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Milan Nápravník

INVERSAGE


Im Koinzidieren von einer besonderen psychischen Verfassung mit Beleuchtung, Kälte und Ort, bückte ich mich an einem späten Novembernachmittag des Jahres 1976, während einer ziellosen Wanderung durch die Sümpfe des Hohen Venn, nach einem Stück abgehauenen Holzes, das am Rande eines kleinen, dunklen Tümpels lag und mich an einen großen, verrosteten Schlüssel erinnerte. Ich befand mich in einer stark depressiven Spannung, hervorgerufen durch eine gewisse persönliche Tragödie, die mir mehr als angelegentlich meine eigenartige und vielmals verwünschte geistige Vereinsamung in Erinnerung gebracht hatte, in der zu leben ich gezwungen bin, eine Vereinsamung, die nur hin und wieder durch die Liebe von Frauen unterbrochen wird, die mich mein ganzes Leben lang aus den Sackgassen der Monologe und der Hoffnungslosigkeit herausgeführt hat. Diese Brücke zum Leben war damals eingestürzt. Ich suchte die Einsamkeit in einer öden Landschaft, um nicht unter Menschen mit meiner eigenen Vereinsamung konfrontiert zu sein...

Der Schlüssel, der nun vor mir im hohen, daniederliegenden und halbverdorrten Gras lag, dieser seltsame und wie absichtlich angefertigte Gegenstand war mindestens dreißig Zentimeter lang, auf der einen Seite mit einem großen Auge ausgestattet, auf der anderen mit einer sinnreichen, barocken Zähnung und schien seinem ganzen Aussehen nach zu jenen unerwarteten und symbolischen Objekten zu gehören, denen wir meistens nur im Traum begegnen. Ich hatte plötzlich das intensive Gefühl, angesprochen zu werden. Als wäre ich der unfreiwillige Empfänger einer unverständlichen, doch dringenden Botschaft. Unfähig mich zu bewegen, wurde ich mir bewußt, daß der weiche Boden des Sumpfes unter meinen Füßen versank. Schließlich konnte ich mich soweit konzentrieren, daß ich mich zu einer Bewegung aufraffte. Ich griff nach dem Schlüssel, in der Absicht, ihn aus seinen Grasfesseln zu befreien. In dem Augenblick, da ich ihn berührte, zerfiel jedoch das offensichtlich schon sehr morsche Material dieses Gegenstandes zu bräunlichem Splitt. Überrascht starrte ich eine Weile auf das Häufchen Holzmehl, dessen vorherige Ganzheit und scheinbare Festigkeit in keiner Hinsicht hatten ahnen lassen, daß eine ganz leichte Berührung der Hand, ja nur eines Fingers an einer einzigen Stelle diesen realen Gegenstand so restlos zerstören könnte. Der plötzliche Zerfall oder eher die plötzliche Explosion dieses morschen Holzes erfüllte mich mit Staunen, da sie meiner auf dem visuellen Eindruck beruhenden Erwartung widersprach. Ich hatte jählings den intensiven Eindruck einer Fremdeinwirkung, eines psychokinetischen Vorgangs, dessen unergründliche Ursache sich außerhalb meines Fassungsvermögens befand.

Noch ehe ich mich von meiner Überraschung erholt hatte, deren Intensität übrigens in keinem adäquaten Verhältnis zur praktischen Bedeutung des Vorfalls stand, verirrte sich mein enttäuschter und verwirrter Blick zu einer Stelle, die sich etwa einen Schritt weiter befand, auf der Grenze zwischen dem Spiegel des kleinen Tümpels und einem niedrigen, von der Wurzeln einer verkümmerten Palmweide durchwachsenen Ufer. In diesem Augenblick aber wurde mein Schock noch vertieft: Das Gewirr aus Lehm, Gras und Wurzeln und seine inverse Spiegelung im dunklen, unbewegten Wasser des Tümpels vereinten sich zu einem symmetrischen Ganzen, zum Gesicht eines mich durchdringend und unverhohlen höhnisch betrachtenden Dämons, dessen buckliger Körper sich unter dem dunklen Spiegel verlor. Mich beschlich das Gefühl, wider Willen zum Objekt eines fremden Willens geworden zu sein. Dieses Gefühl war zudem von einer in ihrer Art wunderbaren numinosen Lust begleitet, die bezeichnend ist für die kostbaren Momente unserer Begegnungen mit einer Wirklichkeit außerhalb der kodifizierten Realität, für die Augenblicke unserer Durchdringungen aus der Welt der realen Dinge in eine Sphäre irrealer Geheimnisse. Die synchronisierte Begegnung von Schlüssel und Dämon bestärkte mich gleichzeitig in der Überzeugung, Adressat einer geheimen Nachricht zu sein, deren Sinn mir leider entging.

