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SURREALISMUS

"Dali ist einfach nichtssagend"

Von Gunnar Luetzow, London

Egal, ob er Drogen nimmt, Bücher schreibt oder einfach nur eine Surrealismus-Ausstellung besucht - der Londoner Kultautor Will Self weiß, wie man polarisiert. Außer Hans Bellmer findet vor seinem Sarkasmus niemand Gnade - am allerwenigsten der innere Zirkel von Bretons "Bande".



Jerry Bauer
Kunstkritiker Self:
"Immer diese
französischen Mittelklassejungs"
Kunstkritiker Self: ''Immer diese französischen Mittelklassejungs''

Wer den Londoner Schriftsteller Will Self besucht, darf die mitgebrachten Klischees über den einst um ein provokantes Image bemühten Bürgerschreck gleich an der Haustür seines überaus bürgerlich anmutenden Hauses in Stockwell abgeben. Statt "Spritzen oder rauchen?" fragt der kultivierte, in Oxford ausgebildete Gastgeber, der vor einigen Jahren mit Heroin im falschen Flugzeug - nämlich dem von Ex-Premier John Major - erwischt wurde und früher in einer Punkband spielte, freundlich, wie viele Stücke Zucker in der Teetasse bevorzugt werden. Zwar lugen unter den Ärmeln seines Pullovers immer noch die selbst gebastelten Tattoos hervor, doch das Ambiente erschreckt nicht weiter, sondern erinnert eher an Akademikerwohnungen in Berlin-Charlottenburg oder Hamburg-Eppendorf: Zwischen Stuckdecke und Holzfußboden regalweise Bücher, geschmackvolle Blumen auf dem Teetisch und erlesenes, aber nicht zu auffälliges Mobiliar.

Surreale Erotik von Man Ray (''Lee Miller, Torso'' 1930): ''Toll, wir haben ein schmutziges Geheimnis entdeckt!'' Lee Miller Archive, ARS, NY, ADAGP, Paris
Surreale Erotik
von Man Ray
("Lee Miller, Torso" 1930):
"Toll, wir haben
ein schmutziges Geheimnis
entdeckt!"

Zu besprechen gäbe es mit Self so einiges: Sein Abschied von Drogen und Alkohol, seine Ankunft in einem ziemlich normalen Familienleben mit zweiter Frau und viertem Kind beispielsweise. Dann wäre da auch noch sein aktuelles, angeblich komplett ohne den Einfluss bewusstseinsverändernder Substanzen entstandenes Buch "How the Dead Live", das viele für seinen bisher besten Roman halten - und sein allerneuestes Werk "Feeding Frenzy", eine Sammlung journalistischer Arbeiten aus den letzten Jahren. In beiden brilliert der manische Sprachmagier Self erneut, ersteres erscheint jedoch erst im März 2002 in deutscher Übersetzung, während letzteres noch nicht einmal in England veröffentlicht wurde.

Doch der Vielschreiber Self, dessen eigenwilliger, sarkastisch eingefärbter Kosmos düsterer Halluzinationen das Publikum immer wieder polarisiert, hat trotzdem eine ganze Menge um die Ohren - in der Tate Modern wartet beispielsweise gerade ein Fernsehteam der BBC auf ihn, den "dreckigen magischen Realisten" (Self über Self), um ihn nach seiner Meinung zu den Surrealisten zu befragen, deren obsessive Auseinandersetzung mit den Obsessionen in der aktuellen Ausstellung "Surrealism - Desire Unbound" umfassend dokumentiert wird.

Ubu Gallery, New York and Galerie berinson, Berlin
Bellmer-Kunstwerk
"The Doll" (1935):
"Polymorph-perverse
Sexualität"
Bellmer-Kunstwerk ''The Doll'' (1935): ''Polymorph-perverse Sexualität''

Aber die beeindruckende Zusammenstellung von Werken aus Zentrum und Peripherie der surrealistischen Bewegung lässt Will Self eher kalt: "Die Vorstellung, dass es sich bei der Unterdrückung von Sexualität um eine Sache von großer Wichtigkeit handele, die Nebeneinanderstellung unvereinbarer Elemente - das waren ja keine so neuen Konzepte. Ich betrachte die Surrealisten eher als ein Ausdruck der französischen Angewohnheit, allem die Form einer Bewegung zu geben. Die interessantesten Surrealisten waren für mich immer die Gestalten an den Rändern und nicht der innere Zirkel Bretons", sagt er und fügt flapsig hinzu: "Immer diese französischen Mittelschichtjungs, die mit ihrer Zeit nichts anzufangen wissen und dann irgendeinen '-ismus' und die dazugehörige Bande gründen."

