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Der surrealistischen Explosion folgen, in sie hinein rauschen, sich von
aufgebrachten Phantomen ganz in grün, wie sie in ihren Cafes in Paris
saßen und herumstritten, einfangen lassen, sich dabei wundern und
begeistern; das war mein erster Schritt in eine neue, alte Welt, mein
Wiederfinden einer kindhaften Hysterie, die mit geschlossenen Augen mehr
sieht, als alle Fernsehkameras der Welt. Die Entdeckung erfolgte willkürlich,
ich stolperte über Rimbaud, Sade, über die Chansons von Leó
Ferré, schließlich und plötzlich über die Surrealisten
selbst, zuerst Louis Aragon, weil seine Gedichte vertont worden waren,
dann Paul Eluard und seine Hauptstadt des Leidens, schließlich über
André Breton, den Papst, der gleichzeitig Bewunderung und Erstaunen
erweckte. Ich war damals 15 oder 16 Jahre alt, die öffentliche Bibliothek,
in der ich mich durchfraß, hatte ihre Bücher im Keller lagern,
der dortige Sauerstoffmangel ließ mich nicht selten einschlafen
und das finden, was der einzige Ort der Freiheit zu sein scheint; den
Traum. Alles andere ist Hölle. Sade beschrieb diese Hölle, wie
er sie sich vorstellen könnte, Primo Levi beschrieb sie, wie er sie
erlebt hat. Das, was die Menschen mit viel Mühe produziert hatten,
war das Grauen, welches sie natürlich selbst nicht mehr als solches
wahrhaben wollten und sogar schafften romantisch zu verklären, als
Kulisse des Fortschritts darstellend, der es schlußendlich doch
noch zu irgend etwas bringen würde. Die Ruinen malen, noch einmal
und immer wieder aufzeigen, zu was der Mensch, ohne es merken zu wollen,
fähig ist. Im Bücherkeller, aufgeblättert und dämmernd
vor meinen Augen, klebten die Surrealisten, die grün angezogenen
Phantome, mit viel Tinte und Farbe die Bruchstücke der Welt, die
einer Revolution bedarf, zusammen.
Zuerst und immer die Revolution!
Die Revolution der Surrealisten brachte sich in Manifesten zum Ausdruck,
die nicht nur in den eigenen Publikationen, wie LA RÉVOLUTION SURRÉALISTE
publiziert wurden, sondern auch in anderen, meist linken Zeitschriften.
Der Aufruf Zuerst und immer die Revolution! erschien 1925 sogar in der
Humanité, der zentralen Publikation der KPF und drückt auf
den Punkt gebracht und zu einer Zeit, da alle Surrealisten scheinbar noch
einer Meinung waren, die revolutionäre Zielsetzung der Bewegung aus:
"Wir sind ganz gewiß Barbaren, da uns eine bestimmte Form von
Zivilisation anekelt." Nämlich jene Zivilisation, die die "Menschenwürde
auf die Stufe eines Tauschwerts" herabzieht, jene Zivilisation, die
den Geist "in den viehischsten und unphilosophischsten Begriff' der
"Idee des Vaterlandes" zu zwängen versucht, jene Zivilisation,
die sich auf der "Sklaverei der Arbeit" aufbaut. "Wir akzeptieren
die Gesetze der Ökonomie und des Tauschhandels nicht, wir akzeptieren
nicht die Sklaverei der Arbeit, und auf einem noch weitläufigeren
Gebiet erklären wir uns als im Aufstand gegen die Geschichte befindlich.
Die Geschichte wird von Gesetzen gesteuert, deren Voraussetzung die Trägheit
der Einzelnen ist [...]"
Der Surrealismus kannte keine Dogmen, sondern war wie ein Spinnennetz
aus diversen Herangehensweisen und Ideen, die alle nach der absoluten,
reinen Revolte - einem reinen Mittel, um es mit Walter Benjamin zu sagen
- suchten, gesponnen. Die Verwandtschaft mit dem Dadaismus, vor allem
darin, daß die Kunst jede Art von Ordnung, sei sie bürgerlich
oder sonst irgendeine, zerstören muß, liegt auf der Hand, auch
waren viele Surrealisten Dadaisten gewesen und George Grosz schrieb 1925
über einen Besuch in Paris: "In Wahrheit richtet sich die französische
Kulturproduktion wie bei uns nach den Bedürfnissen der bürgerlichen
Interessen. Dessen sind sich die Pariser Künstler bis auf verschwindende
Ausnahmen (Gruppe Clarté) ebensowenig bewußt, wie ihre deutschen
Kollegen." Die Gruppe Clarté (übers. Klarheit, auch der
Name einer Zeitschrift, welche Pierre Naville viele Jahre lang leitete),
die erwähnte verschwindende Ausnahme war natürlich niemand anderer
als die Surrealisten. Der Unterschied zwischen Dadaismus und Surrealismus
war jedoch genauso groß, wie der zwischen Nihilismus und Anarchismus.
