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Politik der Ohrfeige
Im Sommer 1935 traf Ilja Ehrenburg, Schriftsteller und sowjetischer Doyen
des sozialistischen Realismus, auf einer Straße in Paris eine Ohrfeige
André Bretons. Die Aufregung Bretons hatte ihren Grund, nämlich
folgende Ausführungen Ehrenburgs über die Surrealisten in seinem
Buch Mit den Augen eines Schriftstellers aus der UDSSR: "Die Surrealisten
wollen zwar von Hegel als auch von Marx als auch von der Revolution etwas
wissen, doch was sie ablehnen, ist arbeiten. Sie haben so ihre Beschäftigungen.
Zum Beispiel erforschen sie die Päderastie und die Träume [...]
Der eine von ihnen befleißigt sich, eine Erbschaft, der andere,
die Mitgift seiner Frau durchzubringen [...] Angefangen haben sie mit
obszönen Wörtern. Die am wenigsten Gewitzten unter ihnen geben
zu, daß ihr ganzes Programm darin besteht, Mädchen zu küssen.
Die sich ein wenig auskennen, begreifen, daß man damit nicht sehr
weit kommt. Frauen, das ist für sie Konformismus. Sie vertreten ein
anderes Programm: Onanie, Päderastie, Fetischismus, Exhibitionismus
und sogar Sodomie. Doch selbst mit so etwas läßt sich in Paris
nur schwer jemand hinter dem Ofen hervorlocken. Also [...] kommt Freud
zu Hilfe [...] " (Es brennt! Pamphlete der Surrealisten, 1998, S.
100). Als Folge für die dem sowjetischen Nationalromancier verpaßte
rote Wange und den ihm eingejagten Schrecken, durfte Breton bei einem
internationalen Kongreß "zur Rettung der Kultur", welcher
von einem der KP nahestehenden Schriftstellerverband organisiert worden
war, nicht auftreten. Paul Eluard vertrat seinen Freund Breton und hielt
dessen Rede "Als die Surrealisten noch Recht hatten", ganz am
Ende der Sitzung, um Mitternacht, als die Delegierten schon aufbrachen
und die OrganisatorInnen darauf drängten, endlich aufzuhören,
weil bald das Licht abzudrehen sei. Das Licht ging schließlich mit
einer heftigen Kritik an Stalin, dem "allmächtigen Führer,
unter dem dieses Regime regelrecht zur Negation dessen wird, was es sein
sollte und was es einmal gewesen ist..." (ebenda, S.l 17), aus. Die
gemeinsame Reise von surrealistischer Bewegung und KP war mit einem Schlag
und der Kritik an den beginnenden Moskauer Prozessen zu Ende. Eine Zeit
lang fühlte sich André Breton von Trotsky angezogen, mit dem
er in Mexiko auch einen gemeinsamen Text über die Autonomie der Kunst
verfaßte, doch ziemlich bald näherte sich Breton seinen libertären
(frz. für freiheitlichen) Ursprüngen und fand sich im schwarzen
Spiegel des Anarchismus wieder, frei nach Leo Ferre: "Marx war ein
Hippie"
Die einfachste surrealistische Tat...
Trotzdem sie André Breton verteilt hat, kann die Ohrfeige aus dem
Jahr 1935 nicht als surrealistischer Akt der Gewalt gesehen werden, sie
hatte nämlich ein Ziel: die Wange Ehrenburgs. Wenn Gewalt, dann ziellose,
also sinnlose, nicht zu vollbringende. Nur so findet die Sinnlosigkeit
von Gewalt an sich ihren Ausdruck, indem sie sich als sinnlos und ziellos
einprägt, alles andere wäre reale und manifeste Gewalt.
Im Zweiten Surrealistischen Manifest von Andre Breton 1930 kann etwas
nachgelesen werden, das in seiner Provokation genau das ausdrückt:
"Die einfachste surrealistische Tat besteht darin, mit Revolvern
in den Fäusten auf die Straße zu gehen und blindlings, solange
man kann, in die Menge zu schießen." (Bürger, Peter. Ursprung
des postmodernen Denkens, S. 26). Auf den ersten Blick und überflogen
könnte ähnliches von einem Futuristen wie Marinetti oder sonst
einem Faschisten geschrieben worden sein. Doch die Gewalt der Schwarz-
und Braunhemden war nicht ziellos, wenn auch willkürlich, war nicht
Ausdruck größter Verzweiflung, sondern Programm, um ein Ziel,
um die Macht zu erreichen. Die absolute Revolte, die Bretons Satz ausspricht,
richtet sich nicht gegen bestimmbare Mißstände der bürgerlichen
Gesellschaft, sondern gegen das Leben an sich, gegen die "conditions
dérisoires, ici-bas.", die unzumutbaren Zustände hier
unten. Der revolvige Satz bringt die existentielle Verzweiflung, die dunkle
Seite des Begehrens und die daraus resultierende Todessehnsucht zum Ausdruck.
