Kölner Stadt-Anzeiger



Ein Mikrochip, der unter die Haut geht



erstellt 13.05.02, 20:11h, aktualisiert 21:25h


Die ersten Menschen, die sich einen Chip mit medizinischen Daten einpflanzen ließen, erregen viel Aufmerksamkeit.
Washington - Für die einen ist er ein Lebensretter, für die anderen ein Vorbote des totalen Überwachungsstaats. Unter großem Medienrummel ließ sich im US-Bundesstaat Florida eine dreiköpfige Familie den "VeriChip" einpflanzen. Der Mikrochip im Arm ist eine Art Personalausweis, der mit einem Scanner abgelesen wird. Er ist zunächst für den medizinischen Gebrauch gedacht. Der Chip soll Patienten identifizieren, die etwa bewusstlos ins Krankenhaus gebracht werden. Doch die Herstellerfirma Applied Digital Solutions (ADS) hat weiter reichende Pläne - so könne der Chip künftig etwa auch helfen, entflohene Straftäter oder illegale Einwanderer aufzuspüren.
Die Prozedur in Boca Raton dauerte nur 20 Minuten. Familie Jacobs rollte die Ärmel hoch und bekam ohne Narkose die Chips eingespritzt. Vater Jeffrey Jacobs sagte danach, es sei harmloser gewesen als beim Zahnarzt. Er muss es wissen: Schließlich war er früher selber einer. Der 48-Jährige hat lange gegen den Krebs gekämpft und glaubt, dass bei einem Kollaps der Chip sein Leben retten könne. Der 14-jährige Sohn Derek, ein Computerfreak, hatte seine Eltern für den Chip begeistert. Ihre Familie sei Pionier einer Technologie, "die die Welt verändern wird", schwärmte Mutter Leslie. Sie fühlt sich schon seit Wochen wie in einem Science-Fiction-Film: "Es ist so ähnlich wie Raumschiff Enterprise."
Der digitale Ausweis im Körper ist so groß wie ein Nadelkopf und sendet ein Radiosignal aus, das der Scanner aus bis zu etwa 1,20 Metern lesen kann. Ähnliche Chips gibt es schon seit längerem für Hunde, Katzen oder Kühe - sie helfen, das entlaufene Tier wieder zu finden. Die Firma ADS in Palm Beach hofft nun auf reißenden Absatz ihres Chips für den Menschen. In den vergangenen Monaten gingen bei der Firma in Palm Beach Tausende von Anfragen ein - allerdings größtenteils von Teenagern, die den Chip einfach "cool" finden.
Zielgruppe von ADS sind zunächst Patienten, die leicht orientierungslos werden oder kollabieren können. Der Chip kann bis zu 128 Buchstaben speichern. Neben Namen und Adresse können Angaben über Allergien, Prothesen oder den Hausarzt eingespeichert werden. Die Jacobs bekamen als erste Stufe der Anwendung allerdings nur persönliche Kennnummern eingespeichert. Nach Ablesen kann diese Nummer per Telefon oder Internet in eine Datenbank eingegeben werden, wo medizinische Informationen über den Patienten zu erhalten sind.
Der VeriChip kostet mit Implantation etwa 450 Dollar (490 Euro). Den Scanner will ADS zunächst kostenlos an Krankenhäuser abgeben. Und die Firma denkt bereits über eine Weiterentwicklung des Chips nach. Er könnte künftig mit dem Satelliten-gestützten Navigationssystem GPS kombiniert werden, um den Aufenthaltsort von Menschen zu bestimmen. Ein ähnliches System mit dem Namen "Digitaler Engel" hat die Firma bereits auf dem Markt. Der "Engel" wird aber nicht eingepflanzt, sondern wie eine Armbanduhr getragen. So können zum Beispiel die Wege von Alzheimer-Patienten mit Hilfe des Geräts von Verwandten am Computer verfolgt werden.
Für die Zwecke der Strafverfolgungsbehörden hätte der VeriChip aus Sicht von ADS den Vorteil, dass er nur per Operation entfernt werden kann. Der Chip könnte benutzt werden, um Straftätern auf die Spur zu kommen, die sich während des Ausgangs abgesetzt haben. Oder die Opfer von Entführungen könnten aufgespürt werden - laut ADS gibt es in Südamerika großes Interesse an der Technologie. Firmenchef Richard Sullivan schlug sogar vor, Einwanderern den Chip einzupflanzen, um sie besser kontrollieren zu können.
Durch solche Visionen sehen sich Datenschützer und Bürgerrechtler allerdings in ihren schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Die Vorstellung, dass "Big Brother" den VeriChip benutzen könne, "um unwissende Bürger zu beobachten und persönliche Daten zu sammeln, ist nicht zu allzu weit hergeholt", warnte etwa das Zentrum für Individuelle Freiheit (CFIF) in Alexandria bei Washington. (afp)