Die einen versuchten ausschließlich mit der Verzerrung der Realität
alle Grenzen, bzw. alles zu sprengen, die anderen versuchten es mit der
Schaffung neuer Modelle, die mit Hilfe gewaltiger, romantischer Worte
Zündstoff abgeben sollten.
Eines der Modelle hieß Freud, der seinerseits jedoch nie verstanden
hatte, warum ihn ein Haufen verrückter Pariser so oft, und irgendwie
nicht ganz verstehend, zitierte. Er antwortete André Breton, daß
er sich geschmeichelt fühle, so hochgelobt zu werden, jedoch nicht
ganz genau wisse, was die Surrealisten von ihm wollen, hätten sie
ihm doch nicht einmal erklären können, was Surrealismus eigentlich
ist, und überhaupt läge die Welt der Kunst so weit von seiner
entfernt ... Doch zentral für Traumrealisierung war die Traumdeutung
und die hatte Sigmund Freud in die Welt gerufen. Für die Surrealisten
hatte Sigmund Freud die Welt der Träume rehabilitiert, die Welt,
in der alles liegt und brodelt.
Dichtung, Liebe, Freiheit
Ganz in grün gekleidet, brach André Breton nach dem Ersten
Weltkrieg seinen Medizinerberuf ab und in den Surrealismus auf. Er hatte,
im Gegensatz zu Guillaume Apollinaire, dem Wortschöpfer der Begriffe
Surrealismus und Kubismus, Dichter mit Neigungen zur Megalomanie, welcher
eine Kugel auf den Kopf bekommen hatte und die letzten Tage seines Lebens
mit einem Turban in den Schützengräben herum gelaufen war, den
Krieg physisch unbeschadet überstanden. Vier Jahre Krieg, in denen
Morden Pflicht ist und das Sterben neben Frühstück und zwei
Litern Wein (die tägliche Ration für einen Soldaten der französischen
Armee in Verdun) Hauptnahrung, hat einige dazu bewogen, andere Konsequenzen
zu ziehen, als sich einem Veteranenverein anzuschließen. Vier Jahre
rational organisiertes Massenmorden, vier Jahre absoluter Zivilisationsgenuß.
Die Konsequenzen, die Breton, im Gegensatz zu seinen Überlebenskollegen,
aus der Tatsache, daß die Gesellschaft für die er in die Welt
und in den Produktionswahn geworfen worden war, ihn mit ein paar anderen
Millionen in die Hölle geschickt hatte, zog, hießen Surrealismus
und grüner Anzug. Das Programm hieß Dichtung, Liebe, Freiheit,
die Waffe war der Traum, denn die Tat soll die Schwester des Traums sein.
"Es geht darum, die Menschenrechte neu auszurufen", hieß
es 1924 auf der Titelseite der ersten Nummer der RÉVOLUTION SURRÉALISTE,
was nicht ganz im Sinne der Aufklärung gemeint war, sondern viel
mehr bedeutete, daß dem Menschen die absolute Freiheit gebührt,
jene der Phantasie und des Traums, daß er das Recht auf die Realisierung
seiner Phantasien und Träume hat, daß das neue Menschenrecht
grenzenlos und somit alles andere als Recht ist, sondern Basis einer absoluten
Freiheit des Individuums den Anderen und sich selbst gegenüber. Freiheit
ist nicht das, was man als Ziel erreichen kann oder erst erfinden und
aufbauen muß, Freiheit ist eine fundamentale Gegebenheit der menschlichen
Existenz, sie gibt es entweder ganz oder gar nicht. Auch als das Verwenden
der Worte Dichtung, Liebe, und Freiheit im Zusammenhang mit Revolution
etwas lächerlich schien, schwülstig und überholt romantisch,
hielt Breton daran fest. 1962 bekräftigte er noch einmal in einem
Interview, daß er nie aufgehört hat, die Dichtung, die Liebe
und die Kunst als zentral für seinen Freiheitskampf zu sehen, "einzig
durch sie wird der Mensch wieder Vertrauen gewinnen können, wird
das Denken wieder die Weite finden." Die Liebe: die verrückte
Liebe, weil sie der absolute Mythos ist, in den mensch verfallen kann,
wie in Trance, auch kann er sie gleichzeitig leicht als Schönstes
im Leben betrachten; die Dichtung: weil sie nur in Trance geschrieben
werden kann, in einem Zustand des äußersten in sich Wühlens
und gleichzeitigen Explodierens. "Es gibt keine Lösung außerhalb
der Liebe." schrieb Breton.
