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Breton 1961 in seinem Atelier, Foto: A. Schwarz DIE PLÜNDERUNG
VON ANDRÉ BRETONS NACHLASS
ODER
DER GEIST IN ZEITEN DES TURBOKAPITALISMUS
Simone Breton in der rue Fontaine

Hintergründe und Stellungnahmen



 

an sollte vielleicht vorab klar machen, daß hier nicht von einem x-Beliebigen, von einem der vielen mehr oder weniger Großen der Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts die Rede ist; deshalb ein Zitat: »Ich stelle ihn auf eine Stufe mit Einstein, Freud, Jung oder Kafka. Mit anderen Worten, ich betrachte ihn als einen der vier oder fünf großen Reformer des modernen Denkens« (Eugène Ionesco).

Die Rede ist von André Breton (1896–1966), dem führenden Kopf der von ihm mitgegründeten surrealistischen Bewegung, einer Bewegung von Menschen aus vielen Ländern Europas und anderer Kontinente, die 1924 mit dem Hauptziel antrat, die westliche Zivilisation von Grund auf zu revolutionieren – politisch, sozial, geistig und moralisch. Obwohl diese surrealistische Revolution bekanntlich gescheitert ist, wie gerade der aktuelle Zustand dieser unserer westlichen Zivilisation überdeutlich beweist, ist sie doch mit ihren unzähligen manifesten und latenten Auswirkungen auf die neuere westliche Denk- und Empfindungsweise zweifellos nicht völlig vergeblich gewesen. Das Feuer der Revolte gegen die bestehenden Ordnungen, das der Surrealismus entzündet hat, schwelt unter den Aschenbergen, die von diesen Ordnungen produziert worden sind, weiter, und es bedarf vielleicht nur – wie im Mai 1968 – eines kräftigen Windstoßes, um es neu zu entfachen.

Der bürgerliche Kulturbetrieb, die gesamte bürgerliche Gesellschaft sind dem Surrealismus von Beginn an mit offener Ablehnung begegnet, und daran hat sich, sofern es den Hütern des Status quo nicht gelungen ist, sich die künstlerischen Hervorbringungen dieser Bewegung via Markt einzuverleiben, nichts geändert. Das demonstriert zur Zeit unter anderem die Art und Weise, wie das bürgerliche Kulturmanagement in Frankreich mit der überaus umfangreichen, aus unterschiedlichsten Schätzen bestehenden Sammlung umgeht, die André Breton bei seinem Tod hinterlassen hat: Zwischen dem 1. und dem 18. April werden, unter heftigen Protesten, die vorhandenen 5.500 (!) Posten dieser außerordentlichen Sammlung an den Meistbietenden versteigert und damit wohl unwiederbringlich in alle Winde verstreut. Breton war ganz offensichtlich zu Lebzeiten – und ist es heute noch – ein zu entschiedener Dissident und Feind des bürgerlichen Staats, als daß dieser sich bemüßigt fühlt, den Ausverkauf der Breton'schen Sammlung zu verhindern – eigentlich eine zu erwartende, ganz normale Reaktion, die u.a. belegt, daß Breton noch kein toter Klassiker, sondern in seinem Denken höchst lebendig geblieben ist.

Das Auktionshaus CalmelsCohen, das die Versteigerung durchführt, hat sieben umfangreiche, sehr gewichtige Bände vorgelegt, in denen die 5.500 »Lose«, die es an den Mann zu bringen gilt, präzise aufgelistet sind: eine gewaltige Sammlung. Im einzelnen wird folgendes angeboten: Band 1: Manuskripte, Band 2: Bücher, Band 3: Volkskunst, Band 4: primitive Kunst, Band 5 und 6: moderne Kunst, Band 7: Photographien. Der Gesamtwert all dieser zurückgebliebenen Besitztümer wird auf 30 Millionen Euro geschätzt; vielleicht wird der Erlös aber auch 35 oder 40 Millionen betragen.

Werfen wir einen Blick in zwei dieser Kataloge, z.B. in die Bände 5 und 6. Wir stellen fest, daß dort vieles – sehr vieles – von dem, was einst Bestandteil der Sammlung war, nicht mehr vorkommt. Dennoch stoßen wir noch auf zahlreiche kleinere und auch sehr große Schätze: Pablo Picasso, Óscar Domínguez, Victor Brauner (stark vertreten), Hans Arp (Schätzwert einer der Arbeiten: 800.000 Euro), Salvador Dalí, Wolfgang Paalen (reichlich vertreten), Toyen (ebenfalls in größerer Zahl vorhanden: die tschechische Malerin hat bis zu ihrem Tod 1980 viele Jahre ein oder zwei Stockwerke über Bretons Atelier gelebt), Diego Rivera, Joan Miró (5.000.000 Euro!), René Magritte (800.000 Euro), Roberto Matta, Wifredo Lam (gut vertreten), Man Ray (1.200.000 Euro), Meret Oppenheim, André Masson, Max Ernst, Arshile Gorky (1.200.000 Euro), Jindřich Štyrsky, Marcel Duchamp, Jacques Hérold, Pierre Molinier, Francis Picabia (700.000 Euro) und Yves Tanguy (1.000.000 Euro) – um nur einige Namen aus Bretons engerem oder weiterem surrealistischen Freundeskreis zu nennen. Daneben viele Filigers, viele »geisteskranke« und naive Künstler (Wölfli, Zötl, vor allem der Haitianer Hector Hyppolite), viele »cadavres exquis« und zahlreiche bildkünstlerische Versuche von Breton selbst. An den Schätzpreisen läßt sich übrigens trefflich der für Laien teilweise überraschende aktuelle Marktwert der Künstler ablesen.

War Breton ein begüterter Mensch, daß er eine derart umfangreiche und kostbare Sammlung zusammentragen konnte? Keineswegs. Den größten Teil seines Lebens war er, was das Vorhandensein flüssiger Mittel angeht, eher das Gegenteil eines vermögenden Mannes, und es gab in diesem Leben sogar immer wieder lange Phasen bitterer Armut. Aber die weitaus meisten modernen Kunstwerke – um nur diese zu nennen – , die Breton über die Jahrzehnte hinweg erworben hat, kosteten zum Zeitpunkt des Ankaufs nur einen Bruchteil dessen, was heute auf dem Kunstmarkt für sie gefordert wird – häufig Millionen – , und dennoch fiel es ihm oft überaus schwer, die notwendige Summe aufzubringen, was zuweilen nur durch den Verkauf anderer Werke der Sammlung zu bewerkstelligen war, so daß sich diese permanent veränderte. Zudem hat Breton natürlich zahlreiche Arbeiten als Geschenk seiner surrealistischen Freunde für den leidenschaftlichen Einsatz erhalten, mit dem er für deren Werk eintrat. Faßt man, was allein die Gemälde angeht, alle Werke zusammen, die Breton im Laufe seines Lebens vorübergehend oder auf Dauer sein Eigen nennen durfte, so ergibt sich eine Sammlung, die jedem großen Kunstmuseum der Welt zur höchsten Ehre gereichen würde, und tatsächlich befinden sich heute auch zahlreiche Werke, die er einst besessen hat, in diesen Museen. Ein paar Beispiele:

Von Picasso u.a. La Femme assise (jetzt im van-Abbe-Museum, Eindhoven) und La Femme à la guitare (Norton Simon Museum of Art, Pasadena), von Braque etwa Joueur de guitare (Museum of Modern Art, New York), Le Port (Museum of Fine Arts, Houston) und Femme avec mandoline (Sgl. Thyssen-Bornemisza), von de Chirico Le Cerveau de l'enfant (ein Bild, das fast ein halbes Jahrhundert in Bretons Wohnung hing, bevor er es 1964 an das Moderna Museet in Stockholm verkaufte – für 250.000 Francs, wie es heißt, was Breton für den – kurzen Rest seines Lebens endlich einmal ein bequemes Auskommen sicherte), ferner Mystère et mélancolie d'une rue (Privatsammlung), Énigme de la fatalité (Kunstmuseum Basel), L'Énigme d'une journée und Le mauvais génie d'un roi (beide Museum of Modern Art, New York) und La Contrariété du penseur (San Francisco Museum of Art), von Max Ernst, von dem Breton zeitweise an die dreißig wichtige Werke besessen hat, u.a. Petite fistule lacrimale qui dit tictac (Museum of Modern Art, New York), Les Hommes n'en sauront rien (Tate Gallery, London), Les Hordes (Stedelijk Museum, Amsterdam) usw., von Miró insgesamt vierzehn Hauptwerke, darunter Paysage catalan (Le Chasseur) (Museum of Modern Art, New York), Maternité (Scottish National Gallery of Modern Art, Edinburgh), Homme à la pipe (Centro de Arte Reina Sofía, Madrid) und L'Objet du couchant (Musée National d'Art Moderne, Paris), von Duchamp La Mariée (Philadelphia Museum of Art) usw. Darüber hinaus haben zeitweise an die dreißig Picabias Breton gehört, mindestens dreißig Tanguys, jeweils mehrere Hauptwerke von Arp, Dalí, Giacometti (La Boule suspendue), Magritte und anderen, nicht zu reden von je einem Gustave Moreau, Henri Rousseau und Edvard Munch, von diversen Derains und Modiglianis: ein grandioses Privatmuseum, wenn das alles beisammengeblieben wäre! Wie diese Namen und Bildtitel andeuten, besaß Breton schon als junger Mann und auch in späteren Jahren einen untrüglichen Blick für Qualität: Alle Werke, die er erwarb und die seinerzeit ja noch keineswegs von der Nachwelt als »groß« abgesegnet waren, gelten dieser Nachwelt heute als unbestrittene Meisterwerke.

