ERVIN LÁZÁR
Aus dem Ungarischen von Kristóf Szabó
Fünf, sechs, sieben
Das Getöse der Fabrikhalle ratterte Zähne
fletschend zum Fenster hinaus, es wollte die Welt zu Boden drücken, die Blätter
der Bäume abreißen, die Mauern eindrücken, die Trommelfelle zum
Platzen bringen. Ist es soweit gelangt? Ich weiß es nicht. Bis zu den Wolken
bestimmt nicht, bis zur Mitte des Waldes bestimmt nicht, bis in die Herzen der
Körner und der Vogeleier bestimmt nicht. Möglicherweise zog es schon
am Ende der benachbarten Straße wie ein erschrockener Hirtenhund seinen
Schwanz ein, wurde zahm, machte noch zwei Schritte und verging. Zu uns in das
Etagenbüro drang es allemal, wenn auch mit der Gewissheit seines kurz bevorstehenden
Todes, na, sagen wir, dass es gerade mal sirrte-surrte.
Uns störte es
also nicht, wie wir da saßen, um den ernsthaften Tisch herum, ernsthafte
Männer in ernsthaftem Schwarz, in unseren Köpfen Zahnradübersetzungen,
Transmissionen, Reibungskoeffizienten, Sinusse, Drehmomente, Winkelverschiebungen,
Valenzen und Atomgewichte.
Und da quietschte die Klinke laut.
- Hab ich
nicht gesagt, dass niemand...-, sagte der Direktor, aber das Wort blieb ihm
im
Halse stecken, und uns ebenso, Technikern, Ingenieuren, Werkmeistern, Obermaschinisten,
Maschinisten, Dispatchern stockte der Atem. In der Tür stand in einem Hemd,
das so rot war wie der Klatschmohn, in einem blutroten Frack, in einer tomatenroten
Hose ein weißbärtiger Alter, in Hut und Stiefeln. Diese waren schwarzdrosselschwarz.
Den
Weißbärtigen ließ weder die Stimme des Direktors, noch die ertönende
Stille innehalten; mit seinem Blick niemand anderen berührend, trat er an
mich heran.
- Sie erwartet Sie -, sagte er, seine schwarzdrosselfarbenen Stiefel
waren im Boden
verwurzelt, sein schwarzdrosselschwarzer Hut hoch in der Luft,
so weit oben wie ein Elsternest.
- Wer, wer erwartet mich, sehn Sie nicht,
dass ich zu tun habe? - schrie ich, weil
sowohl eine Befürchtung des Clownrot-Teufelschwarzen,
als auch die Unruhe, die aufgrund des Durcheinanders entstanden war, über
mich hereinbrachen. Die Strahlen von ein Dutzend Augenpaaren - so spürte
ich - könnten mich beschützen, doch diese machten mir bereits Vorwürfe,
waren bereits feindselig, hatten mich bereits fallengelassen.
- Die Blume -,
beteuerte der Rot-Schwarze -, ihre Blume.
Lacher blubberten, zweideutige Seufzer,
eine Blume! - Mein Gesicht wechselte ins Frackrote, ins Hosenrote, ins Hemdrote.
- Welche Blume, ich kenne gar keine Blume -, zischte ich, aber in meinem Verstand
forderten bereits Valenzen Zahnradübersetzungen zum Tanz auf, die Drehmomente
schlugen die Knöchel zusammen, die Reibungskoeffizienten setzten die Transmissionen
wie ein Musikinstrument an ihre Schultern.
Oh, Köpfe in Schwarz.
Der
Greis sprach weiter, als ob er meine verstörte Empörung gar nicht bemerkt
hätte: - Sie werden im Wald von ihr erwartet, in der Mitte der Lichtung. Damit
zog er auch schon aus dem Zimmer, in der Tür ließ ihn das ausbrechende
Gelächter verweilen, er ließ seine schwarzdrosselschwarzen Augen über
die Gesellschaft gleiten, als ob er den Raureif über ihre gute Laute gehaucht
hätte; so saßen sie im Raufrost-Ernst da, bis er hinausgetreten war.
Erst da, haha, hihi, platzte ein Gelächter los, dass es nur so schnalzte,
hüpfte, dröhnte, erst da platzten, schnalzten, hüpften und dröhnten
die auf mich gerichteten Finger und die Zahnreihen mit Brücken und die Zahnreihen
ohne Brücken, die Münder wie Ah, die Münder wie Oh, die Münder
wie Pflaumen, die Münder wie Graupen.
Ich stand leise auf - schöner
Ball im Kopf -, zürnte nicht den Lachenden und auch nicht diesem merkwürdigen
Alten; Zorn, wie wäre mir auch so etwas in den Sinn gekommen, wo ich mir
schon beinahe sicher war: Auf einer Waldwiese erwartet mich eine Blume. Als ich
in den Hof des Betriebes trat, konnte ich an der Existenz meiner Blume nicht zweifeln,
denn das Getöse wagte es nicht, mich zu berühren, es schwirrte über
meinen Kopf hinweg, auf meinen Rücken zuhaltend teilte es sich entzwei, in
ehrbarem Abstand umging es meine Schultern, auch unter meine Füße traute
es sich nicht.
