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Die große Verweigerung
Metro - Boulot - Metro - Dodo - Metro - Boulot -..., das heißt
soviel wie U-Bahn, Arbeit, U-Bahn, Schlaf, U-Bahn, Arbeit, ... und reimt
sich auch im Französischen, was natürlich das Sich-merken des
Spruchs erleichtert. In Frankreich ist dieses Sprüchlein sehr geläufig,
es umschreibt auch nichts anderes, als die Realität der kapitalistischen
Produktionsweise und Sozialisationsform, die jede/r, nicht nur in Frankreich,
kennt und die scheinbar ausweglos das Leben des Menschen bestimmt. Abgemüht
im Käfig zur Zwangsabmüdung rasen, um danach müde zurück,
nach Hause zu pendeln, um sich dort verdienterweise etwas zu entmüden,
darauf hin zu schlafen, wieder produktiv zu sein, am Fließband der
Fließbänder. Prinzipiell hat jeder Mensch auf diese Art konditioniert
zu sein und nichts Abnormales an dieser lebenslangen Schleife zu finden,
die meist im schulreifen Alter anfängt und mit der Pensionierung
aufhört (bezieht sich natürlich nur auf eine Minderheit von
Menschen auf dieser Welt, da den meisten weder der Luxus einer Kindheit
oder einer Greisenhaftigkeit gegönnt ist). Alles, was die Surrealisten
entwarfen, erfanden, erträumten und lautstark in ihren kleinen Kreisen
und manchmal auf größeren Festen ausschrien, galt, diese Konditionierung,
zunächst im kleinen und um einer Revolution Willen, schließlich
im großen Stil, zu zerstören, galt, der großen Müdigkeit
eine große Verweigerung entgegenzustellen.
Die Methoden, die große Verweigerung zu realisieren, basierten
einerseits darauf, den Abstieg in sich selbst, in das, was in der Psychoanalyse
als Unbewußtes definiert wird, zu vollziehen, andererseits die daraus
gewonnenen neuen Realitäten, mit Hilfe der Kunst, zu vergegenwärtigen
und zu materialisieren. Die Surrealisten bildeten die Avantgarde, die
diese Methoden an sich auszuprobieren und zu gestalten hatte, damit alle,
selbst die konditioniertesten Spießer, sie schließlich zu
ihrer eigenen Befreiung übernehmen und anwenden würden können.
Es galt, in die Mauer ein Loch zu schlagen, die das alltäglich Normale,
das System, die Gesellschaft vor einer kritischen Aussicht Aufgewiegelter
zu schützen hat. Ein kleines Loch würde genügen, um die
Aussicht gewähren zu lassen, in das, was wirklich möglich ist,
was Wirklichkeit ist, hinter- und oberhalb der Mauernrealität. Dieser
Spalt sollte reichen, damit die Menschen schockiert sind und genug von
ihrer Konditionierung, ihrem herkömmlichen Leben haben. Eine Revolution
zur Befreiung des Individuums würde beginnen, nicht jene der Gewehre
und Barrikaden, sondern jene, die aus der Vermengung von Phantasie mit
dem organisch Erfaßbaren heraus springt. Die Methoden, welche die
Surrealisten sich ausdachten, um den Abstieg in den Spalt zu schaffen,
waren die kindhafte Bewunderung des Wunderbaren, die Verrücktheit,
der Wahn, der Humor, der Traum, das Anwenden der Techniken des automatischen
Schreibens, das Schöpfen "erlesener Leichname" und das
in die Welt setzen der daraus entstehenden surrealistischen Gegenstände,
Gegenstände, deren Form der Inhalt ist.