Nach einer Weile verlor die mit einer zeitweiligen Katalepsie eingehende Numinosität des Ereignisses schließlich ihre hypnotisierende Wirkung. Ich wurde mir bewußt, wo ich stand. Überblickte die endlose Landschaft des ausgedehnten Moores mit hier und da gestreuten Sträuchern in niedrigem Nebel. Ein kalter Wind strich mir übers Gesicht, in der Ferne erhob sich das langgezogene Heulen eines Hundes. Die Sonne stand inzwischen tief über dem Horizont. Die Schatten waren länger geworden. Ein Gefühl übernatürlicher und unversöhnlicher Kälte durchdrang mich. Mich überkam die Angst, wohl sterben zu müssen, wenn ich es nicht schaffte, mich zu bewegen...

Die Magie dieser seltsamen Begegnung war so intensiv, daß ich beschloß, am nächsten Tag mit meiner Kamera zu diesem Ort zurückzukehren, um eine Aufnahme von dem Dämon zu machen und jene seltsame Atmosphäre der Landschaft einzufangen. Doch obwohl ich tags darauf stundenlang über das Moor irrte und alle Sträucher, kleinen Gräben und schmalen Pfade wiederzuerkennen glaubte, an denen ich Tags zuvor vorbeigekommen war, fand ich den dunklen Tümpel mit dem Dämon nicht wieder. Von der fernen Straße drang das Geschrei von Schulkindern zu mir herüber, die ein Ausflug in freudige Stimmung versetzte. Es war ein anderer Tag.

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Wenn ich heute, mit dem Abstand einer Reihe von Monaten, über mein damaliges Erlebnis nachsinne, kann ich keinen Augenblick daran zweifeln, daß meine Imagination, die an jenem Herbstnachmittag aus einem Stück morschen Holzes vor meinen Augen einen Schlüssel geschaffen hatte, mir im Auftrage meines Unbewußten einen Schlüssel zu der emotional schwierigen Situation geben wollte, in der ich mich momentan befand, mich aber gleichzeitig auf die Außergewöhnlichkeit der Interferenz von Zeit, Verfassung und Ort aufmerksam machen sollte, in deren Schnittpunkt ich dank ihr unbeabsichtigt geraten war. Dieser Schlüssel sollte anscheinend auf die Nähe zweier Türen hinweisen: einerseits der Tür des Auswegs aus der persönlichen Krise, deren depressiven Einfluß ich bislang mit wenig Erfolg einzugrenzen versucht hatte, aber gleichzeitig, auf anderer Ebene und in komplizierterem Zusammenhang, einer Tür an der Bruchstelle der Dimensionen, die aus der Landschaft der gewohnten Gegenstände und Beziehungen in eine Sphäre magischer Erkenntnis führt. In dem Augenblick, als ich den Schlüssel berührte, zerfiel er, um mich unmittelbar durch Enttäuschung zu schockieren, die jedoch eine wesentlichere Enttäuschung symbolisierte, in deren emotionalem Feld ich mich befand, aber gleichzeitig, um mich nicht vom wirklichen Sinn seiner Existenz abzulenken, die nur vermittelnd, symbolisch, über sich hinaus weisend war. Der Zerfall des Schlüssels, der im symbolischen Bereich den Zerfall meiner persönlichen Hoffnungen modellierte, rief in mir ein heftiges Gefühl der Depression hervor, das jedoch ein befreiendes Nachlassen jener wesentlicheren depressiven Stimmung bewirkte, die meine ganze bewußte Sphäre beherrschte. Die animistische Vision des Dämons stufte mich dabei in der unbarmherzigen Kritik des kompensierenden Unbewußten keineswegs als bedauernswertes, sondern im Gegenteil als lächerliches Subjekt ein.

