ERVIN LÁZÁR
Alle aus dem Ungarischen von Kristóf Szabó
Dieser Mensch, der entgegenkam,
hatte überhaupt keinen Kopf. Wie ein Haus, wie ein Gasbehälter, wie
ein Gurkentransportwaggon. Dörr-bömm-dörr, er stampfte auf
Bergkämme und Städte. Das heißt, er hatte gar nicht einen so großen
Kopf. Nur, wie ein Kartoffelkochdämpfer, wie ein Laugbottich, wie ein Abbrühkessel. Bimm-bumm-bimm,
er tritt auf Flüsse, Brücken, Auen. Eigentlich hatte er einen kaum größeren
Kopf, als normal. Wie ein stattlicher gemeiner Kürbis, ein rosa Luftballon,
eine aufgepustete Ochsenblase. Tschirr-tschörr-tschirr, er tritt auf
Häuser, Blumengärten, Spielplätze. Wir können auch sagen,
sein Kopf war von normaler Größe. Wie deiner, meiner, oder ihrer. Tipp-topp-tipp,
er tritt auf Hirtenhunde, Scheunen, Weizenfelder. Sein Kopf war gar nicht
von normaler Größe. Er war kleiner. Wie eine Konservenbüchse,
wie eine Gurke, wie ein größer gearteter Apfel. Chiß-choß-chiß,
er schlufte auf Ferkelchen, Klatschmohne, Hemdchen. Freilich, er hatte einen
ganz kleinen Kopf. Wie ein Nadelkopf, wie ein Mohnkorn, wie eine Kleiderlaus
. Schitj-schutj-schitj, er schritt einher auf schöne Formen, Blumenduft
und Träume. Dieser Mensch, der entgegenkam, hatte überhaupt keinen
Kopf. |
Ein Herr mit grünem Stößer*
Lachertiolainen
Tschongulinsurjan fiel mir im Regen ein. Es war ein feinkörniger Regen, das
Passende für einsame Menschen. Hierzu gehört auch noch die Óhegy
Straße. Und die Nacht. Besser gesagt, die Nacht in der Óhegy Straße.
In der Óhegy Straße sind nämlich die Nächte gänzlich
anders als irgendwo sonst auf der Welt. In dieser Nacht trug ich sehr viele Steine
in mir. Meine Steine, anderer Leute Steine. Und Regen, Regen, Regen. Gewöhnlich
pflegen die Bäume und die Leitungsmasten mich auf dem Nachhauseweg zu grüßen.
Und die Laternen auch. Jetzt: die Bäume unterm Regenschirm, die Leitungsmasten
im Gummimantel, die Laternen brannten nicht einmal.
Ich wusste, gleich zu
Hause angekommen wird es auch nicht besser sein. Der Schlüssel knirscht feindselig,
holpernd öffnet sich die Tür. In meinem Zimmer begrüßen mich
ein leeres Blatt, ein kopfüber gedrehtes Bild und eine grinsende Aufschrift:
TSNEIDSGNUTTER, RHEWREUEF, IEZILOP.
Man müsste sich auf den Bordstein
setzen - sprach ich leise bei mir - und gar nie mehr aufstehen. Und in diesem
Augenblick fiel mir Lachertiolainen Tschongulinsurjan ein.
Herr Tschongulinsurjan
geht gerade durch das Gelände des alten Müllplatzes, meinte ich. Er
geht um die Stängel des Unkrauts. Er pfeift vor sich hin. Er ist mit einem
eleganten schwarzen Jackett bekleidet und mit einem grünen Stößer.
Jetzt gelangt er aus dem Unkrautmeer hinaus. Im gestreuten Licht entziffert er
die Aufschrift des rostenden Schildes, das neben dem Müllplatz angebracht
war
DAS ABLADEN VON MÜLL IST VERBOTEN!