Der organisierte Pessimismus
Pierre Naville, sah das etwas anders, und hatte als Antwort auf die Hölle,
auf die Realität: den Pessimismus. Alle nennenswerten Institutionen,
die sich der Mensch für eine bessere Welt ausgedacht hat, wie Humanismus,
Freundschaft, Nächstenliebe, Verständigung scheinen niemals
die Effektivität erreichen zu können, wie ein saftige Gewinne
abwerfender Konzern oder ein schwere Bomben abwerfendes Flugzeug. Der
Surrealismus hat den Pessimismus zu organisieren, ihn täglich bis
zur Revolution voran zu treiben, bis zur endgültigen Überspannung,
die dann alles zerreißt. Es muß alles aufgezeigt werden, was
in der Welt existiert, nicht in einer linearen Dokumentation, sondern
in Montagen und Collages, die Dinge der Welt mit Dingen des eigenen Bewußtseins
vermischen und dabei Assoziationen schaffen, welche den Voyeuren und Bürgern
einen Schock über ihre eigene Existenz einjagen, einfach indem sie
ihnen einen Spiegel als nature morte vorhalten, in der sie und ihre Welt
Protagonisten sind, zusammen mit etwas bekannt Unbekannten, etwas, das
mitten drinnen lauert, ganz offensichtlich und das gewohnte Bild zerstört;
die Madonna, die ihr Kind verhaut; das Auge, welches durchschnitten wird;
die Zukunft, die nie ist; ein Frauenrücken als Cello, ein von Pfeilen
durchbohrter Vogel; englische Beamte, die wie Regen tropfen; Lavaströme,
in denen Skelette flanieren; Fische so groß wie Akte; mit Schmetterlingen
verklebte Augen und Mundhöhlen-, eine Lokomotive, die aus dem Kamin
kommt; in Liebe abgebissene Finger; der Schatten von jemandem, der nicht
zu sehen ist, von etwas, das mangelt ... Es galt, die erste Spannung hin
zur Überspannung zu schaffen. Kein Glied sollte unzerrissen bleiben.
Naville brach bald mit den Surrealisten, mit Breton zugunsten eines politischen
Engagements, das konkretere Züge, als die Suche nach dem verlorenen
Traum hatte. Durch ihn waren Breton, Eluard, Aragon und viele andere Mitte,
Ende der 20er Jahre der Kommunistischen Partei Frankreichs beigetreten,
zu einem Augenblick, da er rausgeworfen wurde, da er seine Sympathien
für Trotzki und seine Aversion zu Stalin zu offenkundig gezeigt hatte.
Einzig Breton von den drei oben genannten, sollte ihm das einige Jahre
später nachmachen. Seine Schrift: La révolution et les intellectuels
übte auf Walter Benjamin einen nachhaltigen Bezauberung aus.
Die mythische Wut
Antonin Artaud, welcher das Theater an das Grauen der Zeit anpaßte,
machte die Annäherungen hin zum Parteipolitischen als einer der Wenigen
nicht mit. Er konzentrierte seine Verrückung auf das, was die Ausgangsposition
des Surrealismus war, auf das, was Breton kurzfristig vergessen zu haben
schien und versetzte sich in eine Ekstase, die ihn zu einem Zeitpunkt,
da die Welt zum industriellen Massenmord überging, ins Irrenhaus
brachte. Kurz vor dem 2. Weltkrieg veröffentlichte er noch ein Buch,
welches, trotzdem er schon längst aus der surrealistischen Bewegung
ausgeschlossen worden war, erwähnt werden muß: Das Theater
und sein Double. "Dieser Titel gibt Aufschluß über alle
Double des Theaters, die ich seit vielen Jahren gefunden habe: Die Metaphysik,
die Pest, die Grausamkeit, das Energie-Potential, das die Mythen macht.