Ein ebenso brillantes Museum ergäben auch die unzähligen »primitiven« Artefakte (Skulpturen, Masken, Fetische, Totems, Puppen usw.), die Breton schon in den 20er Jahren in großer Zahl zusammengetragen hat und die aus vielen Teilen der Welt stammen, vor allem aus Ozeanien und Nordamerika Indianer und Eskimos). Bereits 1931 verkaufte Breton seine damalige Sammlung »primitiver« Kunst zusammen mit einer ähnlichen Kollektion seines Freundes Paul Éluard: insgesamt nicht weniger als 320 Stücke! Natürlich begann er sofort danach, weitere Werke dieser Art von Kunst zu sammeln…

Selbstredend hat es – auch in Deutschland – nicht an Verleumdern gefehlt, die behaupteten, Breton habe wie die schnödeste Krämerseele und der verruchteste Ausbeuter seinen Lebensunterhalt mit dem An- und Verkauf der Werke seiner surrealistischen Freunde bestritten. In Wirklichkeit war er ein Sammler aus Leidenschaft, der kaufte, weil er die jeweiligen Werke liebte und sich gleichsam anzuverwandeln suchte, und der fast immer regelrechte Trennungsschmerzen empfand, wenn er eines von ihnen abgeben mußte. »Alles in Griffweite, in Sichtweite zu haben«, schreibt Agnès de Beaumelle, »scheint dem immer neuen, fieberhaften Bedürfnis des Dichters zu entsprechen, jeden Kunstgegenstand [seiner Sammlung] zu berühren, jedes Gemälde mit den Augen zu liebkosen.« Breton lebte mit den ihn umgebenden Kunstwerken wie mit Wesenheiten von magischer Kraft, die auf seine eigene kreative Tätigkeit ausstrahlte. Schon 1924 sprach er von dem »Zwang, den ich empfinde, aufzustehen und umherzugehen, wenn ich schreibe, wobei ich mich mitten im Satz unterbreche, so als müßte ich mich vergewissern, daß dieser oder jener Gegenstand im Zimmer an seinem richtigen Platz ist […]. Ich muß mich seiner Realität vergewissern, wie man sagt, muß mit dieser Kontakt aufnehmen«1

1 Zu Bretons Sammlungen siehe u.a. die Artikel von Alain Jouffroy: »L'Atelier André Breton« (L'Œil, Nr. 10, 1955), René Giraud: »André Breton, collectionneur« (Jardin des Arts, Nr. 67, Mai 1960) sowie von Agnès de Beaumelle ("Le grand atelier") und Isabelle Monod-Fontaine (»Le Tour des objets«) in dem Ausst.-katalog André Breton. La beauté convulsive (Paris, Centre Georges-Pompidou, 1991)  

Alle die Schätze, von denen hier die Rede ist, waren in einer simplen Mietwohnung untergebracht. Denn Breton hat von 1922 bis zu seinem Tod im September 1966, nur unterbrochen durch die sechs Exiljahre in den Vereinigten Staaten (1941–46), in einem Mietshaus in der Rue Fontaine Nr. 42 gewohnt, wo er allerdings 1949 von der 4. in die 3. Etage mit erheblich mehr Wohnraum umzog. Die Rue Fontaine liegt keineswegs in einem der »beaux quartiers« von Paris, im Gegenteil: die Gegend im 9. Arrondissement, am Fuße des Montmartre unweit der Place Pigalle, ist die etwas schmuddelige »Sündenmeile« der französischen Hauptstadt mit zahlreichen »Bordsteinschwalben«, Scharen von Nachtschwärmern und Horden von Touristen. Wir waren auf Einladung von Bretons Witwe Elisa mehrmals in dem alles andere als ansehnlichen Haus und erinnern uns gut an die wenig anziehende Umgebung, den verwahrlosten Innenhof und das renovierbedürftige Treppenhaus (escalier B) hinauf in den 3. Stock. Aber hinter der Wohnungstür: was für eine Wunderwelt! Dies war – niemand bestreitet es – der Ort, wo der Surrealismus, dieser im 20. Jahrhundert wohl bedeutendste Aufstand gegen zweitausend Jahre christlichabendländischer Zivilisation, zu einem sehr großen Teil gemacht worden ist.

Wie es etwa zehn Jahre nach dem Tod Bretons in dieser Wohnung aussah, hat sein langjähriger Freund Julien Gracq in seinem Text »Chez André Breton« recht anschaulich beschrieben. Man muß sich neben den Gemälden, Skulpturen, archaischen Artefakten und ungezählten Büchern noch zahlreiche andere Sammelobjekte in dieser Wohnung vorstellen: von Breton selber gefangene und in Kästen ausgestellte Schmetterlinge, irgendwo aufgesammelte Steine und Wurzeln, Wahrsagerkugeln, Spazierstöcke, Waffeleisen (eine ganze Sammlung), Kuriositäten vom Flohmarkt und zahllose andere Dinge. Hier ein Auszug aus Gracqs Text, in dem nicht zuletzt der Schlußsatz Erwähnung verdient:


Bei André Breton

André Breton in seinem Atelier (1960)

Die beiden in der Höhe etwas versetzten und durch eine kurze Treppe miteinander verbundenen Zimmer sind mir selbst an Sonnentagen und trotz der hohen Atelierfenster dunkel erschienen. Der allgemeine Farbton – dunkelgrün und schokoladenbraun – ist derjenige sehr alter Provinzmuseen – mehr als an die Schätze eines Sammlers erinnert das unmöglich vollständig staubfrei zu haltende Sammelsurium der Gegenstände mit ihren Ecken und Kanten, die fast alle leichte Gegenstände sind – Masken, Tikis und Puppen archaischer Völkerschaften, bei denen Feder, Kork und Strohwisch vorherrschen –, mit seinen Glasschränken, die im Halbdunkel eine Sammlung tropischer Vögel schützen, auf den ersten Blick zugleich an das Studierzimmer eines Naturforschers und an das unaufgeräumte Depot eines Völkerkundemuseums. Die Überfülle der allenthalben mit Haken an den Wänden befestigten Kunstgegenstände hat nach und nach den verfügbaren Raum schrumpfen lassen; man kann sich nur bewegen, indem man präzisen, durch die Benutzung entstandenen Schneisen folgt und auf seinem Weg den Ästen, Schlingpflanzen und Dornen eines Waldpfads ausweicht. Nur manche Säle des Muséum2 oder auch die alterslose Räumlichkeit, in welcher in der alten Universität von Caen die Geographie untergebracht war, haben mir ein solches Gefühl eines regnerischen, immer gleichen Tages und eines Lichts vermittelt, das durch die Anhäufung und das undatierbar hohe Alter der primitiven Objekte wie gealtert erscheint.

2 das Muséum d'histoire naturelle de Paris (Pariser Naturgeschichtsmuseum).  

Nichts hat sich hier seit seinem Tod verändert: Zehn Jahre ist das schon her! Wenn ich ihn besuchte, betrat ich die Wohnung durch die Tür des anderen Treppenabsatzes, die direkt in das höhergelegene Zimmer führte. Er setzte sich mit der Pfeife im Mund hinter den schweren, thekenartigen Tisch, auf dem das Sammelsurium der Gegenstände schon überhand nahm – zu seiner Rechten, an der Wand, de Chiricos Le Cerveau de l'enfant – , er selbst nicht sehr lebhaft, nicht sehr beweglich, beinahe wie aus Holz geschnitzt mit seinen schweren, glanzlosen Augen eines müde gewordenen Löwen im bräunlichen, wie durch winterliches Astwerk verdunkelten Tageslicht – eine sehr alte, beinahe alterslose Gestalt, die hinter ihrem Goldschmiede- oder Geldwechslertisch thronte und die schweren Gehpelze, die das Halbdunkel auf den Gemälden Rembrandts bevölkern, oder den Talar des Doktor Faust um sich zu scharen schien: eines Doktor Faust, der immer noch leidenschaftlich dem Stimmengewirr der Jugend lauscht, aber nur bis zum – ausgeschlossenen – Pakt, und der sich jeden Abend nach dem Kaffee zwischen seine Bilder, seine Bücher und zu seiner Pfeife zurückzieht, in die Rumpelkammer mit dem Nekromantengewand, das seine wahre Kleidung war, in das angehäufte, starre Sedimentgestein seines ganzen Lebens. Denn alles in den vier Wänden dieses Fanatikers des Neuen – ein einziger Besuch legte einem nahe, dem Wort seine ganze Kraft zu belassen – sprach von Bewegungslosigkeit, von Ablagerung, vom feinen Staub der Gewohnheit, von der manischen, unverrückbaren Ordnung, die durcheinanderzubringen ein Dienstmädchen zögert. Ich habe mir manchmal voller Neugierde vorzustellen versucht (aber Elisa Breton, die allein den Schleier lüften könnte, wird dies nicht tun), wie Bretons Abende, seine Vormittage bei sich zuhause waren, er ganz allein – die Lampe angezündet, die Wohnungstür verschlossen, der Vorhang über dem Theaterstück Meine Freunde und ich zugezogen. Viele Gründe lassen mich glauben (letzthin ein kleines Notizbuch, das Zeichnungen, Selbstporträts, Phantasiereden, beim Aufwachen notierte Sätze enthält), daß es diese gemutmaßten Stunden der einsamen Arbeit waren, in denen er vorzugsweise den entzückenden Nichtigkeiten des Lebens nachhing, kritzelnd, trödelnd, in den Dickichten seines Museums stöbernd und immer bereit, den nicht sehr angenehmen Augenblick des Schreibens souverän hinauszuzögern. Dieses Vergnügen am unmittelbaren Leben, das er besaß, bis hin zu dessen kleinsten Gaben, bis zu seinen Brosamen – ein stets neues, immer wieder auflebendes, selbst im fortgeschrittenen Alter immer staunendentzücktes Vergnügen: nichts brachte ihn mir näher als das; nichts war geeigneter als diese nie versiegende Aufmerksamkeit gegenüber den kleinen Glücksmomenten des Tages, um mit ihm wirklich fortwährend die Freundschaft erblühen zu lassen. […] Hier war eine Zuflucht vor allem Mechanischen in der Welt.

