, deine Finger nicht verbrannt zu werden...ein
Knopfdruck und fertig. Kommt hinzu, dass es mehrfach verwendet werden kann.
- Ist nicht wahr -, schrie Prometheus. Die Felsen hallten nach "nicht wahr, nicht wahr".
- Ach, was regst du dich auf -, raunzte der Adler -, komm, schau selbst.
Sie schlenderten durch Dörfer in Asien, durch Dschungel in Afrika, durch endlose Großstädte. Die Menschen stierten sie an. Ein Adler und ein nackter Mensch, der mit seinen Ketten rasselt. Hm. In Süd-Amerika erhielten sie vorzügliche Angebote von einem Zirkus. In Australien zahlten sie Strafgeld wegen Verstoßes gegen die guten Sitten, in Europa wegen Ruhestörung. Denn Prometheus´ Ketten rasselten sehr. Und er war sehr nackt. Das Feuer kannten die Menschen nicht. Was? - fragten sie alle, und schüttelten tölpelhaft den Kopf. Feuer, fire, ogony, tüz. Nein, so ein Wort gibt es gar nicht.
- Hehe -, kicherte der Adler, und Prometheus rasselte wild mit seinen Ketten.
In einem an der Meeresküste gelegenen altväterlichen Städtchen fanden sie einen Greis.
- Fragen wir noch diesen Einen -, bat Prometheus den Adler. Der Adler nickte.
- "Feuer" -, wiederholte der Alte das Wort, und verständiges Licht flackerte in seinen
Augen auf. Dort, sagte er, dieses große Haus!
Der Adler konnte mit Prometheus kaum Schritt halten.
Die Fassade des mächtigen, verfallenen Gebäudes wurde von Eisensäulen gehalten. An
der Fassade prangte weiß eine abgewetzte Aufschrift, die Buchstaben angewittert:

FEUERMUSEUM

- Das ist es! - schrie Prometheus - schau da!
- Mal abwarten - sagte der Adler.
Geräuschlos öffneten sich vor ihnen die Photozellentüren. Sie trotteten lange, lieblose Korridore entlang, zwischen den Haufen der Petroleumlampen, der Kerzenenden, der verkommenen Kamine. Sie gelangten in einen großen Raum, der mit Glasschränken gefüllt war. Prometheus rannte beseelt zum ersten, sein Gesicht drückte er gegen die Glasscheibe. "Hirtenfeuer" - dies stand unter der Vitrine geschrieben. Drinnen glotzten ein Stier, seine Hörner waren groß, und ein Mann, der sich in Hut und Stiefeln auf seinen Stock lehnte loderndes Hirtenfeuer an.
- Feuer! - schrie glücklich Prometheus.
- Gemalt - sagte der Adler.
Prometheus starrte auf das Hirtenfeuer, er riss seine Hand vor sein Gesicht. Das Feuer lebte nicht, wie auch der Mensch und der Stier aus Wachs waren. Er rannte zu den Glasschränken, von einem zum anderen. Kesselfeuer, Kaminfeuer, Lagerfeuer, Feuersbrunst, Schmiedefeuer, Lauffeuer...
- Gemalt. Glühbirne, Zinnober, optische Täuschung -, kommentierte alles
sachgemäß der Adler.
Bis sie zum Ende des Raumes gelangt waren, ist Prometheus´ Haar weiß
geworden.
- Dort noch - sagte er dann laut.
In der einen Ecke stand eine kleine Glashaube, mit solch einer decken die Gewürzwarenhändler die Hefe zu. Unter ihr ein Zettel: "Inneres Feuer". Unter der Haube war nichts, der Adler lachte heiser.
Da warf Prometheus seinen Kopf hoch, seine Zähne presste er zusammen, sein
Kinn wurde eisern. Er beschloss, erneut in das Reich der Götter zu gehen und das Feuer zu stehlen.
Vor dem Gebäude, beim Abschied sprach ihn der Adler an:
- Ich weiß, du hast aufs Neue vor, es zu stehlen - er lachte hämisch -, aber sag mir
wenigstens, wozu! Deine Leber ist ja schon wie gemahlener Mohn!
In jener Nacht stahl Prometheus dennoch erneut das Feuer. Mit brennender Fackel rannte er über die Erde, er war wie eine Vision. Die Menschen schauten ihn mit seliger Verwunderung an und schrieen auf: Feuer!