Er
kichert. Worüber amüsiert der sich. Was ist schon so komisch dabei:
Abladen von Müll verboten!? Zugegeben, ich beginne auch zu kichern. Dieser
Lachertiolainen Tschongulinsurjan! Na, steh nicht dort so herum - denke ich: Wenn
du schon dort so rumstehst, komm her! Da kommt er auch. Ich meine, er kommt jetzt.
Schon mag er an der polnischen Kapelle entlanggehen, an der Statue der Maria.
Vielleicht lüftet er auch den grünen Stößer. Entweder schleicht
er sich am Saum des Zauns entlang, oder er trippelt draußen, inmitten der
Fahrbahn. Man kann es nicht wissen. Jedenfalls, er kommt. Jetzt mag er einem nächtlichen
Passanten begegnen. Er lässt sich nicht beirren - denn ihn bemerkt ja eh
gar kein Passant. Lachertiolainen Tschongulinsurjan ist nämlich auch samt
seines Stößers lediglich sieben Zentimeter groß. Ohne den: fünf.
Er kommt also vergnüglich. Freut sich auch über den Regen. Regenperlen
glitzern auf seinem grünen Stößer. Herr Tschongulinsurjan zündet
sich nun eine Zigarre an. Tastet seine Taschen ab. Er blüht. Hat noch alles
dabei. In seiner linken Hosentasche ein so großes, buntes Taschentuch, wie
die Takla Makan Wüste, in der Rechten eine Turmuhr, in seiner Gesäßtasche
einen Weißdornbusch, in seiner Uhrentasche Schlüssel, Nägel und
Zugvögel. In seiner linken Jackett-Tasche das Königreich Nepal mit seiner
Hauptstadt, mit Katmandu und mit all seinen Bergen, in der rechten eine uralte,
aus Holz hergestellte Zwirnspule. In seiner Innentasche ein Superhopp und acht
Sachen, ohne dass er selbst wüsste, was diese sein mögen. Um seinen
Hals, an einer Büroklammerkette, wie ein Medaillon, hängt die Insel
Madagaskar. Antananarivo ist über seinem Brustbein.
Jetzt sollte er die
Márga Straße verlassen haben - dachte ich -, langsam kommt er hier
an, und ich stiere steif auf den Asphalt: Kleine Regentropfen - große Regentropfen
- Explosionen. Nachdem eine halbe Stunde verstrichen war, war er immer noch nicht
da. Vielleicht habe ich mich geirrt, vielleicht kommt er erst jetzt durch das
Unkraut des Müllplatzes. Während eine neue halbe Stunde verstrich, traf
er immer noch nicht ein, aber meine Laune, sie hat sich deshalb noch nicht verschlechtert.
Warum hätte sie sich auch deswegen verschlechtern sollen, ich wusste ja:
Lachertiolainen Tschongulinsurjan war unterwegs zu mir.
Ich bin nach Hause
gegangen. Ich legte mich hin, konnte aber nicht einschlafen. Großer Gott,
fiel mir ein, möglicherweise tritt er schon auf der Stelle, hier vor der
Tür. Ich stürzte hinaus, aber da war niemand. Die Klingel!, kam es mir
plötzlich in den Sinn. Der Ärmste könnte hier stehen bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag!
Er kann die Klingel nicht erreichen. Ich besorgte Zangen, einen Hammer, Drähte.
Zum Morgengrauen stand das große Werk: Der Klingelknopf war auf dem Türrahmen
fünf Zentimeter über dem Boden. Jetzt kannst du kommen, Lachertiolainen
Tschongulinsurjan. Ich warf mich rücklings auf mein Bett. Seitdem liege ich
hier und warte. Ich bin mir sicher, einmal wird die Klingel ertönen. Lachertiolainen
Tschongulinsurjan kommt herein, von seinem grünen Stößer schüttelt
er das Wasser ab, nimmt Platz am Rand meines Aschenbechers und sagt: Ich bin da,
alter Junge! Die rechte Tasche seines Jacketts bauscht sich ein bisschen. Kein
Wunder, in ihr ist der halbe Himalaja.
* Hut des Fiakers in Österreich |