Aus: En lisant en écrivant. José Corti, Paris 1980

So wie Breton aufgrund seiner oft prekären materiellen Situation gezwungen war, immer wieder kapitale Bestandteile seiner Sammlung zu veräußern, mußten sich nach seinem Ableben aus dem gleichen Grund auch die testamentarisch von ihm eingesetzten Erbinnen, seine dritte Frau Elisa Breton († 2000) und seine einzige, aus seiner zweiten Ehe mit Jacqueline Lamba stammende Tochter Aube Elléouët (*1936), ab und an von Elementen des Nachlasses trennen. Das geschah durchaus nicht in exzessiver Weise, etwa um sich auf bequeme Weise zu bereichern. Dennoch stellt das, was heute von Bretons in ständiger Umwandlung befindlichen, nach und nach aber immer kleiner werdenden Sammlungen, namentlich derjenigen moderner Kunst, noch übrig ist, lediglich einen Bruchteil der einstigen Bestände dar, wie wir sie oben andeutungsweise skizziert haben. Von daher könnte man – muß man vielleicht – die in den Ohren der über die Auktion Empörten provozierend klingende Frage stellen: Worüber regt ihr euch eigentlich auf? Breton selbst und seine Erbinnen haben doch, wenn auch gezwungenermaßen, die prachtvollen Sammlungen »geplündert« und »in alle Welt verstreut«. Kommt es auf deren Reste jetzt noch groß an? Und ist es nicht reichlich oberflächlich, die überragende Bedeutung Bretons an den Schätzen festzumachen, die er besessen hat? Wie dem auch sei, die immer noch beeindruckende Masse dessen, was bis heute von diesen Schätzen geblieben ist, steht nun also zum Verkauf – von den Umständen und dem Warum wird in den nachstehenden Texten ausgiebig die Rede sein, die nur eine Auswahl aus den Informationen und Meinungen darstellen, die zu dem Thema publiziert wurden.

Obwohl die Versteigerungsaktion schon seit längerem vorbereitet wird, hat die Öffentlichkeit, auch die französische – und die noch lebende Schar der ehemaligen Mitglieder der Pariser Surrealistengruppe, also Bretons frühere Freunde, eingeschlossen – lange Zeit nicht reagiert, was um so erstaunlicher ist, als allgemein bekannt war, daß bereits vor etwa zwei Jahren Bretons berühmtes Sommerdomizil in dem wunderschönen Dordogne-Örtchen Saint-Cirq-la-Popie veräußert worden ist. Erst Mitte Dezember 2002 wurde die Aufmerksamkeit durch ein per Internet verbreitetes, in den USA verfaßtes und unter anderen von einigen dortigen Ex-Surrealisten oder Surrealismus-Sympathisanten unterzeichnetes Protestschreiben geweckt:


Keine Versteigerung

Wir, die Unterzeichneten, unterstützen jede Art des Widerstands gegen die von CalmelsCohen im Pariser Auktionshaus Drouot-Richelieu angekündigte Versteigerung der Sammlungen André Bretons. Wir finden schon den Gedanken an diese Veranstaltung abstoßend und der besten Tradition der Geschichte des 20. Jahrhunderts entgegengesetzt.

Zusammengenommen unterscheiden sich die Manuskripte, Objekte und Kunstwerke in André Bretons Atelierwohnung in der Rue Fontaine Nr. 42 sehr von anderen »großen Sammlungen«.

Als Ganzes verkörpern sie eine multikulturelle Idee, wie man ihr in dieser Art noch nie zuvor in Europa oder anderswo begegnet ist. Zusammen und nur zusammen ergeben sie eine Stätte des Wunderbaren, die von größerer historischer Bedeutung ist als viele andere in Paris.

Jeder, der es einmal erleben durfte, diese Stätte von innen zu sehen, weiß, daß ihr Wert die Gesamtheit ihrer einzelnen Bestandteile weit übersteigt. Sie muß erhalten werden.

Wir in den Vereinigten Staaten können uns nicht vorstellen, daß es in ganz Frankreich nicht die nötigen Mittel geben soll, um eine dauerhafte Einrichtung zu schaffen, die diese ungemein wichtige internationale Sammlung beherbergt. Deshalb beabsichtigen wir, auf jede nur denkbare Weise die Schaffung einer solchen Einrichtung zu unterstützen.

Das Haus Gustave Moreaus, Sigmund Freuds Berggasse 19, Adolf Wölflis Zimmer, die Watts Towers in Los Angeles usw. sind lauter Orte, die einmal im Begriff waren, in Vergessenheit zu geraten. Aus dem Geist dieser großen Orte sagen wir: bitte, keine Versteigerung.

Thom Burns, J. Karl Bogartte, Laurance Weisberg, Raman Rao, Paul Weisz-Carrington, Andrew Lass, Jeanne Brooks Matthews, Jack J. Spector, Willie Gregory, M.E. Warlick, Allan Graubard, Robert Sharrad, Nanos Valaoritis, Marie Wilson, Nancy J. Peters, Philip Lamantia, Lawrence Ferlinghetti und viele andere

Nach Bekanntwerden dieser ersten Petition machte sich unter den einstigen Mitstreitern Bretons in der Pariser Surrealistengruppe Betroffenheit und Empörung, aber auch Resignation breit. »Furchtbar, eine Katastrophe«, hieß es immer wieder in den Kommentaren, die wir zu der geplanten Versteigerung zu hören bekamen, »aber leider wohl nicht zu verhindern« – letzteres deshalb, weil jeder wußte, daß Breton in seinem Testament den französischen Staat oder kulturelle Institutionen in keiner Weise bedacht hatte. Noch bevor sich in Paris Zorn und Enttäuschung Luft machten und Proteste laut wurden, bezog Anfang Januar dieses Jahres die US-amerikanische Surrealistengruppe um den Chicagoer Franklin Rosemont – ja, derartige Kollektive gibt es, nicht nur in den Vereinigten Staaten, auch heute noch!3 – in einem Flugblatt Stellung zu der Großauktion und streifte dabei auch polemisch den Text »Keine Versteigerung«, dem gegenüber es eine exakt gegensätzliche Position vertritt:

3 Die US-amerikanische Surrealistengruppe existiert seit 1966, und sie ist heute wohl die aktivste, politisch engagierteste und auch mitgliederstärkste Gruppierung innerhalb der internationalen surrealistischen Bewegung.  

Der Surrealismus ist unverkäuflich!
Das Gold der Zeit in der Zeit des Goldes

Wenn Sie meinen, das Tragen der neuesten Schuhmode werde Sie attraktiver machen oder das Bezahlen eines Fremden für sexuelle Kontakte werde Ihre Leidenschaften befriedigen, dann werden Sie wahrscheinlich mit dem ignoranten Journalisten der New York Times übereinstimmen, der die bevorstehende öffentliche Versteigerung des Inhalts von André Bretons Pariser Wohnung in der Rue Fontaine Nr. 42 mit »Surrealismus zu verkaufen. Direkt von der Quelle« resümierte. In diesem abfälligen, unsauberen Artikel von Mitte Dezember 2002 entstellte und verleumdete die »renommierte Zeitung« der Neuen Weltordnung erwartungsgemäß Breton und die gesamte internationale surrealistische Bewegung, die sie auf die 5.500 »Posten« von Objekten, Büchern, Photographien, Manuskripten und Kunstwerken reduzierte, die aufgelistet wurden, um im kommenden April an wohlhabende Händler, Investoren und Ankaufsbeamte von Museen veräußert zu werden.

Die übliche Grabräuberbande erwartet, daß der Verkaufserlös 40 Millionen Dollar übersteigen wird, doch der erbärmliche Bankrott dieses Unternehmens sollte allen klar sein, die wissen, daß der Surrealismus genauso wenig ge- und verkauft werden kann wie Liebe, Phantasie oder Freiheit. Die Auflösung von Bretons Sammlung ist in jeder Hinsicht beklagenswert und wirklich eine Tragödie, doch zuerst und vor allem ist sie ein schändlicher, feindseliger Akt der französischen Obrigkeit. Es geht um weit mehr als um einen Schlag gegen die wissenschaftliche Forschung: In Wirklichkeit ist die Versteigerung ein gemeiner und krimineller Versuch, die entscheidende, unersetzbare Evidenz einer exemplarisch subversiven, befreienden und revolutionären Strömung in Geschichte und Kultur nicht nur in Frankreich, sondern überall in der Welt zu verwischen. Die konfuse, reaktionäre und chauvinistische Clique, die gegenwärtig das politische Leben in Frankreich beherrscht, empfindet nichts als Furcht oder Haß, was das Andenken und die lebendige Präsenz André Bretons angeht – der selbst, nebenbei bemerkt, niemals auch nur annähernd so etwas wie wohlhabend war. Ginge es hier um eine aus Werken des Impressionismus, Fauvismus, Kubismus oder sonst einer lediglich künstlerischen oder literarischen Bewegung bestehende Sammlung, würde der französische Staat zweifellos sofort intervenieren und sie als nationalen Kunstschatz komplett an sich reißen. Breton aber ist und bleibt die Verkörperung der auf anstoßerregendste Weise antiautoritären Tugenden: Aufsässigkeit, Revolte, Revolution und der Forderung Freiheit jetzt! Als entschiedener Gegner des französischen Kolonialismus, Imperialismus und Kapitalismus, der weißen Vorherrschaft und jeder Form von Ausbeutung und Rassismus ist der Verfasser der Manifeste des Surrealismus wie kein zweiter das Inbild eines »Staatsfeinds«.

Was die New York Times bezeichnenderweise zu erwähnen vergaß, war, daß es die astronomisch hohe "Erbschaftssteuer" des französischen Staates ist, die Bretons Tochter, unsere Freundin Aube Elléouët, zwang, die Sammlung zum Kauf anzubieten.