Die blinde Gewalt, welche Breton beschreibt, ist jene eines verzweifelten
Individuums, das seine Ausweglosigkeit entdeckt, die Ausweglosigkeit aus
der bestimmenden Fremdbestimmung durch Ideen oder Andere zu entkommen.
Die reale, gewollte Gewalt in der Gesellschaft, ist jene, die die Schrauben
festigt, die besser locker bleiben sollten, denn erst durch diese Festigung
taucht ein fester Wille mit einem noch festeren Ziel und vielen tragischen
Folgen auf. Den Massenmord an anderen vollbrachten immer nur Menschen,
die ihre Taten in Einklang mit irgendwelchen Zielen bringen konnten, wie
einen Feind zu vernichten oder die Welt zu retten. Kein Surrealist wurde
je Revolverheld, kein Surrealist wollte je Welt oder Leben retten... Es
galt einfach, sich allen Zielen zu verweigern, die angestrebte Revolution
als Verweigerung aller Ziele zu setzen. Nur das Individuum, mit sich selbst,
ist einer solchen Weigerung fähig, wenn es nichts mehr tut, was außerhalb
seiner eigenen Triebe, seines eigenen Willens steht, wenn es die eigene
Verzweiflung in der Welt aus Poesie, Liebe und Freiheit austobt.
Aus der scheinbaren Unrealisierbarkeit einer gelebten Verweigerung, richteten
Surrealisten, wie Rene Crevel, den Revolver höchstens gegen sich
selbst. Crevel kündigte seine Tat als Notwendigkeit an, um endlich
etwas zu tun, auf das nur er Einfluß hat, das nicht in Zusammenhang
mit irgend etwas, irgendwem anderen und einer Akzeptanz steht. "Das
Leben, welches ich akzeptiert habe, ist das schlimmste Argument gegen
mich selbst."
Liebe, Freiheit und Poesie - In Luis Bunuels Film: Das Goldene Zeitalter
aus dem Jahr 1930; wird genau diese destabilisierende Kraft ausgetobter,
zielloser Gefühle illustriert. Der Protagonist des Films ist aufs
leidenschaftlichste in eine Frau vernarrt, die nicht minder leidenschaftlich
für ihn empfindet. Jeder Moment, jeder Ort wird genützt, um
sich dieser Leidenschaft hinzugeben. Nach Erregung öffentlichen Ärgernisses
wird er verhaftet. Was die Polizisten nicht wissen, ist, daß er
selbst Beamter mit speziellen Vollmachten ist. Nachdem er sich eine Zeit
lang geduldig und gelangweilt durch die Stadt zerren läßt und
auf jeder Seidenstrumpfwerbung seine Geleidenschaftete sieht, reißt
er sich los und zeigt den verdutzten Polizisten seine Spezialausweise,
die ihn immun vor jedem Zugriff anderer Beamten machen. Er ist wieder
frei und sprengt gleich ein mondänes Fest. Danach beißen sich
die zwei wiedergefundenen Liebenden glückselig Finger und Zehen ab.
Die Revolte des Beamten, die ganz im Sinne der surrealistischen Revolte
ist, drückt sich dadurch aus, daß er seinen sentimentalen und
triebhaften Grundbedürfnissen, koste es, was es wolle, folgt. Inzwischen
geht der Staat zugrunde, eine Revolution bricht aus, der Innenminister
ruft mitten im Geküsse an und erschießt sich, nach einer Tirade
voller Vorwürfe gegen den wild gewordenen Beamten noch während
des Telephonats. Nichts ist wichtiger als die spontane und leidenschaftliche
Liebe, schon gar kein Staat oder Gott oder sonst jemand außerhalb
des Ichs. Mitten im ganzen Trara spielt ein Orchester den Liebestod aus
Tristan und Isolde (dem Liebespaar, das nicht nur für eine spontane
Leidenschaft alle sozialen Bindungen, Ritter- und Königinnenkarriere
zerstört, sondern auch noch aus einem Mißverständnis heraus
stirbt, den Liebestod eben). Spontane Liebe auch bei Bunuel: denn nachdem
der Protagonist von dem Gespräch zu seiner Geliebten zurück
kommt, brennt diese mit dem greisen Dirigenten des Wagner spielenden Orchesters
durch, was natürlich den Wildgewordenen die wirklich fast wichtigste
Erfahrung des Surrealismus vergegenwärtigt: die Verzweiflung.