Aber mehr noch: gleichzeitig war ich verzaubert worden. Parallel wurde mir ein nicht alltägliches Lustgefühl zuteil. Unerwartet war ich ins Innere der Wirklichkeit gedrungen, die hinter der Tür der durch rationalistische Perzeption konzipierten Realität verborgen liegt: Ich hatte einer magischen Wirklichkeit ins Gesicht geschaut. Anstelle von Wasser, Gras, Wurzeln und Lehm hatte ich eine Wirklichkeit vom anderen Ufer erblickt und war so in den Brennpunkt einer mächtigen und lustvollen Ergriffenheit geraten, die aus der irrationalen Erkenntnis hervorging. Die Qualität dieses Erlebnisses, jene starke Erregung und die Lust an der Entdeckung des Wunderbaren, die sich dank der magischen Verkehrung der Wahrnehmung eingestellt hatten, gehörte zu denen, die, einmal erweckt, in unserem Bewußtsein verankert bleiben, um bei passender Gelegenheit spontan als Stimulatoren revoltierender Taten zu wirken. Es geht um eine Qualität, die mit gleichem Recht als magisch wie auch als poetisch bezeichnet werden kann: Denn die Poesie ist nichts als eine Disziplin der Magie. So wurde mir im residualen Sinne ein weiterer, übrigens weder erster noch letzter anschaulicher Beweis zuteil, daß diese Poesie, so wie sie auch der zeitgenössische Surrealismus versteht, keine Sache des Intellekts, der Bildung, des Stils, der literarischen oder bildnerischen Fertigkeit oder einer spekulativen Phantasie ist, wie skurril diese auch immer sein mag, sondern einzig und allein eine solche des magischen Anschauens und Erlebens der Wirklichkeit.

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Die Welt, in die ich zu meinem Bedauern hineingeboren wurde und in der ich meinen Kräften gemäß lebe, ist keine Welt des natürlichen Gleichgewichts von Freiheit und Notwendigkeit, keine Welt, in der es möglich wäre, der kreativen Begierde freien Lauf zu lassen, die oftmals durch Berührung mit der Irrationalität freigesetzt wird, wie in dem oben geschilderten Fall. Sie ist im Gegenteil eine Welt repressiver, steriler und absurd organisierter Arbeitsteilung, deren Sinn weitgehend jedweder immanenten Funktion entfremdet ist; vor allem aber ist sie dem Leben entfremdet, das sich in schöpferischer Lust realisieren möchte. Dieser morbide Zustand, der Jahrtausende hindurch in einer tabuisierten Zivilisationsnorm petrifiziert ist, zwingt mich, ebenso wie Millionen anderer, im aufreibenden Milieu einer Arbeitsgesellschaft zu leben, deren erstes und letztes Gesetz die monströse Produktion geisttötender Nützlichkeiten ist. Und so, statt mich von kreativen Impulsen zu Taten leiten zu lassen, welche die permanente Abstumpfung und Reduktion der emotionalen Fähigkeiten und Bedürfnisse des Menschen und die damit verbundene Deformierung seiner gesamten Psychik kompensieren, bin ich, ebenso wie Millionen anderer, den größten Teil meiner Zeit mit vorgeschriebenen Bewegungen beschäftigt, die scheinbare Werte zur Befriedigung angeblicher Bedürfnisse hervorbringen. So kam es, daß es eine Reihe von Monaten dauerte, bis mein geschildertes Erlebnis ausreifen konnte und mir erlaubte, die Möglichkeit der Realisation einer darauf gegründeten magischen Methode zu begreifen, und in mir auch das Bedürfnis danach weckte.