Die Rebublik Masoko

Die Volksversammlung, welche die Staatsgründung vorbereitete, beschloss, für die Zeit des feierlichen Aktes die Staatsgrenzen zu schließen. Er machte also den Schlüssel zum Zimmer des Vermieters ausfindig und schloss die Tür ab. Auch das Fenster machte er zu.
         Er stellte sich neben den Eisenofen, der mit seinem schwarzen Maul Kälte aushauchte - von hier konnte er das Gelände am besten überblicken und rief die Republik Masoko aus. Sehr bescheiden, ohne Saus und Braus rief -,
er sie aus, sogar das Rufen ersetzte er durch ein winziges Weiten der Augen. Aber das änderte nichts an der Tatsache: Die Republik Masoko wurde ausgerufen.
         Er fasste die Staatsgrenzen ins Auge.
         Die Republik Masoko begrenzte im Norden eine mit grün-gelben, raupenartigen Formen bepinselte Wand, mit einem sich häutenden Fleck ätzte sie im linken, oberen Teil Salpeter; gen Osten eine ebensolche Wand, mit einem schmutzigen Fenster mit braunem Rahmen in der Mitte;
nach Süden auch eine Wand, mit Kacheln und Tür; ein guter Teil der westlichen Grenze wurde von der Bettlehne verdeckt - von einem Schrank und Christus auf dem Ölberg. Christus hüllte sich in ein blaues Gewand, blau waren auch die Felsen und die Tannen, auch Christi Sandalen waren blau.
         Im Gegensatz zu anderen Ländern hatte die Republik Masoko auch unten und oben Grenzen - namentlich einen mit einer Flickenmatte bedeckten Parkettboden und eine schmutzige, abblätternde Zimmerdecke. Dies sollte jedoch niemanden zu irrtümlichen Annahmen verleiten; es versteht sich von selbst, dass die Republik Masoko innerhalb der oben erwähnten Grenzen zum Erdmittelpunkt, beziehungsweise in den Himmel reicht.
         Die Volksversammlung wählte nach dem zweiten Punkt der Tagesordnung die Würdenträger. Die volkreiche Gruppe: der Präsident der Republik, der Hauptjongleur, der Oberrichter, der Rauchattaché, der Oberlacher, die Innenminister, der Hauptaufdieschuhspucker, der Minister für Betrübnisangelegenheiten, der Hauptrezitator der Blödeleien, der Schmatzkommissär, der Außenminister, der mit Schlotterangelegenheiten betraute Hauptfrierer und deren sämtliche Vertreter, Untervertreter und Minimalstvertreter - sie alle drängten sich dort an dem Ofen. Auch ich drängte mich dort, jenes Individuum, das gewählt worden war, um sich zu sonnen und vor sich hinzupfeifen.
         Später stellte sich heraus, dass die Republik Masoko vergessen hatte, einen Finanzminister zu ernennen. Die sorgfältige Überprüfung der Staatskasse sanktionierte diese Vergesslichkeit. Der Ministerrat allerdings kooptierte einen Landwirtschaftsminister, da im Fenster der Republik ein Kaktus gedieh.
         Ein Bischof, ein Polizeihauptmann, Steuereinnehmer und Generaldirektoren sind nicht ernannt worden.
         Hiernach besichtigte das Kabinett die Republik Masoko.
         Von der sich in der Mitte erstreckenden Flick-Hochebene hob sich sein Blick und strich über die zweitürigen und vierbeinigen Gebirgsketten, die balearische Hügellandschaft des Bettes,
das gerade mit Ebbe kämpfende Blechlavoirmeer und blieb an der einzigen Naturerscheinung der Republik, an dem an der Nordgrenze leuchtenden Salpeterlicht haften.
         Zufrieden rieb er sich die Hände, auf ein Stück Packpapier schrieb er mit schönen, schattierten Buchstaben:

REPUBLIK MASOKO
ZUTRITT NUR MIT REISEPASS

und schlug es an seiner Tür an. Unter das Salpeternordlicht kritzelte er mit rotem Bleistift:

VERSAGENMUSEUM

Darunter befestigte er eine schmutzige Bahnfahrkarte, eine vollgekritzelte Papierserviette, einen verwelkten Veilchenstrauß, ein halbes Paar Autohandschuhe, eine So-was-wie-eine-Urkunde, einen Soldatenknopf, das Photo eines Mädchens, den Kopf nach unten, zwei Gummipuppen, eine ausgerissene Seite einer Zeitschrift und eine rostige Klinge.
         Auf die andere, freie Seite der Wand schrieb er mit dem selben roten Bleistift:

