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Video-Clips, Werbespots oder interaktive
Spielereien wären ohne ihren geistigen und ästhetischen
Impuls nicht vorstellbar. Die Künstler des Surrealismus
haben in den 20er Jahren unsere Wahrnehmung verändert.
Sie schufen Bilder abgehoben von der Realität, aber
bestechend durch penible Detailverliebtheit. Surreal ist
ein Begriff, der Eingang in den Sprachgebrauch fand, und
manchmal meint er sogar noch das, was seine Schöpfer in
den 20er Jahren erstrebten: Traumbilder, die die Grenze
zwischen Wahn und Realität aufheben, die künstlerische
Auseinandersetzung mit Freuds Thesen über das
Unbewusste, das Schwebende jenseits aller Kausalitäten,
das Schockierende anstreben.
Viele Ausstellungen gab und gibt es, doch jetzt
verschafft uns eine wirklich große Schau der Superlative
den Überblick. Ihr Titel: "Die
Surrealistische Revolution". Das Pariser Centre
Pompidou vereint die herausragenden Werke von Picasso,
Dali, Man Ray und vielen anderen Größen der modernen
Kunst jetzt erstmals seit über 30 Jahren wieder. Für das
Pariser Centre Pompidou hat Werner Spies, früherer
Direktor des Centre und großer Kenner von Max Ernst und
den Surrealisten, sich einer der fruchtbarsten Perioden
der modernen Kunst gewidmet und die prägenden Schriften,
Gemälde und Objekte jener Epoche versammelt. Entstanden
ist die Ausstellung in Zusammenarbeit mit der
Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. Nach Paris wird die
Schau auch in Düsseldorf zu sehen sein. Das Centre
Pompidou rechnet mit bis zu 500.000 Besuchern. Für
Düsseldorf wird ab Juli noch mal mit rund 220.000
Kunstinteressierten gerechnet.
Am Eingang der 2200 Quadratmeter großen Ausstellung
in Paris wird der Besucher von der "Lesenden" (1928) von René Magritte
empfangen, einer schwarzhaarigen jungen Frau, die mit
Entsetzen im Blick ein aufgeschlagenes Buch betrachtet.
Immer wieder thematisiert die Ausstellung, wie stark
sich seit dem Beginn der surrealistischen Bewegung die
Sehgewohnheiten der Menschen geändert haben.
Die Ausstellung "Surrealistische
Revolution" konzentriert sich auf die Blütezeit
der Bewegung zwischen 1920 und 1940. Zusammengetragen
wurden etwa Joan Mirós "Carneval
d´Arlequin" (1925) aus New York, Dalis "Hitler - Rätsel" (1939) aus Madrid und
Max Ernsts "Oedipus Rex" (1922) aus
einer Privatsammlung. Geworben wird stolz mit einer
Liste von insgesamt 600 Arbeiten. Keine Frage: die
Ausstellung versteht sich als eine Show der
Superlative.
"Was ich zeigen wollte, war
einfach den Surrealismus in seiner ganzen Bedeutung. Man
soll merken, dass der Surrealismus vielleicht das 20.
Jahrhundert ebenso zusammenfasst und resümiert, wie der
Impressionismus das späte 19.Jahrhundert. Das heißt, es
entsteht eine völlig neue Sehgewohnheit, ein völlig
neues Denken und es entwickelt sich eine völlig neue
Moral im Umkreis des Surrealismus. Und um das
verständlich zu machen, war es notwendig, einmal in
einer Ausstellung diese Bedeutung zu
inszenieren." (Werner Spies / Kurator « La
Révolution Surréaliste »)
Neu war sicher auch, wie die Surrealisten das Paris
der 20er Jahre unsicher machten. Man traf sich in den
Cafés. Der Surrealismus war eine Bewegung, die Künstler
keine Einzelkämpfer.
Ein Höhepunkt der Ausstellung ist die Rekonstruktion
des Büros von André Breton, des Haupttheoretikers der
Surrealisten und Gründers der Zeitschrift "Die surrealistische Revolution". Zu den
200 Gegenständen, die sich in dem Arbeitszimmer des
Schriftstellers befanden, gehören auch Gemälde von Pablo
Picasso, Wassily Kandinsky, dazu viele afrikanische
Masken und Skulpturen. Das Arbeitszimmer des Literaten
und Chefdenker ist eine Ausstellung für sich.
André Breton wurde am 19. Februar 1896 im
französischen Tinchebray geboren und gehörte bis 1922
der Pariser Gruppe der Dadaisten an. Schon 1915 las er
die Schriften von Sigmund Freud, die ihn nachhaltig
beeinflusst haben. 1924 gründete er die Zeitschrift
"La révolution surréaliste", in der
seine Programmschriften des literarischen Surrealismus
("Manifeste du surréalisme", 1924
und "Second manifeste du
surréalisme", 1929) erschienen und die nun
namensgebend für die Ausstellung im Centre Pompidou ist.
In dem Pariser Büro, in dem auch die Zeitschrift
erschien, suchte man permanent nach Künstlern, Dichtern
und Filmemachern mit außergewöhnlichen und
überraschenden Ideen, die bereit waren, sich dem
Unterbewussten zu öffnen. Der frühe Surrealismus, das
war der Versuch, Freuds psychoanalytische Ideen
künstlerisch umzusetzen. Dem Unbewussten, dem Brüchigen
sollte Raum gegeben werden.