Natürlich beschränkten sich André Bretons Leben und Werk keineswegs auf seine Bibliothek und andere Besitztümer. Nur aus der verzerrenden Sicht der der herrschenden Klasse dienstbaren Medien – deren Hauptfunktion darin besteht, kommerziellen Interessen zu liebedienern – konnte die bevorstehende Auktion als »surrealistischer Totalausverkauf wegen Geschäftsaufgabe« hingestellt werden. Wer um die täglichen Abscheulichkeiten des kapitalistischen Warenaustauschsystems weiß, wird diesen Verkauf an den Meistbietenden als einen weiteren postindustriellen Versuch durchschauen, sich in verfälschender Absicht alles einzuverleiben, was aufrührerisch, frei und ungezähmt ist, um sich in der versklavenden Globalisierung des Kapitals seiner zu bedienen.

So dient der Versuch, den Surrealismus durch die Plünderung der Rue Fontaine Nr. 42 für null und nichtig zu erklären, dazu, uns daran zu erinnern, wie zunehmend toxisch der Kapitalismus jeden Tag wird. Im Grunde ist der Spätkapitalismus ein ökonomisches System, das die Stabilität eines Kartenhauses besitzt, ein Ponzi-Komplott aus frisierten Geschäftsbüchern, das auf Kriegsgewinnlertum, Schuldzinswucher, der betrügerischen Kunstfertigkeit des "Einwickelns der Verbraucher", dem Bilanzschwindel der Buchhalter der Kapitalgesellschaften und der Moral des organisierten Verbrechens beruht. Der ganze Schlamassel wird in den USA durch den größten Militäretat der Welt, das größte Gefängnissystem der Welt und die märchenhaften Stargehälter hirntoter Spekulationsabenteurer in der ultra-spektakulären High-tech-Ökonomie der virtuellen Waren veranschaulicht.

In seinem 1930 erschienenen Essay über das Verhältnis zwischen Kapital und geistiger Arbeit greift Breton auf Marx' Kapital zurück, um auf die krankhafte Warenfetischisierung des Marktes hinzuweisen. Erzeugnisse geistiger Arbeit würden nur dann zu Waren, wenn die bourgeoise Gesellschaft es fertigbringe, sie profitabel zu machen. Breton drückt es selbst am besten aus: "Im kapitalistischen System gilt für bestimmte sehr seltene Hervorbringungen des Geistes dasselbe wie für die Gewinnung bestimmter wertvoller Bodenschätze wie etwa Diamanten, die laut Marx denen, die nach ihnen suchen, fast nie 'vollständig ihren Wert einbringen'." Siebenunddreißig Jahre nach Bretons Tod sind die Elemente und Erzeugnisse seiner eigenen geistigen Arbeit im Begriff, den Drahtziehern eines monströsen, um absurde "Kunstmarkt"-Werte herum veranstalteten Warenspektakels in die Finger zu fallen. Bretons Grabinschrift lautet: »Ich suche das Gold der Zeit«, doch nun wird diese Suche von denen verfinstert, die absolute Herrscher der Zeit des Goldes sind.

Mittlerweile haben einige US-amerikanische Surrealismus-»Fans« mit alles andere als klaren Absichten gemeinsam mit mehreren akademischen Spezialisten im Verdrehen von Bretons Denken, der Bewegung offen feindselig gegenüberstehenden Kritikern und einer schnatternden Schar falscher Dichter ihre Abneigung gegen die Versteigerung zum Ausdruck gebracht, und zwar in Briefen und Petitionen, die die Administration von Paris und/oder die Regierung Frankreichs ersuchen, das zum Verkauf stehende Material zu erwerben und ein »André-Breton-Museum« zu gründen! Was uns angeht, so schaudern wir bei solch einer Vorstellung, die in völligem Widerspruch zu allem steht, was Breton vertreten hat. Wir gestehen, daß wir kein Vertrauen in die Rechtschaffenheit von Regierungen haben und kein Verlangen danach verspüren, Bretons ehemalige Besitztümer zu einem staatlich betriebenen Heiligtum entwürdigt zu sehen, das von bewaffneten Wächtern und einem dem neuesten Stand der Technik entsprechenden Sicherungssystem geschützt wird.

Die Tatsache, daß sich unter den Unterzeichnern der erwähnten Petition auch einige Personen befinden, die wir schätzen, wirft ein bezeichnendes Licht auf den traurigen und hoffnungslosen Zustand der heutigen Politik des »geringeren Übels«. Noch eine Anstrengung, Kameraden! Wir fordern all jene, die sich der legalisierten Plünderung von Bretons Nachlaß aufrichtig widersetzen, dringend auf, sich wieder dem Kampf gegen das widerwärtige System von Ausbeutung, Herrschaft, Umweltzerstörung und Krieg zuzuwenden, das fortfährt, überall in der Welt Not auf quälendes Elend zu häufen.

»Für jede Stunde Arbeit«, schreibt Breton in seinem zitierten Essay, »nimmt der Kapitalismus die Hälfte, ohne dafür zu zahlen.« Bis diese »erdrückende Schuld vollständig abgezahlt ist«, bemerkt er, gebe es keinen Grund, sich über den Marktwert von Erzeugnissen geistiger Arbeit den Kopf zu zerbrechen. Statt dessen bittet er dringend darum, unsere Energien auf die Unterstützung derer zu richten, »die unter der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung leiden, um sich vorbehaltlos die großartige Sache des Proletariats zu eigen zu machen«, eine Sache, deren Eigentümlichkeiten sich in den letzten sieben Jahrzehnten vielleicht verändert haben, für die aber eine antikapitalistische Zielsetzung so dringlich und akut wie eh und je ist.

Alle Auktionen der Welt reichen nicht aus, einen einzigen Tropfen geistigen Bluts auszulöschen!

Allem Wehleidigen, Jämmerlichen, Repressiven, Langweiligen, Obskurantistischen, Korrupten und Gierigen zum Trotz: der Surrealismus lebt!

DIE SURREALISTISCHE BEWEGUNG IN DEN VEREINIGTEN STAATEN
Januar 2003
www.surrealism-usa.org

Noch bevor wir dieses Flugblatt erhielten, erkundigten wir uns telefonisch bei Pariser Freunden und Bekannten, die früher der Surrealistengruppe um Breton angehört haben, nach den näheren Umständen der geplanten Versteigerung und nach ihrer Meinung dazu. Eine surrealistische Malerin aus Bretons Gruppe, die anonym bleiben möchte, schrieb uns Anfang Januar unter anderem folgendes:


"… die endgültige Beerdigung André Bretons"








4 Eine von dem Surrealisten Schuster geleitete, von 1982 bis '93 bestehende Vereinigung, deren Ziel es war, die Archive der Pariser Surrealistengruppe konservatorisch zu betreuen und nach und nach zu veröffentlichen (vier Bände erschienen). Als Schuster und seine Mitarbeiter, ebenfalls Surrealisten, den Staatspräsidenten Mitterrand um finanzielle Hilfe, u.a. zur Schaffung einer Art surrealistischer Gedenkstätte, baten, reagierten viele andere Surrealisten empört und wütend. Sie befürchteten schon damals eine Museifizierung des Surrealismus und lehnten jede Einmischung des bürgerlichen Staates in "ihre" Angelegenheiten ab. ACTUAL, ohne die erbetene Unterstützung, stellte daraufhin seine Aktivitäten ein. Dieser Dissenz unter Surrealisten hat seinen Ursprung in der Spaltung der Gruppe nach Bretons Tod, die 1969 zu ihrer Auflösung führte (s. dazu Alain Jouberts sehr informative Chronik Le Mouvement des surréalistes ou Le fin mot de l'histoire. Paris [Maurice Nadeau] 2001). Die alten Gegensätze treten nun auch in der Diskussion um Bretons Nachlaß erneut hervor.


5 Centre Georges-Pompidou.


6 Auch innerhalb der von Werner Spies – überaus schlecht – organisierten Ausstellung La Révolution surréaliste (Paris, Centre Pompidou, 2002) bzw. Surrealismus 1919–1944 (Düsseldorf 2002). Weitere Kritik daran s.u. sowie Annie Le Bruns Text Surrealismus - Die usurpierte Revolution in Die Aktion Nr. 204, Juli 2002.


7 Gemeint ist der Text "Keine Versteigerung".

 

Paris, den 3. Januar 2003

Was die Versteigerung von André Bretons Nachlaß angeht, so wird sie hier in Paris unterschiedlich bewertet. Ich weiß von Aube selbst, wie sehr sie sich hat herumschlagen müssen, um mit diesem Problem fertigzuwerden.