Es ist wahr, mich erwartet eine Blume!
Siehe da, auch das
Gebell der Vorstadthunde gelangt nicht zu mir, ich sehe nur die schnappenden Mäuler,
die gefletschten Zähne, die Laute fallen wie Steine ein Paar Meter von mir
entfernt auf die Erde herab.
Ich lief los.
Im Wald häutete sich die
Glashauben-Stille mit leisem Knacken von mir ab, die Vogelstimmen, Blattgeräusche
berührten meine Haut. Auf der Waldwiese wartete eine weiße Blume.
Sie bibberte.
- Ich friere -, flüsterte sie - hilf!
Ich kauerte mich
neben sie, mit meinen beiden Handtellern umfasste ich sie behütend. -
Ich friere -, sagte sie wieder.
- Ich kann dich anhauchen -, murmelte ich,
denn wie hätte ich sie sonst wärmen
können?
- Sonne, die
Sonne will ich - sagte sie.
- Aber die Sonne ist oben am Himmel. Sie scheint
auf dich - antwortete ich ihr. - Ich erfriere -, flüsterte sie in einem
bemitleidenswerten Ton.
- Ich kann nichts tun -, sagte ich bitter, aber sie
fiel mir ins Wort.
- Doch! Du kannst! Heute ist Montag, die über uns ist
die Sonne am Montag.
Gib mir die vom nächsten Tag. Gib mir die Sonne von
Dienstag.
Ich wollte sagen, dass mir dazu die Macht fehlte, doch den Kräutern
und den Bäumen konnte ich ansehen, dass ich so etwas nicht sagen konnte,
die Kräuter und die Bäume neigten sich zu mir, der Bogen ihrer angespannten
Rücken war mir Ermutigung, Gewissheit.
- Gut -, sagte ich zur Blume -,
ich gebe dir die Sonne von Dienstag.
Kaum hatte ich es ausgesprochen, erschien
im Osten mit blutrotem Kopf die Sonne von Dienstag, sie blinkte, zauderte, dann,
wie ein entfernter Luftballon, begann sie, in flüssiger Luft zu steigen.
Die Kelchblätter meiner Blume wuchsen sichtlich, ihre Farbe wechselte
ins Märzblumengelb.
- Siehst du, richtig lau ist es mir, siehst du -,
stammelte sie, einen Augenblick lang begann sie zu lächeln, und im Licht
der beiden prunkenden Sonnen sagte sie immer noch bibbernd: - Auch die von
Mittwoch!
Und ich streckte meine Arme glücklich in den Himmel, sollte
sie doch kommen. Und die rötende, giftige Blase schwamm schon auf den Zenit
zu.
Drei Sonnen leuchteten hell am Himmel, dreifaches Licht vibrierte zwischen
den Bäumen, die Wärme schunkelte die Erde durch und durch, nahm uns
auf den Rücken wie ein dickwässriges, gutmütiges Meer; wir schwebten,
wir schwangen, wir stiegen, das Kelchblatt meiner Blume wurde fülliger, setzte
Fleisch an, ihr nun meergrünes Lächeln sickerte bis in meine Knochen,
durchzog auch die Bäume und die Kräuter; die Zweige der Sträucher
erstrahlten.
- Sonne, Sonne, noch mehr Sonne -, schrie sie beglückt, brach
in lautes klares
Lachen aus, und auf mein Zeichen hin, wie ein beflügeltes
Zauberpferd, hüpfte auch die Sonne von Donnerstag hinauf, das Licht und die
Wärme umspannten uns wohlig, sie umklammerten uns, die mit Licht durchtränkte
Erde ergoss die Wärme aus sich in Strahlen, die Bäume wogen in ihrer
besinnungslosen Seeligkeit ihre Stämme, das Licht drang bis zu ihren Haarwurzeln. Meine
Blume wuchs zu der Größe einer Tulpe heran, prunkte mit dem blauen
Glitzern von Edelsteinen, leuchtete wie oben die vier Sonnen.
Ohne mein Zutun
brachen die Worte aus mir hervor:
- Auch die von Freitag soll dir gehören,
los, Sonne von Freitag!
Da kam sie unverzüglich, golden, majestätisch;
das Licht drückte uns gegen die Erde, ließ sich mit Zentnergewicht
auf uns nieder, man hörte das stockende, wollüstige Atmen der Bäume.
Meine Blume wurde stählernrot im Prunk der fünf Sonnen, üppig und
verführerisch taumelte sie vor meinem von Schweiß gestreiften Gesicht;
in ihrem Rot sprühte der Hochmut Funken, fünf Sonnen am Himmel, fünf
geschmolzene goldene Kugeln.
- Auch die von Samstag! -, schrie die Blume,
und ich, nicht wissend, was ich tat, plapperte ihr nach:
- Auch die von Samstag!