Die Moral der Geschichte, des Surrealismus ist, mit Breton ausgedrückt:
"Gänzlich unfähig,
mich abzufinden mit dem mir zugefallenen Schicksal, in meinem Wertgefühl
zutiefst verletzt durch den Mangel an Gerechtigkeit, den in meinen Augen
die Erbsünde keinesfalls entschuldigt, hüte ich mich davor,
mein Dasein den hienieden für jedes Dasein geltenden lächerlichen
Existenzbedingungen anzupassen." Vor lauter Wut zündet der Verlassene
Held Buñuels einen Weihnachtsbaum an und wirft ihn aus dem Fenster.
Der Film blieb nicht ohne Folgen - Gezielte und manifeste Gewalt und echte
Revolver folgten einen Tag nach der Uraufführung, als Schlägertrupps
der Patriotischen und der Antijüdischen Liga das Kino stürmten
und es verwüsteten. Zwei Tage später war der Film verboten und
bis in die 90er Jahre nicht zu sehen.
Die komplizierteste surrealistische Tat...
Die gleichen Schlägertrupps sollten bald ganz Europa regieren und
mit einer Gewalt überziehen, die sich selbst als Ziel nahm. Mord
und Totschlag sind unter den Nazis und ihren Kollaborateuren Gesetz und
Religion gewesen. Louis Aragon fand in dieser Zeit, als Haß gepredigt
und Gewalt, sowie das Gruppen- und Wir-Gefühl zelebriert wurde, Worte
und Gedichte, die in Folge vielleicht am eindrucksvollsten Menschen (unter
anderem mich) in ihrer Verweigerung prägten. In seinem Essay Kunst
und Politik im totalitären Zeitalter - Einige Bemerkungen zu Aragon
(Marcuse, Herbert. Nachgelassene Schriften. Kunst und Befreiung, 2000,
S. 47-71), beschreibt Herbert Marcuse die von Aragon kreierte Gegenwelt.
Anstatt als Resistancekämpfer, der er war, über seine Heldentaten
und die seiner KameradInnen zu poetisieren, widmete Aragon ganze Gedichtbände
seiner Frau Elsa. Einer heißt Elsa, ein anderer Die Hände Elsas,
Die Augen Elsas... Indem Aragon das Schöne, nämlich Elsa und
seine Liebe zu ihr darstellt, stellt er gleichzeitig die Zerstörung
dieser Liebe und jeder ähnlichen Welt und jedes ähnlichen Gefühls
durch die Realität, die damals Nationalsozialismus und Krieg hieß,
dar. Als einzige Lösung überhaupt und immer war in Folge: diese
Realität zerstören zu müssen, und zwar durch eine, durch
die Gegen- und Eigenrealität. Haß durch Liebe, die Gewalt durch
sanfte Zuneigung und das Wir-Gefühl durch die Leidenschaft für
einen Menschen ersetzen, in ihrer Intimität war die Verweigerung,
die Surrealität vollkommen. Und nicht nur im Gedicht, sondern im
Leben, sei es noch so höllisch wie das während der Nazizeit,
griff diese Intimität um sich. Das mag sich zwar sehr romantisch
anhören, doch verweigert diese Haltung des Individuums konsequent
jedes weitere Verwirklichen der Wirklichkeit in seinem Bereich. "Oh
meine Liebe, oh meine Liebe, du allein bist für mich in dieser Stunde
trauriger Abenddämmerung" (Louis Aragon).
Wider die Anpassung
Doch zurück zu den Anfängen des Surrealismus und dem Punkt,
als die Suche nach dem Gold der Zeit angefangen hat. Eine zentrale Bedingung
der Gesellschaft und der mit ihr verbundenen Verzweiflung zu entkommen,
ist die Langeweile. Erst diese ermöglicht nämlich aufzubrechen
und im ziellosen Herumirren durch den Alltag, die Ereignisse, Objekte
und Menschen zu finden, die das neue, das eigene Universum bilden. Die
Langeweile ist die wundersame Flamme, die endlich Licht auf einen selbst,
auf die Mitwelt wirft. Breton und Nadja ist langweilig, deswegen durchstreifen
sie Paris, wo andere arbeiten und jahrelang nichts anderes als die gleiche
Routine wiederholen. Es durchstreifen Feen und Männchen in Grün
Städte und Passagen wie Kinder eine zu entdeckende Welt durchstreifen,
hintergedankenlos, dem irgendwas entgegen. Cafes und Bahnhöfe sind
Ausgangspunkte und Orte, wo sich die Eingeweihten finden, um ihre dekonstruktiven
Spiele zu spielen: das automatische Schreiben und das Entwerfen Erlesener
Leichname.