Die Bewunderung des Wunderbaren ist nichts anderes, als es wie ein Kind
überall vorfinden zu können, in jeder Situation, in jedem Element
des Alltags. Es sind die Phantasiebilder, welche außerhalb der Einsicht
in sich selbst, außerhalb des Traums herumspuken, die Wahrnehmung
unerklärlicher Erscheinungen, seien das nun Gruselgeschichten oder
verrückte, vergeisterte Andere, die sich ihre Wege durch den Tag
bahnen, wie André Bretons Nadja. Breton hatte Nadja, die aus dem
gleichnamigen Buch schwirrt, nicht erfunden, sondern war ihr, samt den
wundersamen Zufällen, die sie und ihre Begegnung begleiteten, was
er alles minutiös beschreibt, beim Flanieren begegnet. Diese Suche
nach dem Wunderbaren scheint weniger mit Revolution zu tun zu haben, als
mit den literarischen Überresten der Romantik, die am Kreuzweg der
Bezauberung, des Schlafes und des Alkohols liegen. Romantik war in diesem
Fall jedoch nicht nur die der Dichter wie Gérard de Nerval, sondern
auch die Romantik E.T.A. Hoffinanns und Edgar Allan Poes, die schwarze
Romantik der Geister- und Vampirgeschichten. Die Freude und Offenheit
für das Ungewöhnliche, der Wille, die Kontrolle über die
Vernunft durch das Ungewöhnliche zu verlieren, war ideal als Vorstufe
zum nächsten Schritt: zum Wahnsinn.
Die Welt des sogenannten Geisteskranken ist die sichtbarste Gegenwelt
zum bekämpfenden Alltag der bürgerlichen Gesellschaft, die natürlichste
Utopie. Doch nicht nur das, sie bietet auch eine große Möglichkeit
zur besseren Kenntnis seiner selbst, denn wie schon Freud wußte,
wissen Verrückte mehr über innere Wirklichkeiten und können
Unergründbares entdecken und aufzeigen. Zwei Zugänge zum Wahn
wurden ins Auge gefaßt, denn es galt, diesen Zustand für sich
in Anspruch zu nehmen, ihn dank seiner bewußtseinserweiternden Funktionen
als Instrument zu verwenden. Der erste Zugang war die Nachstellung der
Verrücktheit. Im simulierten Zustand des Wahns, im Rausch sollte
eine Neuschaffung des Geisteszustandes erreicht werden. Dieser Zustand
wurde sogar als neue Form der Poesie verstanden. Der zweite Zugang war
die kritische Paranoia, welche Salvador Dali oft für sich in Anspruch
nahm und definierte. Sie sollte die Wirklichkeit dermaßen vom Imaginären
abhängig machen, daß die daraus gewonnene neue Realität
von keiner anderen in Frage gestellt werden kann. Die aus Verfolgungswahn,
aus erfundener Beweisführung und aus Analyse entstehende, verwirrend
klare Kritik an der Gesellschaft sollte helfen, endgültig die Realität
zu diskreditieren. Im Wahn wurde eine hochentwickelte Verhaltensform erkannt,
und alle Aktionen basierten auf dem Wunsch, sich einem Wahnsinn zu unterwerfen,
ohne dabei bleibende Störungen zu bekommen, die den freien Willen
beeinträchtigen könnten. Individuellen Wahn auf Wunsch statt
kollektiven Wahn auf Befehl.
Der Zufluchtsort, der den freien Willen am effektivsten vor bleibenden
Schäden des Eigenwahns, aber natürlich auch vor dem des kollektiven
Wahns schützt, ist der Humor. Da der Humor alles in die Lächerlichkeit
zieht, ist keine bleibende Identifikation möglich, sei es jene mit
der eigenen Verrückung oder jene mit dem Trubel der Welt. Der Humor,
der Akt des Lachens ist geistiger Ungehorsam, ist Weigerung, sich den
gesellschaftlichen Vorurteilen zu beugen, ist Distanzierung und eine essentielle
Vorstufe zur neuen Realität, zur sich immer erneuernden Realität
des freien Individuums. Antonin Artaud sah im Humor den Weg zur Freilegung
der instinktiven Kräfte des Menschen und entdeckte diese Freilegung
in Filmen wie Animal Crackers von den Marx Brothers. Den Humor als "überlegene
Revolte des Geistes" zu sehen, wie es André Breton formulierte,
lag ganz in der Tradition des schwarzen Humors von Dada und der 'Pataphysik'.
Neben diesen bekannten Vorbildern gab es da auch Jacques Vaché,
den Breton im Lazarett während des Ersten Weltkrieges kennen gelernt
hatte. Dieser hatte den Humor, den "Umor" zur inneren Desertion
verwendet und Breton in langen Gesprächen gezeigt, welche Rache der
Geist an der Materie, das Begehren an der Macht nehmen kann. Alles wird
zum Messer ohne Klinge, dem der Griff fehlt.