Die
Samstag-Sonne ging keuchend auf, schwer stieg sie empor in der siedenden Lichtflut,
unsere Augen ertrugen kaum noch die Messerklingen-Blendung, die Glut walzte uns
gegen die Erde, das Kreuz der Bäume knarrte in der Umklammerung der drückenden
Wärme, wir keuchten nur noch, ich presste mein Gesicht gegen die Erde, Purpurfarbe
ergoss sich um mich herum. Ich wusste, meine Blume ging ins Purpurrote über,
schon war sie größer als ich, in ihrem armdicken Stiel konnte man das
Zirkulieren der Säfte sehen, mit unartikulierter Stimme schrie sie auf, und
ich, gegen die Erde Gewälzter, halb zu Tode Gedrückter wusste, was sie
wollte; ich hob meine Hand, die Bewegung, oder weniger noch, die Regung war gerade
noch zu sehen, aber schon brach die Sonne von Sonntag auf und schritt ihren Weggenossen
hinterher. Die Helligkeit gab jetzt Töne von sich, sie tobte und brodelte,
die Luft wurde so dickflüssig wie Quecksilber, ich wartete, dass mich die
Glut aufsaugte, sie mich in sich schmolz, meinen Handteller presste ich auf meine
Augen. Vielleicht lebe ich gar nicht mehr, dachte ich, vielleicht ist die ganze
Welt schon homogen, dicke Lava. Auch ich schwimme in ihr, meine Zellen entfernen
sich dort langsam voneinander, zart berühren sie die zerstreuten Zellen der
Vögel, der Fische, der Pflanzen, dann schwimmen alle, zerfallen in Atome:
Steine, Felder, Fabrikschlote, Kinderspielzeug gemeinsam mit meinen Atomen. Oh,
sieben Sonnen am Himmel!
- Wetten, dass du jetzt schwarz bist -, stöhnte
ich meiner Blume zu, aber dann glitt
auf einmal ein kühler Hauch über
meinen Rücken, ich spürte: Kühle Dünste fielen auf mich, ich
hob meinen Kopf, rotes Licht blendete mich einen Augenblick lang, dann nichts
mehr, gerade noch, dass ich den rötenden Saum der sieben wie Steinbrocken
zu Boden stürzenden Sonnen erblickte: Dunkelheit umgab mich. Schwarz, schwarz,
blumenschwarz.
Das Frösteln durchfuhr meine Haut, langsam, erbarmungslos
sickerte es auf meine Eingeweide zu.
- Wo bist du -, schrie ich, - wo bist
du? Aber es kam keine Antwort. Meine Blume
gab nichts von sich.
Langsam,
behutsam begann ich, die Erde um mich herum abzutasten. Ich suchte die Blume,
aber nur Gras, Kieselsteine, Kieselsteine, Gras. Immer schneller kroch ich, schon
kümmerte mich nicht einmal, dass ich die Blume, kreuzte sie dennoch meinen
Weg, niedertrampeln könnte, wenigstens ihren gebrochenen Stiel, ihre zerknitterten
Kelchblätter musste ich berühren, damit ich wusste, dass es sie gab,
damit ich meine Blume spüren konnte. Aber ich fand sie nicht. Und es kam
mir wie ein Blitz in den Sinn, du lieber Gott, sechs Tage lang wird es dunkel
sein, es wird sechs Tage keine Sonne aufgehen. Ich rannte los, im Glauben, auf
dem Weg nach Hause zu sein, aber Ranken wickelten sich um meine Beine, Geäst
schlug mir ins Gesicht, ich prallte gegen Baumstämme. Immer wieder stürzend
irrte ich im Wald umher, sterbensmüde. Der Schlaf kam nur für wenige
Minuten; in der ausharrenden Dunkelheit wusste ich nicht, war heute Dienstag,
Freitag, ob Morgen oder Nacht, ich stammelte, ich schrie, vielleicht weinte ich
auch. Dunkel, dunkel, dunkel. Beinahe glaubte ich, ich würde sterben, ohne
jede Hoffnung, durchfroren lag ich da, auf todkalter Erde. Eulenschatten zogen
über mich hin, Schuppen von Reptilien berührten meine erstarrte Haut.
Oh,
siebensonniger Himmel, glühende Lava, schwarze, schwarze Blume!
Dann,
als mir so war, dass ich alles nicht mehr ertragen könnte, begann der Saum
des Himmels zu tagen, aus der Gräulichkeit erhoben sich dunkelnd die Baumstämme.
Der Tag brach an.
Ich lief in Richtung Stadt; sobald ich das Getöse der
Fabrik hörte, wurde ich von Glück und Angst ergriffen.
- Seid mir
nicht böse -, sagte ich zu meinen Kollegen, - seid mir nicht böse wegen
der
sechs Tage Dunkelheit.
Sie sahen mich verwundert an, zogen die Augenbrauen
in die Höhe.
- Wovon sprichst du? Was denn für sechs Tage Dunkelheit?
- fragten sie
mich.
Ich presste meinen Rücken gegen die Wand. Nicht
einmal bemerkt hatten sie das Scheinen von sieben Sonnen am Himmel, nicht einmal
bemerkt hatten sie die sechs Tage anhaltende Dunkelheit. Ich presste meinen Rücken
gegen die Wand.
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