Das Basteln Erlesener Leichname war als Bruch mit dem kodifizierten Geist
und den eingeprägten Assoziationen ins Leben gerufen worden. Durch
dieses Basteln soll der innere Reichtum der SpielerInnen ermessen werden,
indem das Unbewußte durch Methoden eines Gesellschaftsspieles fixiert
wird. Mehrere Personen schieben sich nach und nach ein Blatt Papier zu
und beschreiben oder bezeichnen es sukzessiv, ohne zu wissen, was der
andere geschrieben oder gezeichnet hat. Beim Entfalten des Papiers entstehen
Dialoge und Wesen ohne jeden Wirklichkeitsgehalt, bzw. mit einem neuen
Wirklichkeitsgehalt, mit jenem ahnungslosen der Beteiligten. Der erste
Satz des ersten Spieles lautete "Der erlesene Leichnam", alle
anderen Sätze, die auf diesen folgten und folgen sind Assoziationen
aus der Unendlichkeit des Zufalls, sind universelle Sätze. Durch
dieses und andere Spiele entwickelte sich in der Gruppe keine Identität
oder kein Zwang zur Gemeinschaft, es entwickelte sich viel mehr eine kommunikative
Reibfläche verschiedener Vasen, die sich gegenseitig aufftüllten
und entleerten, auffüllten und entleerten...
Das Automatische Schreiben war von ähnlicher Qualität und gleichzeitig
die ursprünglichste Methode, das erste Spiel der Surrealisten, wenngleich
auch nicht von ihnen erfunden, da es schon längst im Barock kursierende
Salonunterhaltung gewesen war. Der eigenen Definition Bretons zufolge,
ist Automatismus Synonym von Surrealismus. Unkritisches, unreflektiertes
und hemmungsloses Niederschreiben von Wortfolgen soll das Aufzeichnen
der Botschaften aus der eigenen Traum- und Wahnwelt ermöglichen.
Daß dabei trotzdem die Gesetze der Syntax eingehalten werden, ist
darauf zurückzuführen, daß Breton bestimmte, daß
der Inhalt, die produzierten Bilder als Ausdruck des Automatismus zu erkennen
seien, was bei einem wort- und satzzerstörenden Gestammel à
la Dada nicht möglich gewesen wäre. Spiel und Ernst waren gleichgesetzt,
Literatur wurde zur Lebenspraxis, zur Entdeckungsreise mit anderen und
in diese, mit dem und in das verschüttetste Ich. Das automatische
Schreiben soll die letzten Bindungen zur Realität, zum Geist lösen,
soll die Hingabe an den Kurzschluß sein, der den Menschen von etwas
Stärkerem als mensch selbst überwältigen läßt
und aus der Realität schleudert. 10 Stunden pausenlos auf ein Blatt
schreiben und das einige Wochen lang, wenn auch in einer unbedingt gemütlichen
Atmosphäre, wie bretonisch empfohlen - Mensch ist dann ein anderer
Mensch.
Eine gewollte, aber ganz andere, in den Stundenplan des Leben eingreifende
Wirkung hatten diese Spiele allenfalls: sie waren jeder der Norm entsprechenden
Tätigkeit fast zur Gänze entzogen, vor allem aber zeitintensiv.
Somit wurden alle beteiligten Spieler durch ihr Verhalten nutzlose Mitglieder
der Gesellschaft - Bravo! Dutzende Menschen schlossen sich selbst aus,
schafften es, durch ihren eigenen Ausschluß den Beweis dafür
zu erbringen, daß nicht nur das surrealistische Bewußtsein,
sondern auch die surrealistische Tat die Gesellschaft auflöst.
Warum? - Darum!
Zum Schluß eine kurze Frage auf eine kurze Frage, nämlich auf
jene, was diese Auseinandersetzung mit dem vor 80 Jahren manifestierten
Surrealismus soll, geschehen eigentlich genug aktuelle Explosionen und
schrieb doch Adorno nachvollziehbar nach dem Zweiten Weltkrieg: "Nach
der europäischen Katastrophe sind die surrealistischen Schocks kraftlos
geworden." (Adorno, T. W., Noten zur Literatur, 1981, S. 102). Doch
wenn der Anfang des surrealistischen Abenteuers nicht das Erstaunen vor
dem Reichtum der Erscheinungswelt, sondern ein Zustand der Niedergeschlagenheit
war, ist dann die Voraussetzung für dieses Abenteuers nicht immer
gegeben, kann dann nicht immer verstört und gestört werden,
und zwar nicht im Sinne der Realität, sondern im Sinne der Hoffnung,
des Traums und der Schamesröte provozierenden Gefühle?
© Alexander Schürmann-Emanuely
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