Im nächsten und letzten Teil dieser Serie wird erzählt, wie
es dazu kam, daß André Breton Ilja Ehrenburg eine Ohrfeige
verpaßte und was Herbert Marcuse von all dem und von der revolutionären
Krcrft der Liebe hielt. Auch wird dort Platzfinden, was f'ür diese
Nummer angekündigt war und aus Platzmangel keinen Platz mehr gefunden
hatte: die Beschreibung des automatischen Schreibens und anderer kindhaft
revolutiollärer Tätigkeiten und Schlüssel auf der Suche
nach dem Gold der Zeit.
Ein gut zum Schwerpunktthema dieser Ausgabe passender Brief der Surrealisten
aus dem Jahr 1925:
Brief an die Rektoren der europäischen Universitäten
Werter Herr Rektor,
in der engen Zisterne, die Sie "Denken" nennen, verfaulen die
Strahlen des Geistes wie Stroh. Genug der Sprachspielerein, der syntaktischen
Mätzchen, der Formulierungskunststückchen, jetzt muß das
Große Gesetz des Herzens gefunden werden, das Gesetz, das nicht
ein Gesetz, nicht ein Kerker ist, sondern ein Wegweiser für den in
seinem eigenen Labyrinth verirrten Geist. Weiter entfernt als alles, woran
die Wissenschaft je wird rühren können, dort wo die Lichtkegel
der Vernunft an den Wolken zerschellen, existiert dieses Labyrinth als
zentraler Punkt, in dem alle Kräfte des Seins, die äußersten
Aderungen des Geistes zusammenlaufen. In diesem Gewirr aus sich ständig
bewegenden, immerfort versetzten Mauern, jenseits aller bekannten Denkformen,
rührt sich unser Geist und lauscht auf seine geheimsten, spontansten
Regungen, auf jene, die Offenbarungscharakter besitzen und von anderswoher
zu stammen, vom Himmel gefallen zu sein scheinen.
Doch das Geschlecht der Propheten ist ausgestorben. Langsam erstarrt Europa
zum Kristall, wird unter den Binden seiner Grenzen, seiner Fabriken, seiner
Tribunale, seiner Universitäten allmählich zur Mumie. Der gefrorene
Geist knirscht zwischen den mineralischen Buchdeckeln, die sich immer
enger um ihn schließen. Schuld daran haben Ihre verschimmelten Systeme.
Ihre Zwei-plus-zwei-gleich-vier-Logik, Schuld daran haben Sie, die Rektoren,
gefangen im Netz der Syllogismen. Sie produzieren Ingenieure, Juristen,
Ärzte, denen die wahren Geheimnisse des Körpers, die kosmischen
Gesetze des Seins verborgen 'bleiben, Scheingelehrte, die außerhalb
des Irdischen blind sind, Philosophen, die sich anmaßen, den Geist
noch einmal hervorzubringen. Der kleinste Akt spontaner Erfindung ist
eine komplexere, offenbarungsträchtigere Welt als jede beliebige
Metaphysik.
Lassen Sie uns doch in Ruhe, meine Herren, Sie sind ja nur Usurpatoren.
Wer gibt Ihnen das Recht, das Denkvermögen zu kanalisieren, Geisteszeugnisse
auszustellen?
Vom Geist verstehen Sie nichts, Sie haben keine Ahnung von seinen verborgensten
und essentiellsten Verästelungen, von jenen fossilen Spuren, die
unseren eigenen Quellen so nahe sind, von jenen Fährten, die wir
bisweilen auf den dunkelsten Ablagerungen unserer Gehirne aufzuspüren
vermögen.
Gerade im Namen Ihrer Logik sagen wir Ihnen: Das Leben stinkt, meine Herren.
Sehen Sie sich doch einen Augenblick ins Gesicht, betrachten Sie Ihre
Hervorbringungen. Durch das Sieb Ihrer Diplome preßt sich eine abgezehrte,
verlorene Jugend. Sie sind die Plage einer Welt, meine Herren, und das
geschieht dieser Welt nur recht, doch sie sollten sich etwas weniger an
der Spitze der Menschheit wähnen.
Becker, H. (Hg. und Übersetzter): Es brennt! Politische Pamphlete
der Surrealisten. Hamburg, Edition Nautilus, 1998, zuerst erschienen in
La Revolution Surrealiste, N°3, April 1925.
© Alexander Schürmann-Emanuely
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