Die Menschen verkörpern sie nicht mehr, so verkörpert sie das
Theater."
Artaud betonte den religiös-mythischen Charakter, den er in den Kampf
gegen die bürgerliche Ordnung aufbringen wollte. Schon 1926 schrieb
Artaud, daß es bei Theater nicht darum geht "Stücke zu
spielen, sondern dahin zu gelangen, daß alles, was dunkel im Geist
ist, was vergraben und verhüllt ist, sich in einer Art materieller,
realer Projektion äußert." Die Faszination für die
außereuropäischen Kulturen und Zivilisationen bringt ihm die
Inspiration. Die Möglichkeit sich in Ekstase zu versetzen und damit
etwas zu ändern, zumindest im nächsten Umfeld, ist im modernen
Europa vielleicht etwas neues, jedoch nicht anderswo. Was bei André
Breton und Antonin Artaud noch als Verklärung der "primitiven"
Kulturen und Zivilisationen gilt, bekam beim Dichter Michel Leiris schon
nachvollziehbarere Züge, als er quer durch Afrika reiste und sich
einweihen ließ, zumindest so weit es ging, in die nach außen
hin scheinbar ausschließlich religiös motivierten Kulte, welche
jedoch näher betrachtet ganz andere, konkrete Aufgaben des Alltags
und zwischenmenschlicher Beziehungen zu lösen hatten. Artauds Theater
wollte sich zivilisieren lassen, durch das, was es in der schönen,
neuen Welt nicht mehr gab und um seine Esoterik zu entschlüsseln,
genügt nur die Wut und das Entsetzen. Seine erste Theatergruppe nannte
Artaud bezeichnenderweise Théatre Alfred Jarry.
Der 1926 fast vergessene Jarry übte mit seinem König Ubu und
der 'Pataphysik' einen großen Einfluß auf die Surrealisten
aus. Jarry hatte es geschafft dem Herrschaftssystem und der Gesellschaft
einen grotesk beängstigenden Spiegel vorzuhalten, indem er einen
Idealherrscher, einen wennschon-dennschon Herrscher und die geheim-irre
Weltverschwärungsgesellschaft der 'Pataphysiker' erfand, der zwangsweise
alle Menschen angehören. Genauso wie es ein 'pataphysisches Collège'
gab, gab es auch bei den Surrealisten wissenschaftliche Institute, es
gab ein historisches Institut, dessen Leitung Artaud zeitweise übernomnmen
hatte, es gab ein Briefeschreiber-Institut, welches die einseitige Korrespondenz
mit dem Papst, dem Dalai Lama, den Rektoren der europäischen Universitäten,
Mr. Keller, den besten Aufnahmeprüfling an der Militärakademie
Saint-Cyr, aufnahmen und vor allem das Zentralinstitut für surrealistische
Forschung.
(Der nächste Teil: Die Automatische Wut wird versuchen nach diesem
ersten Einblick, ein detaillierteres Bild der surrealistischen Methoden,
vom automatischen Schreiben, von der Psychoanalyse, bis hin zur Paranoia
und zum Marxismus, zu malen.)
Literatur
Adorno, Theodor W.: Rückblickend auf den Surrealismus, in: Noten
zur Literatur. Frankfurt a. M..- Suhrkamp, 1974.
Artaud, Antonin : Le théätre et son double. Paris: Gallimard,
1964.
Benjamin, Walter: Sürrealismus. Die letzte Momentaufnahme der europäischen
Intelligenz, in: Gesammelte Schriften. Band II.1, Frankfurt a. M.: Suhrkamp,
1991, S. 295.
Breton, André: Manifestes du surréalisme. Paris: Folio,
1998.
Leiris, Michel : L 'afrique fantöme. Paris: Gallimard, 1981.
Löwy, Michael: L Etoile du matin, Surréalisme et Marxisme.
Paris: Editions Syllepse, 2000.
Naville, Pierre : La révolution et les intellectuels. Paris. Gallimard,
1975
Es brennt! Pamphlete der Surrealisten. Hamburg: Edition Nautilus, 1998
© Alexander Schürmann-Emanuely
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