Zunächst einmal ist zu sagen, daß André alles, was er besaß, zu gleichen Teilen Elisa und Aube vermacht hat. Als Elisa noch lebte, mußte sie mit Aubes Einverständnis bereits viele Bilder verkaufen, um für ihrer beider Lebensunterhalt sorgen zu können. André hatte das in seinem Testament so vorgesehen – eine Ausnahme war nur die Schenkung seines gesamten Briefwechsels an die Fondation Doucet – , und er hat die Verwaltung der Archive [des Surrealismus] Jean Schuster anvertraut, der deswegen aber nicht deren Eigentümer geworden ist. André ahnte nicht, daß daraus eine Institution werden würde, wie ACTUAL4 es mit seinen bezahlten Mitarbeitern war. Als Elisa starb, ging ihr Anteil am Erbe an Aube über. Da Aube nicht ihre leibliche Tochter war, sollte sie eine riesige Summe an den Fiskus zahlen, so wie es eine Wildfremde hätte tun müssen, nämlich 60 Prozent des geschätzten Werts des Nachlasses: eine gewaltige Summe, wie gesagt, die Aube gar nicht besaß. Sie hat dem Beaubourg5 vorgeschlagen, Andrés Atelierwohnung in ihrem ursprünglichen Zustand restauratorisch zu erhalten, so wie man es bei Giacometti gemacht hatte. Aber das hat man abgelehnt, weil Breton kein bildender Künstler wie Giacometti gewesen sei, sondern ein Schriftsteller. Man hat sich damit begnügt, einige wichtige Werke zu kaufen: Dalí, Miró usw. Darüber hinaus hat Aube zwecks Gründung einer Abteilung für primitive Kunst durch J. Kercharche wichtige Werke dieser Kunst verkauft. Sie hat es bis jetzt abgelehnt, an Privatpersonen zu verkaufen, damit so viel wie möglich an die Museen geht, wo ja viel mehr Leute Zugang zu den Werken hätten. Aube geriet in Zeitdruck, denn das Finanzministerium forderte sie auf, ihre Steuerschuld zu begleichen. Um das zu tun, hat sie die originalgetreue Aufbereitung einer Wand aus Andrés Atelier vorgeschlagen, die schon einmal im Beaubourg ausgestellt worden war.6 (X. und ich waren fassungslos, als wir sie sahen.) Das Ministerium war einverstanden. Aber hinzu kam noch ein anderes Problem: Der Eigentümer der Atelierwohnung wollte den Mietvertrag nicht verlängern und gewährte lediglich eine gewisse Frist, nach deren Ablauf Aube das Ganze in eine Möbelaufbewahrung schaffen mußte. Was übrig ist, wird, wie Du weißt, öffentlich versteigert, und für jede Abteilung sind schon Sachverständige benannt worden.

Ich brauche Dir nicht zu sagen, wie traurig das alles für uns ist; es ist die endgültige Beerdigung André Bretons. Was mich angeht, so hüte ich mich, ein Urteil über Aube abzugeben; ich weiß, daß sie alles in ihrer Macht Stehende getan hat, damit die Dinge beisammenbleiben, aber das hat sich wirklich als nicht machbar erwiesen.

Sie hat mir erzählt, man habe ihr zweimal vorgeschlagen, eine Stiftung zu gründen. Bestimmte Leute hätten ihr Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt und das Ganze aufgekauft. Obwohl es nicht so aussieht, hätte das aber, Aubes Anwälten zufolge, zu einer Falle werden können. Denn die Übernahme einer Stiftung durch einen »Mäzen« ist finanziell unteilbar, und wenn der Mann das irgendwie nicht hinbekommt, kann er die ganze Sache wieder auflösen und alles verkaufen. Das können im Falle seines Ablebens auch seine Erben tun.

Du siehst […], daß auch dann, wenn Leute guten Willens eine Petition veröffentlichen7, die Maschinerie weiterläuft. Der französische Staat müßte endlich aufwachen und als Käufer in Erscheinung treten. Nach allem, was Aube versucht hat, gibt es aber von dieser Seite kaum Hoffnung, und das ist übrigens nicht zum ersten Mal so. André hätte, wenn das sein Wille gewesen wäre (aber ich weiß, daß er schon dem Gedanken einer Schenkung an den Staat feindselig gegenüberstand), eine solche Absicht testamentarisch zum Ausdruck bringen müssen, aber er hat das, was er besaß, eben Elisa und Aube vermacht und ihnen das volle Nutzungsrecht daran überlassen – dem können wir nichts hinzufügen.

Glaub' mir […], du bist nicht der einzige, den diese Geschichte bedrückt; uns geht es genauso.
Ich weiß nicht, wer die Leute sind, die gegen diese Versteigerung protestieren; ich verstehe sie gut, aber sie kennen nicht alle Fakten.

Es ist, wie uns scheint, aller Ehren wert, wie die Malerin Aube Elléouët verteidigt, die, nachdem sie bisher ein materiell bescheidenes Leben geführt hat, in Kürze mehrfache Millionärin sein wird – was für manche offenbar etwas Anstößiges ist!

Von den überlebenden Pariser Surrealisten und ehemaligen Freunden Bretons (Benoît, Cabanel, Camacho, Courtot, Espagnol, Ivšic, Joubert, Le Brun, Parent, Renaud, Silbermann etc.) gab es immer noch keine öffentliche Reaktion. Sie haben sich sogar, abgesehen von den weiter unten wiedergegebenen Äußerungen von Personen, die Breton lediglich zeitweise verbunden waren, bis heute aus der Debatte herausgehalten. Im Zwiespalt zwischen den vorhandenen Alternativen – Übernahme der Sammlung durch den französischen Staat und Aussicht auf so etwas wie ein Breton-Museum einerseits und Verstreuung des Nachlasses in alle Winde andererseits – vermögen sich die meisten von ihnen offenbar weder für das eine noch das andere zu entscheiden – und schweigen bekümmert.

Unterdessen erschien am 7. Januar ein Aufruf der – uns gänzlich unbekannten – Schriftsteller Mathieu Bénézet, François Bon und Laurent Margantin, die mit dem Surrealismus direkt nie etwas zu tun hatten, Breton aber offenbar so sehr schätzen, daß die Aussicht auf die Verhökerung seines Nachlasses sie sehr empört. Ihrem Appell schlossen sich verschiedene prominente Persönlichkeiten wie Jacques Dupin, Michel Deguy, René Depestre und der ehemalige Surrealist Alain Jouffroy an:


Vorschlag zu einem Aufruf (Mathieu Bénézet, François Bon, Laurent Margantin)

Machen Sie sich nur ja keine Sorgen. Anfang April 2003 "wird André Bretons sagenhaftes Privatmuseum bei Drouot in alle Winde verstreut" (die Presse). Das ist aber nicht weiter schlimm, denn man verspricht uns eine CD-ROM mit virtuellem Besuch. Schlaft ruhig, liebe Leute! In Frankreich hat man keine Mäuse, um ein André-Breton-Museum ins Auge zu fassen. Man wird weiterhin vom »Papst« des Surrealismus reden, als sei in der Rue Fontaine nichts passiert. In Frankreich liebt man Klischees und virtuelle Schriftsteller; bliebe nur ein bewegtes Foto zu fabrizieren: André Breton spricht zu Ihnen.

Wir werden dazu nichts weiter äußern außer unseren Ekel, unsere Empörung, unsere tiefe Betrübnis.

Bis jetzt haben nur amerikanische Schriftsteller reagiert, während Aufkäufer derselben Nationalität bereits für André Bretons Wohnung bieten.

Eine derartige Schändlichkeit werden wir nicht zulassen. Wir behalten uns jede Form der Demonstration und des Einspruchs bei den »französischen Kulturbehörden« vor. Centre Pompidou, Kulturministerium, seid ihr da?

Die ersten (»bekannten«) Unterzeichner:

Mathieu Bénézet, Schriftsteller; François Bon, Schriftsteller; Laurent Margantin, Schriftsteller; Jacques Dupin, Schriftsteller; Michel Deguy, Schriftsteller; Alain Jouffroy, Kunstkritiker; Michel Surya, Schriftsteller; Jean Ristat, Schriftsteller; Michel Waldberg, Schriftsteller; Jacques Rancière, Philosoph; Jean-Luc Nancy, Philosoph; Bruno Tackels, Bühnenautor; Dominique Desanti, Schriftsteller; Jean-Louis Baudry, Schriftsteller; René Depestre, Schriftsteller.


Adresse: info@remue.net

Bis zum jetzigen Zeitpunkt ist dieser Aufruf von zweitausend weiteren Personen, unter ihnen Jacques Derrida, gegengezeichnet worden, und er scheint in der französischen Öffentlichkeit einigen Widerhall gefunden zu haben.
Eine erste Erwiderung auf Bénézet und Co. veröffentlichte – zunächst im Internet, später auch in Form eines Flugblatts (L'Or du vent, Cazillac [Éd. Myrddin]) – mit François-René Simon doch ein Surrealist. (Er gehörte von 1965 bis '69 der Pariser Gruppe an.) Simon votiert vehement gegen eine Breton-Gedenkstätte oder ähnliche Pläne. Seine Stellungnahme trägt den ironischen Titel »L'Appel à tartes«, ein Wortspiel mit »la pelle à tartes« (der Kuchenheber) und »L'Appel tarte« (Der dämliche Aufruf o.ä.):


Der dämliche Aufruf

André Breton in seinem Atelier (1960)

Ein André-Breton-Museum? Diese Eventualität hat etwas, das einen schaudern läßt. Sicher, auch ich empfinde das große Mißfallen, das bei der Ankündigung der Zersplitterung der Schätze aus der Rue Fontaine Nr. 42 geäußert wurde. Für den, der das Glück gehabt hat, diese Wohnung einmal zu betreten und zudem sogar im Tête-à-tête mit dem Hausherrn in ihr empfangen zu werden, ist das die Bestätigung, daß André Breton tatsächlich tot ist. Ich gehöre zu denen, die darüber nach wie vor untröstlich sind. Die Kraft von Bretons Denken, die Schärfe seines Blicks, der Tenor und das Niveau seiner Äußerungen, die warme Menschlichkeit seiner Ansichten (alle diese Wörter sind untereinander austauschbar) sind ohne Ersatz geblieben und hören nicht auf, uns zu fehlen. Schlimmer noch, sie haben keine Abnehmer gefunden: Sehen Sie sich die Welt an.