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An einem unfreundlichen, regnerischen Tage, als ich mir aus Mangel an Konzentrationsfähigkeit beiläufig, fast im Halbschlaf und ohne besonderes Interesse, irgendeine Publikation über die Geschichte der medizinischen Illustration ansah, fiel mein Blick auf einige anatomische Stiche, mit denen im 18. Jahrhundert die aufgeklärten Enzyklopädisten ihre naturwissenschaftlichen Auslegungen schmückten, die das Leben auf der Grundlage einer mechanistischen Partialisierung und reduktionistischen Analyse zu begreifen suchten. Diese waren mir selbstverständlich nicht unbekannt, hatten mich aber nie zu etwas anderem veranlaßt als zu einem oberflächlichen Interesse an der technischen Fertigkeit des Graveurs und an der Atmosphäre vergangener Zeiten. Doch plötzlich erblickte ich zwischen den Seiten des Buches vor meinem inneren Auge hinter dem Stich eines zur Hälfte enthäuteten Kopfes jenes Gesicht des Dämons am Rande des dunklen Tümpels im Hohen Venn, das aus zwei abgewendeten Teilen zusammengesetzt war, jenen inversen Effekt im Spiegel des Wassers, der aus Lehm, Gras und Wurzelgewirr eine in gnomischer Boshaftigkeit erstarrte Grimasse geschaffen hatte. Und erst in diesem Augenblick kreuzten sich in meinem Geist zwei selbständige Wege in der ebenso einfachen wie überwältigenden Erkenntnis, daß die inverse Vereinigung bilateral symmetrischer Teile einer Struktur eines der morphologischen Grundprinzipien der Natur, der organisatorische Archetyp von Mikro- und Makrokosmos ist. In diesem Moment wurde mir der magische Inhalt jener Botschaft klar, die ich damals, an dem nebligen Herbsttag, erhalten hatte. Nun erst wurde mir offenbar, daß jene numinose Kraft meiner damaligen Vision nicht Folge einer - wie auch immer niederschmetternden - subjektiven Krise gewesen war. Ihre überwältigende Wirkung war der magischen Berührung des Unbewußten mit dem Archetyp des Universums entsprungen, dem irrationalen Erfassen der Wirklichkeit in einem ihrer tiefsten Geheimnisse. Die animistische Dämonisierung war dann die Konsequenz magischen Wahrnehmens gewesen, das die äußere Wirklichkeit immer als integralen Bestandteil der psychischen Wirklichkeit erfaßt. Nun erst öffneten sich meine inneren Augen. Wie in einer Traumabbreviatur wurde ich mir des symmetrischen Prinzips der kosmischen Formationen, magnetischen Felder, kristallinen und biologischen Strukturen bewußt. In leichter Trance beging ich an den darauffolgenden Tagen und Nächten meine Umgebung und erkannte in ihr auf einmal deutlich Götter und Dämonen alter Religionen, gedankenverlorene, neugierige, spöttische und böswillige Gesichter der Wirklichkeit, entblößt von den Zivilisationsmasken der unmittelbaren Nützlichkeit und Verwendbarkeit. Von hier aus war es nur noch ein Schritt zu dem Entschluß, dieses magische Potential zur Herstellung von Bildern nach der Methode des inversen Sehens zu nutzen.

Sollte ihre magische Kraft voll zur Geltung kommen, war es nicht möglich, ein anderes Mittel als die photographische Technik anzuwenden, die dazu taugt, einen Eindruck aus der Wirklichkeit mit naturalistischer Treue zu reproduzieren. Eine Technik zwischen der Kamera und dem Photolabor, welch letzteres ich in eine Alchimistenküche umbaute, in der ich aus den gefundenen Ingredienzen eine neue Realität schuf. Die Beseelung von Bäumen, Steinen, Mikro- und Makrostrukturen, die in der realen Welt zumeist unbemerkt bleiben, erhob hier die kreative Tätigkeit in den Rang einer wirklichen Kreaturisierung der Welt. Es kam zu der von der Magie empfohlenen und durch die Zivilisation unterdrückten Identifikation mit Tieren, Pflanzen und Mineralien: So wie die Natur sich psychologisierte, wurde der Mensch zu ihrem Bestandteil.

Um möglichst präzise den Charakter dieser Methode zu erfassen, habe ich sie Inversage genannt, in Parallelität zu den Bezeichnungen der älteren, von Max Ernst eingeführten surrealistischen Kreationsverfahren. Für meine Entdeckung habe ich folgende Definition aufgestellt:

Die Inversage ist eine surrealistische Methode zur Schaffung magischer Realität durch Vereinen zweier oder mehrerer inverser Bilder von realen Gegenständen, deren Teilen oder ungegenständlichen Oberflächenstrukturen. Das Prinzip der Inversion gründet nicht in den ästhetischen Tendenzen des Bewußtseins, sondern präexistiert als ein dominierender morphologischer Archetyp im Unbewußten, d.h. in der irrationalen Wirklichkeit. Der archetypische Charakter der Inversion verursacht, daß die Inversage, die aus photographischen Bildern der Realität hervorgegangen ist, welche unter der Einwirkung von Wasser, Feuer, Frost, Hitze, Erosion, Korrosion, Gravitation, Zellteilung, Wachstum u.ä. entstand, mit numinoser Kraft begabt ist. Der außerästhetische Sinn der Inversage kann nur in der Umkehr unserer Aufmerksamkeit hin zu einer alternativen, magischen Wahrnehmung liegen und damit in der Zerstörung des Monopols der sogenannten "objektiven", repressiven Optik einer einseitig rationalistischen Weltkonstruktion.


© Milan Nápravník, Mai 1977

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