Zu dem Rendevouz der Freunde in Paris gesellte sich
als erster Bildener Künstler noch vor Salvador Dali der
deutsche Max Ernst. Seine Begeisterung für die neuen
Freunde muss recht groß gewesen sein, denn 1922 bemalte
er alle Räume im Haus Paul Eluards in Eaubonne bei Paris
mit surrealistischen Motiven. Werner Spies verfolgte
schon lange die Odyssee dieser Bilder.
"1923 verkaufte Eluard dieses Haus an
einen Metzgermeister. Der kaufte dieses Haus, fand diese
Bilder schrecklich. Er verdeckte alles mit Tapeten. In
den späten 60er Jahren, also lange lange Zeit später,
hat sich die Tochter von Eluard, die damals vier Jahre
alt war, an die Bilder erinnert. Sie erinnerte sich,
dass in diesem Haus unerhörte Farbengebilde waren, aber
sie wusste nicht, ob es Realität oder Fiebertraum
war." (Werner Spies / Kurator « La Révolution
Surréaliste »)
Es war Realität, doch der waschechte Surrealismus war
abgetragen worden und in alle Welt verkauft. Der größere
Teil ("Histoire Naturelle") wurde vom Schah von Persien
erworben und in die Sammlung des Museums für
Zeitgenössische Kunst in Teheran integriert, während der
kleinere Teil ("Au premier mot
limpide") der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen
gehört. Damit ist den Ausstellungsmachern erstmalig auch
eine zumindest befristete Wiedervereinigung der beiden
Werke bis Ende November gelungen.
Die Ausstellung macht auch deutlich, dass der
Surrealismus eine verwirrende Mischung von Künstlern und
Stilen war. Neben dem harten Kern, gab es viele
Künstler, die sich surrealistisch inspirieren ließen,
sich aber fern von den Pariser Künstlern hielten. Dali
gehörte dazu, ebenso wie Magritte. Und auch Picasso
hatte eine surrealistische Phase. Allen gemein war
sicher, dass sie stark um ihre Psyche kreisten und sich
vehement mit ihrer Zeit, den Zwischenkriegsjahren,
auseinander setzten.
"Ich glaube, dass die Surrealisten,
damals in einer Zeit, wo man überall über Revolutionen
sprach, in technischen Bereichen, im politischen, im
ideologischen Bereich, sagten, die eigentliche
Revolution ist die surrealistische Revolution. Das
heißt, die Revolution in den Köpfen, im Empfinden, das
finde ich eine entscheidende Aussage."
(Werner Spies / Kurator « La Révolution Surréaliste
»)
Das Empfinden von Obsessionen etwa, die ausgiebige
Beschäftigung mit Sexualität und Traum, für all das
liefert die Pariser Ausstellung beeindruckende Beispiele
in Hülle und Fülle. Und für die Freude an der
Provokation, am Schockieren. Die Surrealisten verstanden
es meisterhaft, den Skandal zu inszenieren, wie etwa mit
Bunuels Film "Le Chien Andalou" von
1928. Die Empörung eines bürgerlichen Publikums
bestärkte die Surrealisten nur, auf dem richtigen Weg zu
sein.
"Was heute passiert in der Werbung, im
Film, in den Künstlerateliers, ist ohne dieses
phantastische Auftreten der Surrealisten überhaupt nicht
denkbar." (Werner Spies / Kurator « La Révolution
Surréaliste »)
Zum Beleg dafür dienen auch rund 100 Filme im
cineastischen Begleitprogramm. Der Anspruch vor allem
Bretons, auch die bürgerliche Moral zu Grabe zu tragen,
die politische Revolte, sie ist längst auf dem
Müllhaufen der Ideengeschichte gelandet. Sei's drum. Wer
den Surrealismus als künstlerische Revolution zwischen
den Weltkriegen verstehen möchte, der wird in der
großartigen Pariser Ausstellung allemal fündig
werden.
Ausstellungstipp:
La révolution surréaliste 06.03.-24.06.02
Centre national d`art et de culture Georges
Pompidou 75191 Paris Cedex 04 Tel.: 0033 1
44781233
Surrealismus. Max Ernst - René Magritte - Salvador
Dalí -Joan Miró - Pablo Picasso 20.07.02 bis 24. 11.
2002
K20
Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen Grabbeplatz
5 40213 Düsseldorf
Buchtipps:
Fiona Bradley: Kunst Basics. Surrealismus Hatje
Cantz Verlag, 2001. ISBN: 3775710744 EUR
14,80
Una Pfau: La Révolution Surrealiste. Ein
Lesebuch. Müchen, DTV-Taschenbuch, 1997. ISBN:
3423093552 EUR 8,00
Werner Spies: Kunstgeschichten Von Bildern und
Künstlern im 20. Jahrhundert (2 Bde.). DUMONT
Literatur und Kunst Verlag, 1998 ISBN:
3770147030 EUR 50,00
Werner Spies: Max Ernst 1950-1970. Die Rückkehr
der Schönen Gärtnerin. DUMONT Literatur und Kunst
Verlag, 2000. ISBN: 3770145534 EUR 20,50
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