Hat sich Self erst einmal in Form geredet, kommt man ihm besser nicht in die Quere, insbesondere wenn man zerlaufende Uhren malt oder öfter mal mit dem Hummer in der Hand telefoniert: "Die Surrealisten erscheinen mir als banale Denker, insbesondere Dali ist einfach nichtssagend, von keiner sonderlichen Bedeutung. Dazu erscheint mir die zwanghafte Beschäftigung mit Sex doch als sehr pubertär: Toll, wir haben ein schmutziges Geheimnis entdeckt - die Leute haben Schwänze und Mösen und tun Dinge damit. Also mich wundert nicht, dass ausgerechnet jetzt in der Tate Modern auch noch Unterwäsche verkauft wird."

Dalis ''Lobster Telephone'' (1936): ''Banale Denker'' kingdom of Spain
Dalis "Lobster Telephone" (1936):
"Banale Denker"

Doch der Aufenthalt zwischen einigen der Klassiker der Moderne ist glücklicherweise nicht die reine Qual für Will Self. Duchamp erträgt er durchaus und ein wenig Interesse vermögen ihm zumindest die verstörenden Arbeiten Hans Bellmers entlocken: "Mich beschäftigen diese Puppen am meisten - sie weisen den Weg in die polymorph-perverse Sexualität am Ende des 20. Jahrhunderts, sie zeigen die Zukunft und verweisen auf die Auswirkungen, die die Gentechnik und bestimmte medizinische und chirurgische Techniken auf unsere Vorstellung vom Körper haben. Und sie zeigen natürlich auch auf, welche Spuren die Verbrechen des 20. Jahrhunderts darin hinterlassen haben - der Körper wird nicht mehr individuell, sondern nur noch als Teil einer großen Maschine wahrgenommen. Doch auch Bellmer war eher eine Randgestalt."

Dass Bellmer allerdings mit seinen Puppen im Prinzip schon dort war, wo die immer zu einem lockeren Schock aufgelegten Brüder Jake und Dinos Chapman - als Saatchi-Protegés mitten im Zentrum der Londoner Kunstszene - mit ihren umstrittenen Skulpturen gerade angekommen sind, bemerkt Will Self zu Recht. Aber auch Max Ernst hat keine guten Karten, wenn Will Self Ernst macht: "Ich meine, das hier sieht nun wirklich aus wie der direkte Vorgänger eines Heavy-Rock-Albumcovers aus den frühen Siebzigern, oder?" In der Unterhaltung mit dem über die bevorstehende Kontroverse hoch erfreuten BBC-Aufnahmeleiter schaltet Self dann noch einen Gang höher und als die Kamera endlich läuft, gibt er ihnen, was sie wollen: Im Dialog mit einem Kunstkritiker kanzelt er das Ganze professionell und bissig ab.

Peggy Guggenheim Collection, Venice
"The Robing Of The Bride"
(Max Ernst, 1940):
"Heavy-Rock-Albumcover
aus den frühen Siebzigern"
''The Robing Of The Bride'' (Max Ernst, 1940): ''Heavy-Rock-Albumcover aus den frühen Siebzigern''

Tatsächlich scheint ihm, so viel lässt er auf der Rückfahrt noch durchblicken, der Besuch von Ausstellungen weniger Vergnügen zu bereiten als den zahllosen Besuchern, die sich täglich in den vierten Stock der Tate Modern begeben. Denn alles ist schließlich seiner Meinung nach bereits von der Konsumgesellschaft vergiftet: "Ich halte nichts von den Leuten, die glauben, sie stünden über den weltlichen Dingen und statt dessen Kultur konsumieren. Gibt es einen Unterschied zwischen einem Hollywood-Blockbuster und dieser Ausstellung? Ich bezweifle das. Überhaupt betrachtet das Publikum so etwas eher als Möglichkeit der Selbstinszenierung, genau wie in den Londoner Theatern. Da trifft man inzwischen mehr Schauspieler im Publikum als auf der Bühne."

Dass ihn gerade dieses Publikum für seine spitzzüngigen Bemerkungen weiterhin so schätzen wird, wie es ihn einst für seinen Flirt mit dem Abgrund geschätzt hat, ist zwar gewiss - aber eben auch nur eine weitere Paradoxie in seinem Leben und in seiner Stadt.