Man muß sich also mit dem Unvermeidlichen abfinden, das ist ein Gesetz des Lebens. Auch mit dem Ekelhaften (aber dazu ist man nicht gezwungen), denn dort, wo vor allem von Liebe die Rede war, wird nun vor allem von Geld die Rede sein. Aber man muß gesehen haben, wie die schöne, kräftige Hand André Bretons das bescheidenste der ihm gehörenden Dinge (nichts, was nicht eine Liebkosung verdiente) berührte, dieses oder jenes Moai von der Osterinsel aufnahm, sich auf den Fuß seines Ulis legte, ebenso zartfühlend wie unaffektiert ein Buch aufschlug, über einen am Ufer des Lot aufgelesenen Achat strich oder mit dem Zeigefinger auf dieses oder jenes Gemälde seines neuesten Weggefährten wies, man muß den Mann in dem Universum sich bewegen gesehen haben, das er sich (mit so wenigen materiellen Mitteln!) geschaffen hatte, um sich daran zu erinnern, daß er eben deswegen allein imstande war, allen diesen Dingen jenes geheimnisvolle Leben zu verleihen, das auf so unterschiedliche Weise ihre Hervorbringung bestimmt hat und das der Garant ihrer Existenz bleibt. Bei André Breton befanden sich die Gegenstände, die Gemälde, die Bücher, vielleicht aufgrund ihrer unglaublichen Vielzahl, in Freiheit. Man fühlte, daß sie offen und bereit waren, ihr Geheimnis zu enthüllen oder auch nicht. Für mich besteht kein Zweifel, daß ihre Verpflanzung in das Haus selbst des feinsinnigsten Sammlers oder in die Vitrine des respektabelsten Museums ihnen den Todesstoß versetzen wird. Kann man sich vorstellen, wie ganze Rudel von Touristen in ihren schrillen Klamotten in Bretons Atelierwohnung (bzw. ihre Rekonstruktion) einfallen, bevor sie anschließend in den Sexshop an der Ecke stürzen, weil ein Reiseveranstalter beides auf das Programm ihres Pariser Vergnügungsausflugs gesetzt hat? Kann man sich vorstellen, wie diese Statuen auf ihren Sockeln erstarren, wie diese Gemälde mit Schildchen versehen an der Wand hängen, wie diese Bücher, nun nicht mehr einsehbar, in Dekorationsstücke verwandelt sind? Noch unvorstellbarer diese Herabwürdigung des Surrealismus zu einem institutionalisierten Kulturdenkmal.

Ich will gern glauben, daß der Staat mit seinem großartigen Vorkaufsrecht die in Bretons Besitz befindlichen unveröffentlichten und unschätzbaren Dokumente zum unterirdischen Leben und den geheimen Peripetien der Bewegung, deren unbestrittener Motor er bis zu seinem Tod gewesen ist, in Sicherheit zu bringen weiß.

Was das übrige angeht: ja, wir können uns dank den Photos von Man Ray, Cartier-Bresson, Gisèle Freund, Paul Almasy, Sabine Weiss oder Gilles Ehrmann und der CD-ROM eine Vorstellung davon machen, was sich dort wirklich zugetragen hat.
Warum nicht eines Tages ein Buch darüber? Aber kein Museum, keine Stiftung, kein Kunstsammler kann den Ort wieder zum Leben erwecken.

8 Bretons Wahlspruch und Grabinschrift: "Ich suche das Gold der Zeit".

 

Vor mehr als dreißig Jahren hat der Tod zugeschlagen, das Gold der Zeit8 ist wieder zu Sand in den Augen geworden. Jetzt ist der Augenblick, sich shakespearisch und prachtvoll zu fragen: Was wird aus dem Weiß, wenn der Schnee geschmolzen ist?
Was mich angeht, so würde ich antworten: ein einzigartiges Bild, eine wunderbare Erinnerung und vor allem eine Idee. Eine unvergängliche Idee.

Wieder Breton lesen.

Der Chansonnier und dem Surrealismus nahestehende Maler Bernard Ascal schrieb uns zwischenzeitlich: »Was die Verstreuung des Breton-Nachlasses angeht: was für ein erbärmlicher Kuddelmuddel!« Anfang Februar bezogen die Surrealisten endlich auch als Kollektiv Stellung. Freilich handelt es sich, wie angedeutet, um Surrealisten, die der Gruppe um Breton lediglich in z.T. weit zurückliegenden Zeiten angehört haben, oder um solche aus dem nicht-französischen Ausland. Viele andere Unterzeichner des Flugblatts scheinen bloß Sympathisanten der Bewegung zu sein, so auch sein Verfasser Fabrice Pascaud. Gegen Ende März hatten etwa hundertzwanzig Personen den Text unterschrieben, in dem wiederum – wie bei Simon – jeder Gedanke an eine staatliche Intervention oder gar an ein Breton-Museum scharf zurückgewiesen wird:


Das Zauberbuch ohne die Zauberformel

»Die Zustimmung der Öffentlichkeit ist mehr als alles andere zu meiden. Man muß die Öffentlichkeit unbedingt am Eintreten hindern, wenn man Konfusion vermeiden will … Nieder mit denen, die das verfluchte Brot an die Vögel verteilen!«

André Breton: Manifest des Surrealismus, 1924

Die Wohnung in der Rue Fontaine Nr. 42 öffnet ihre Türen, um sie sogleich wieder zu schließen. Das Refugium des Gründers des Surrealismus, André Breton, wird bald vom Orkan der Spekulation hinweggefegt werden. Übel, übel. Lautes Protestgeschrei ist zu hören; was für eine ohrenbetäubende, schändliche Kakophonie! Wenn man diverse Unterzeichner sieht, die, wie die einen, ihre Ignoranz in Sachen Surrealismus oder, wie die anderen, ihren Verrat an dieser Bewegung demonstriert haben, deren Prinzipien sie sich zu eigen gemacht hatten, und wenn man sich bei letzteren die unbeschreibliche Dummheit ihrer Analysen André Bretons (Papst, Exkommunikator usw.) vergegenwärtigt, so haben wir da eine schöne Hühnerstange voller Opportunisten vor uns, die emsig darauf bedacht sind, das aktuelle Gewicht ihres Namens kundzutun! Mit einem Mal erschüttert eine Welle der Entrüstung die Gemüter: Der Surrealismus darf das französische Hoheitsgebiet nicht verlassen, es geht um das Kulturerbe Frankreichs, und Schande über die, die den Posten der Verschleuderer übernommen haben! So etwa sehen, bis auf ein paar Kommata und Adjektive, die Proteste aus, die seit der Ankündigung der im kommenden April im Hôtel Drouot stattfindenden öffentlichen Versteigerung der Sammlung André Breton über uns hereinbrechen. Impulsivität und Betretenheit lassen Leute im Gleichschritt marschieren, die schon viel zu lange schlafen, aber leider nicht den surrealistischen Schlaf.

9 die Adoptivtochter Aube Elléouëts, eine gebürtige Vietnamesin.

 

Muß die Bewahrung dessen, was man fälschlich als Kulturerbe bezeichnet, den revolutionären Geist dessen »beerdigen«, der es geschaffen hat? Wenn von der bevorstehenden Auktion tatsächlich so etwas wie ein widerlicher Gestank ausgeht (es versteht sich von selbst, daß die Erbinnen Elisa, Aube und Oona9 alles getan haben, damit es nicht zu einem solchen Ende kommt, aber einmal mehr ist das ökonomische System so, daß das Gewicht in klingender Münze, das es fordert, um einen derartigen Schatz in seine Obhut zu nehmen, mit den Jahren wohl immer unmöglicher zu verwalten war; gestehen wir den Erbinnen das Verdienst zu, es verstanden zu haben, ihn von 1966, dem Todesjahr André Bretons, an bis auf den heutigen Tag zu bewahren…), ist dieser Gestank dann nicht der Beweis für etwas, das André Breton stets angeprangert und bekämpft hat? »[…] in der Kunst ist das Verhältnis von Produktion und Konsumtion völlig verfälscht«, schrieb er in La Clé des champs (1953): »Von seltenen Ausnahmen abgesehen wird das Kunstwerk denjenigen vorenthalten, die ihm mit einer Liebe ohne materielles Interesse begegnen, um bei Gefühllosen und Zynikern zu einem simplen Anlaß für Kapitalinvestionen zu werden.« Seither hat sich nichts geändert… Bei dieser Feststellung sollte man aber nicht vergessen, daß der Surrealismus, wenn er auch fraglos Teil einer künstlerischen Ausdrucksbewegung ist, sich mit seinem Vorhaben doch keineswegs ausschließlich auf das Gebiet der Kunst beschränkt, sondern vielmehr in einer Neudefinition und in einer totalen Veränderung der Gesellschaft und der Wirklichkeit besteht, die ihr zugrunde liegt. Surrealist zu sein, ist auch eine Art zu leben, heißt, die Position des permanenten Bruchs mit den offiziellen Standards und mit allem zu vertreten, was uns als feststehend und unverrückbar hingestellt wird. Daher besteht kein Anlaß, auf staatliche Offerten einzugehen, und die Surrealisten haben sich stets jedem Versuch der kulturellen Vereinnahmung widersetzt.

Was bedeutet der Vorschlag, die Rue Fontaine Nr. 42 in ein Museum umzuwandeln?

Dieser Ort, der gemäß der poetischen Analogie und den Empfindungen und Wahrnehmungen seines Bewohners entsprechend zu einer Harmonie gelangt ist, hatte nur Sinn durch die Anwesenheit dessen, der ihn geschaffen hat: diejenige André Bretons, des großen Anwalts und Fürsprechers des Wunderbaren. Diesen Ort zu "museifizieren", um aus ihm ein Kunstwerk, ein Ziel für Besichtigungen mit Reiseführer und dergleichen zu machen, wäre eine greuliche Häresie! Schon die hinter Glas ausgestellte Rekonstruktion der rückwärtigen Wand von Bretons Büro im Centre Beaubourg ist unerträglich. Breton litt an Asthma, und nun sperrt man ihn ein, beraubt ihn der Atemluft – wie die Bedrohungen doch andauern... Sich dieses Atelier unter staatlicher Verwaltung mit Wärtern und einem Arsenal von Alarmsystemen vorzustellen: welch ein Jammer! Meine Damen und Herren, bevor man empört losrennt, ist es wichtig, das Gelände in Augenschein zu nehmen, und in diesem Fall handelt es sich um das Gelände des Traums, der Poesie, der Freiheit, mit einem Wort: um den Surrealismus. Und den, meine Damen und Herren, sperrt man nicht in eine Glasvitrine und kassiert dafür Eintrittsgeld!