ERFOLGSAUSSTELLUNG

Unter diese Aufschrift gelangte nur eine ausgerissene Seite aus einem Schreibheft mit der Landkarte der Republik Masoko darauf. Auf der Landkarte vermerkte er in allen Einzelheiten die Berge, Hochebenen, Museen, Salpeterlichter, Ausstellungen und die Vegetation des Landes.
         Er warf sich lang auf die baleare Hügellandschaft, füllte sich mit fruchtbarer Stille. Über den Bergen, Hügeln und Hochebenen der Republik erklang die Hymne von Masoko. Die Hymne war eine Legierung aus blauer Farbe, Stille und den Strahlen des Salpeternordlichts.
         Der erste Grenzverletzer hämmerte mit der Faust nachmittags um fünf an der Tür.
         - Lassen Sie mich sofort herein..., mein Bügeleisen...Sie Idiot! Und was heißt hier Makoso...
         Die Hauptmieterin der Wohnung.
         - Nicht Makoso, Masoko - brüllte er zurück -, und bewahren sie ihr Bügeleisen nicht in der Republik auf.
         Die Dame fluchte röchelnd. Und er alarmierte die masokoer Grenzpolizei.
         - Sie können nur mit einem Reisepass hereinkommen -, schrie er. - Haben Sie einen Reisepass?
         Die Hausfrau rannte weg, wieder hüllte sich die Republik in Stille, aber jetzt ertönte die Hymne von Masoko nicht mehr.
         Vergebens wäre sie auch erklungen, denn nach einigen Minuten kehrten unter donnerndem Getrappel und quiekenden Flüchen die Hauptmieter zurück; die Frau hatte ihre Mannschaft verstärkt: mit zwei martialischen Kriegern von metzgerhaftem Äußeren. Die Tür brachen sie krachend auf, und sie drangen in die Republik Masoko ein.
         Packen Sie! - schrie die Frau, die zwei martialischen Krieger fegten das Versagenmuseum und die Erfolgsausstellung von der Wand.
         Nur seine Bücher passten nicht in seinen Koffer, diese warf das Kriegsvolk, als alles vorüber war, durch die Kellerluke.
         Die Grenzen der Republik Masoko wandelten sich zurück zu schmutzigen Wänden, das Salpeternordlicht erlosch, die Berge zogen ihre Gipfel ein, auch Christus wurde schmierenblau.
         Da stand er, bis zu den Knöcheln in Büchern, der Hauptmieterin und den zwei martialen Kriegern gegenüber.
         - Verscheißern Sie ihre Großtante! - schrieen sie ihn an.
         Und er begann zu lächeln. Es fiel ihm ein, dass die Republik Masoko deswegen nicht untergehen musste. Schon verabschiedete er in seinem Innern das Dekret, das die Veränderungen beschrieb. Seine Haut wurde die Staatsgrenze, seine Nase das Stumpf-Gebirge, sein rechtes Auge der Liebesbrunnen, sein linkes Auge die Freundschaftsquelle.
         - Was grinst du??! - empörte sich der eine Krieger, mit der umgekehrten Hand schlug er zwischen das Stumpf-Gebirge und die Freundschaftsquelle.
         Er fing noch ein paar. Die Republik Masoko kullerte die Treppe hinunter.
         Er humpelte in Richtung der Stadt, der schäbige Kartonkoffer zog an seiner Hand. Aus dem Stumpf-Gebirge sickerte das Blut, die Freundschaftsquelle bedeckte eine lilarote Beule.
         Die Republik Masoko ist gestürzt -, dachte er. Was sollte aus ihm werden, ohne die Republik Masoko?
         Straßenbahnen zogen an ihm vorbei - gelbe Drachen, Autobusse - blaue Drachen, Menschen regenbogenfarben. Bei jeder Begegnung zog er sich zusammen. Er dachte, er sei preisgegeben. Er ließ die schludrigen Häuser der Vorstadt hinter sich, die grausamen Würfel der neuen Wohnsiedlung starrten ihn an, und da fühlte er, wie aus seinem tiefsten Innern ein Lächeln sich sickernd ausbreitete. Das Lächeln verbreitete sich in Wellen, ließ seine inneren Organe erprickeln, tastend erreichte es die Oberfläche seiner Haut. Seine Haut erstrahlte. Seine blutende Nase erglänzte und die lila Beule am Auge auch. Die scharfen Kanten der Häuser wurden stumpf, der gelbe Fleck der Straßenbahn wurde fröhlich. Er setzte den Kartonkoffer ab, er hätte schreien mögen. Jetzt erfuhr er, dass die Republik Masoko nicht gestorben war. Da ist sie in ihm, am tiefsten Ort. Zwar fallen seine nördliche, südliche, östliche und westliche Grenze zusammen, trotzdem passen gut das Versagenmuseum, die Erfolgsaustellung in sie hinein, sie hat auch ein Nordlicht wie auch einen blauen Christus.
         Die Republik Masoko ist von nun an für keinen Grenzverletzer zu erreichen.



© Ervin Lázár – Übersetzung: Kristóf Szabó [www.kristof-szabo.com]

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