Aber diese bevorstehende, vom Krämergeist bestimmte Verschleuderungsaktion plaziert die surrealistische Botschaft wieder mitten ins aktuelle Tagesgeschehen, diese revolutionäre Botschaft, die unter den Teppich zu kehren die letzte Ausstellung im Beaubourg, die – was für eine Ironie – den Titel La Révolution surréaliste trug, sich zur Aufgabe gemacht hat, um die Bewegung zu einem rein künstlerischen Unternehmen zu verkleinern, wobei sie sie mit dem Zweiten Weltkrieg als zeitlichem Endpunkt sorgsam ins abgeschlossen Geschichtliche einmottete. Diese auf dem Gesetz des Marktes basierende Welt, in der Geld den einzigen unbestreitbaren Wert darstellt – man braucht dazu nur die einschlägigen Artikel zu lesen, die Darstellung eines Werks wird sofort auf dessen Spekulationswert gelenkt (der Tanguy soviel, die Toyen soviel, die Handschrift soviel, und die Brettchen des Parkettfußbodens, über die Breton gelaufen ist, was kosten die?) – , die Surrealisten haben diese kapitalistische Welt bekämpft: »Die authentische Kunst von heute hat mit der sozialrevolutionären Aktivität vieles gemeinsam: Sie zielt wie diese auf die Entlarvung und Zerstörung der kapitalistischen Gesellschaft« (André Breton: Position politique du surréalisme, 1935). Heute wie gestern wollen diejenigen, die die surrealistische Energie nicht in eine Flasche einschließen wie die Pariser Luft, die an den Seine-Quais als Konserve verkauft wird, nichts von jener Welt wissen! Wir erkennen uns nicht in diesen falschen Werten, bei denen die Bedeutung eines Geistes nach dem Profit beurteilt wird, den er abwirft. In einer Zeit, da dem Menschen die schlimmsten Existenzbedingungen auferlegt werden, da einem das moralische, geistige und physische Elend geradezu an die Kehle springt, da die abstoßendsten Kriege wüten und andere vorbereitet werden, macht sich die Lücke, die André Breton hinterlassen hat, überaus schmerzhaft bemerkbar. Die Stichhaltigkeit seiner Analysen, die Richtigkeit seiner Vorstellungen würden die Gehirne wieder zu mehr Klarheit, zum großen alchemistischen Nordpunkt hinlenken angesichts einer Welt, in der wir das Virtuelle für den Traum und die Börsenkurse für die Wirklichkeit halten sollen! Er, der es sein ganzes Leben lang abgelehnt hat "dazuzugehören", hat die offiziellen Anerkennungen und Einladungen immer zurückgewiesen: "Monsieur Breton, tauchen Sie doch Ihre Finger in das Käsefondue, Sie werden sehen: die Fäden, die es zieht, sind gar nicht so übel!" Wenn Breton je einen Faden in Händen gehalten hat, war es der einer absoluten Freiheit. »Ich rühr' nur noch ans Herz der Dinge, ich halte den Faden", schrieb er in dem Gedicht "Vigilance«. Uns obliegt es nun, diesen Faden zu suchen und selber festzuhalten. Aber er läßt sich weder in der Rue Fontaine noch in einem dem Surrealismus geweihten Museum finden, sondern nur in jedem einzelnen von uns und mitten im Leben.

Man täusche sich nicht: Sie plündern und zerpflücken das Zauberbuch, aber sie werden die Zauberformel dazu nie entdecken; die ist anderswo…

Paris, den 3. Februar 2003

Erste Unterschriften:

Sarane Alexandrian, Jean-Claude Bailly, Nicolas Boutefeu, Patrice Corbin, Anne Éthuin, Édouard Jaguer, Fabrice Pascaud, Danielle und Marc Thivolet

Weitere Unterschriften:

Luc Barbaro, Jacques Boivin, Thierry Bouchard, Burger, Jean-Philippe Carré, Gladys und Víctor Chab (Buenos Aires), Richard Comte, Her de Vries (Alkmaar), Emmanuel Fenet, Laurent Louessard, Marc Malzassard, Jennifer Pellé, Jörg Remé (Amsterdam), Serge Sautreau, Pieter Schermer (Niederlande), Jan Schlechter Duvall (Surabaya / Indonesien), Frida und Laurens Vancrevel (Amsterdam), Patrick Vuiton

Ferner:

René Alleau, Gérard Durozoi, Jean-Clarence Lambert, Sergio Lima (São Paulo), die gesamte chilenische Surrealistengruppe etc.

Adresse: grimoire@noos.fr

Unterdessen – knapp zwei Wochen vor Beginn der Auktion – erreichte der Wirbel um Bretons Nachlaß in Frankreich seinen Höhepunkt. François-René Simon schrieb uns, daß Breton auch siebenunddreißig Jahre nach seinem Ableben immer noch die Gemüter erhitze: »Eine leidenschaftliche Erregung herrscht rings um die Versteigerung seines Ateliers.« Die Medien berichteten ausführlich (wenn auch nicht immer gut informiert), die Meinungsunterschiede zwischen den verschiedenen Parteien, vor allem zwischen Befürwortern und Gegnern einer staatlichen Intervention, vertieften sich, und selbst bei privaten Diskussionen unter mehr oder weniger gleichgesinnten Freunden – wir haben das in Paris erlebt – ging es äußerst lautstark, beinahe handgreiflich zu. Inzwischen hatten die Verfasser des »Vorschlags zu einem Aufruf« (7. Januar) ein Wachsamkeitskomitee ins Leben gerufen. Am 17. oder 18. Februar war dazu in einer französischen Tageszeitung zu lesen:


Mobilisierung in letzter Minute zur Rettung von André Bretons Schätzen

Etwa 4.000 [sic!] Posten aus dem Atelier des surrealistischen Dichters sollen im April bei Drouot unter den Hammer kommen. Ein Wachsamkeitskomitee verlangt vom Staat, dieses kulturelle Erbe zu erhalten.

Das von Mathieu Bénézet, François Bon und Laurent Margantin initiierte Wachsamkeitskomitee hat über zweitausend Unterschriften zu dem von diesen Schriftstellern verbreiteten Aufruf gegen die Zersplitterung der Sammlungen André Bretons durch das Pariser Auktionshaus CalmelsCohen im April zusammengetragen. In einem Brief an den Kulturminister verlangt das Komitee von diesem, »ein Ausfuhrverbot zu verhängen«, damit die Bücher, Objekte und Kunstwerke aus dem Atelier in der Rue Fontaine Nr. 42 […] Frankreich nicht verlassen. »In einer zweiten Phase möchte das Komitee von den kulturellen Akteuren, von denen manche dem Vorhaben bereits positiv gegenüberstehen, den Ankauf der im Hôtel Drouot angebotenen Posten durch die öffentliche Hand aufgrund von deren Vorkaufsrecht durchsetzen«.

10 prominenter französischer Dichter (*1923), 1946 Herausgeber der surrealistischen Zeitschrift La Révolution la nuit.  

Die Stellungnahme Yves Bonnefoys10 (Le Monde vom 5. Februar) hat einer berechtigten kollektiven Erregung zu besonderem Aufsehen verholfen. Sie sollte die staatlichen Organe veranlassen, über den Rahmen der bereits vorgesehenen Abmachungen (Schenkungen, Ankauf bestimmter Werke) hinauszugehen, an deren Auflistung der Kulturminister erinnert, der darauf hinweist, daß die Hingabe an Zahlungs Statt genannte Übergabe der »Wand« des Ateliers von den Finanzbehörden kürzlich akzeptiert worden ist.

Indessen vermag diese Mobilisierung in letzter Minute nicht eine zwanzig Jahre währende Indifferenz gegenüber einem Kulturerbe vergessen zu machen, dessen Existenz bekannt war. Elisa Breton bis zu ihrem Tod im Jahre 2000 und Aube Elléouët-Breton, Tochter des Schriftstellers und Jacqueline Lambas, sind standhaft geblieben, um es in seiner Vollständigkeit zu bewahren, und haben es gleichzeitig der Forschung geöffnet, immer in Erwartung einer öffentlichen Initiative zur konservatorischen Erhaltung der Objekte, Bücher, Gemälde usw., die der führende Kopf der surrealistischen Bewegung zusammengetragen hat. »Wir kämpfen nicht für eine Museifizierung unserer literarischen Überlieferung«, stellen die Verfasser des Aufrufs vom 7. Januar fest. »Gegen die kommerzielle Zerstückelung dieses Erbes zu protestieren, zum Zeitpunkt der Versteigerung eine symbolische Aktion durchzuführen, heißt, für das, was uns zusammenschweißt – der eigentliche Sinn von Literatur – , ganz einfach zu verlangen, daß es Handeln sei.« Jacques Derrida, Michel Butor, Annie Ernaux, Alain Jouffroy, Jean Ristat, Valère Novarina und Kenneth White zählten zu den ersten Unterzeichnern, denen sich zahlreiche Leser, Künstler, Studenten, Buchhändler und Bibliothekare angeschlossen haben (appel-breton@remue.net). »Diese Geschichte hat uns völlig unvorbereitet getroffen«, betont François Bon, »wir hatten bis zur Ankündigung der Auktion keine Ahnung davon.«



11 der derzeitige Kulturminister.

 

Was jedoch die Kulturfunktionäre angeht, so ist das Argument der Überraschung nicht stichhaltig. Als Michel Duffour, Ex-Staatssekretär für Fragen des kulturellen Erbes im Namen der Kommunistischen Partei Stellung nimmt, oder als Jack Lang, ehemaliger Kulturminister, an Jean-Jacques Aillagon11 schreibt, um ihn um fördernde Maßnahmen zu ersuchen, sind sie weit davon entfernt, die drohende Gefahr zu enthüllen. Von 1982 bis 1993 hat die Vereinigung ACTUAL unter dem Vorsitz von Jean Schuster und unter der Schirmherrschaft von älteren Akteuren der Bewegung (Leiris, Masson, Matta, Gracq, Soupault) in bezug auf die Archive [des Surrealismus] beträchtliche Arbeit geleistet und versucht, beim Staat oder bei der Stadt Paris einen geeigneten Ort für eine Stiftung zu finden.

Der Schriftsteller Jean-Michel Goutier, ehemaliger Sekretär der Vereinigung ACTUAL, erinnert sich, daß Jack Lang das Atelier in der Rue Fontaine besuchte, einige Zeit vor François Mitterrand, der dort Anfang 1989, noch zu Lebzeiten Elisa Bretons, Gast war. »Die Linke hat nichts getan, als sie dazu in der Lage war«, bemerkt Goutier. Die Vereinigung habe schließlich von den Behörden die notwendige Unterstützung nicht erhalten, um eine Stätte ins Leben zu rufen, die um die historischen Sammlungen herum den »Geist des Surrealismus« hätte fortbestehen lassen.

Dennoch haben außer seiner Privatkorrespondenz, die André Breton der Bibliothèque littéraire Jacques Doucet vermacht hat, zu deren Einrichtung er selbst beigetragen hatte, einige wichtige Bestandteile seines Nachlasses Eingang in die nationalen Sammlungen gefunden. Das zukünftige Museum am Quai Branly hat mehrere große Masken erworben. Schenkungen sollen erfolgen; Mirós Die spanische Tänzerin, ein Hitler-Porträt von Victor Brauner und ein Gemälde von Matta sind dem Centre Pompidou zugedacht, das im Begriff ist, im März wieder die "Wand" zu installieren, ein zweihundert Einzelteile umfassendes Ensemble, das auf Vorschlag Aube Elléouët-Bretons per Hingabe an Zahlungs Statt in die öffentlichen Sammlungen eingegangen ist. »Das ist ein kapitales Element«, bemerkt Jean-Michel Goutier […]. »Eine poetische Sprengladung à la Maldoror, völlig abweichend von den herkömmlichen Arten der Präsentation, die im allgemeinen dazu dienen, die kulturelle Ware zu zelebrieren, eine Sprengladung, die als Erinnerung an den surrealistischen Traum fortbestehen wird.«

Daß Goutier der Schuster-Fraktion der nach-Breton'schen Surrealistengruppe angehört hat, ist diesem Artikel unschwer zu entnehmen: Plädoyer für eine staatlich geförderte surrealistische Gedenkstätte – ein Mausoleum, würden manche sagen – , Begeisterung über die von anderen Surrealisten vehement kritisierte "Wand" usw.

Am 30. März, zwei Tage vor Beginn der Versteigerung, erreichte uns eine E-Mail folgenden Inhalts: »Der Nachlaß von André Breton bleibt in Frankreich. Kulturminister Jean-Jacques Aillagon hat angekündigt, daß der französische Staat sein Vorkaufsrecht geltend machen werde. Für den Ankauf müsse das Ministerium 30 Millionen Euro bezahlen. Monatelang hatten Intellektuelle für den Verbleib der Sammlung in Frankreich plädiert.« Also springt der französische Staat doch noch über seinen Schatten, um einen der »großen Söhne« des Landes zu ehren, obwohl der für sein »Vaterland« nur Hohn und Verachtung übrig hatte? Wie auch immer, Verbleib der noch vorhandenen Sammlung in Frankreich oder Zerstreuung in alle Welt, unserer Meinung nach ist Breton (auch) anderswo, und es gilt nach wir vor das Graffito, das ein Unbekannter im Mai 1968 auf eine Mauer in Toulouse gesprayt hat: »André Breton vit« (André Breton lebt).

*

P.S. Auch nachdem die Versteigerung im Hôtel Drouot bereits begonnen hat, wird die Polemik um Bretons Nachlaß fortgesetzt. Heute, am 1. April, erreicht uns per E-mail eine weitere Stellungnahme von François-René Simon, der, wie er schreibt, auf ein in Le Monde vom 26. März veröffentlichtes »Bittgesuch« reagiert:


Die André-Breton-Auktion: eine Angelegenheit von Masken

»Oh weh, sie kommen schon wieder… Hilfe!
Da fallen sie die Treppe hinunter… Du Sandhaufen, ihr verdammten Sandhaufen!«

André Breton: Le Verbe être

Die Auktion »André Breton, Rue Fontaine Nr. 42« hat bereits derartige Ströme von Tinte fließen lassen, daß man auf sich selbst böse sein könnte, wenn man sich an dieser scheinbar demokratischen Debatte beteiligt, bei der gegensätzliche Meinungen aufeinanderprallen und die Öffentlichkeit ihrer Ratlosigkeit überlassen wird. Doch die Lektüre der Flugblätter, die in der ganzen Welt von denen unterzeichnet werden, die gegen die Versteigerung kämpfen, führt zwangsläufig zu einer gewissen Fassungslosigkeit angesichts der vorgebrachten Argumente.

Stellen wir sogleich fest, daß diese Versteigerung deswegen soviel echte Erregung und soviel unnützen Wirbel hervorruft, weil sie nicht nur auf einer krämerhaft-kommerziellen Ebene von einigem Ausmaß (geschätzte 20 bis 30 Millionen Euro Wert), sondern auch und vor allem auf einer symbolischen Ebene stattfindet. Sie ist das Indiz, daß der Surrealismus ungeachtet dessen, daß er der unersättlichen kulturellen Gefräßigkeit anheimgefallen ist, sehr wohl der mitreißende Mythos ist, der unserer Zeit auf so schmerzliche Weise fehlt und dessen Schutzpatron André Breton ungewollt und über sein eigenes Leben hinaus geworden ist.

Denn alle diese zahllosen Petitionen enthalten einen nicht hinnehmbaren Gedanken, der um so verderblicher ist, als er nicht ausgesprochen wird: André Bretons Werk ist seine Sammlung. Mitnichten! André Breton, das sind als erstes seine Texte, seine Gedichte, seine Gespräche. Zu denen hat durch die Taschenbücher heute jedermann mühelos Zugang. Wo ist da der angebliche, ganz und gar lächerliche »zweite Tod André Bretons«?

In anderem Zusammenhang, aber ebenso schwer zu akzeptieren, ist da diese Absicht, sich eines Menschen zu bemächtigen und ihn zum nationalen Kulturerbe zu erheben. Schon die Worte »Nation« oder »Vaterland« ließen André Breton außer sich geraten. Was gibt es Französisches in seiner Sammlung? So gut wie nichts. Und wenn man alle diese Dinge, statt sie zu verstreuen, wieder an ihre Herkunftsorte zurückbrächte, so wäre das eine Welt ohne Grenzen, die man gern durchstreifen würde. Man lese doch nur nach, wie Breton in Arcane 17 gerade mit dem französischen Geist ins Gericht geht.



12 Elisa Breton verbrachte ihre letzten Jahre in einem Pflegeheim.

 

Da wir gerade von Arcane 17 sprechen, wollen wir beiläufig die Frau würdigen, die Breton zu diesem Buch inspiriert hat, Elisa, die allem Bitten und Betteln widerstanden und die Räume so weit wie eben möglich unverändert gelassen hat, auch dann noch, als es ihr körperlich nicht mehr möglich war, länger in ihnen zu leben.12 Daß die Erbin, Aube, unter noch stärkerem Druck und, nach zahlreichen und vergeblichen Bemühungen gezwungen, das Atelier leerzuräumen, beschließt, daß es nun anders laufen soll, ist ihr gutes Recht. Hinter einer Fassade von Verständnis prangern die Protestierer unausgesprochen eine schmähliche, mehr noch: der eigenen Bereicherung dienende Verschleuderung der Schätze an. Was wissen sie denn schon? Und was geht es sie an? "Kommt überhaupt nicht in Frage, sich bei den Leuten derart breitzumachen", mahnte – völlig vergeblich – Professor Achras den aufdringlichen Vater Ubu.

Weil diese Sammlung angeblich »eine überragende Bedeutung in der Entwicklung des Surrealismus als Denken der Kunst und als kulturelle Bewegung ersten Ranges« gehabt hat (wie die Mitglieder des lächerlichen, selbsternannten »Wachsamkeitskomitees André Breton« sagen), möchte man sie in ein Museum verwandeln.

Erstens garantiert nichts dafür, daß diese Metamorphose eine so geheimnisvolle Dialektik begreiflich macht. Wir sagen sogar: im Gegenteil. Das Atelier ohne seinen Mieter ist eine leere Präsenz von Dingen, die nur noch dazustehen scheinen, um das Ableben dessen zu bezeugen, der es so gut verstanden hat, sie zu lieben.

Zweitens ist eine André-Breton-Erinnerungsstätte die beste Methode, den unablässigen Motor der surrealistischen Bewegung auf ein banales Schriftstellermaß zu reduzieren, sie bedeutet, ihn zu einer Art Modellkunstliebhaber zu machen, sie bedeutet mit Sicherheit, die große Tragweite seiner Ideen zu verkürzen.

Ist das vielleicht sogar die geheime Absicht der Protestierer? Das Lamentohaft und Ohnmächtige ihrer Petitionen könnte es einen, trotz einer scheinbaren Berechtigung derselben, beinahe glauben lassen. Denn die Würfel sind ja gefallen. Die Sammlung bzw. das, was noch von ihr übrig ist, wird auf alle Fälle verstreut werden. André Bretons Geist unter seinem steinernen Stern auf dem Friedhof von Batignolles wird dann in einem einzigen bitteren Hohngelächter diejenigen vereinen, die so getan haben, als verteidigten sie seine Kollektion, und diejenigen, die hoffen, sie an sich zu reißen.



 Anmerkungen des Übersetzers

 

Stand der Dinge: 1. April 2003

Zusammenstellung und Übersetzungen: Heribert Becker



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