ERVIN LÁZÁR
Alle aus dem Ungarischen von Kristóf Szabó
Meine sieben Geliebten
Derzeit habe ich sieben Geliebte.
Die erste hat knochige Schultern,
ist etwas pferdeköpfig und zanklustig. Was ich auch tue, es ist ihr nicht
gut genug, sie stört mich bei der Arbeit, und droht mir immer wieder, dass
ich es schon sehen werde: aus mir werde nichts. Die
zweite ist ganz klein, mollig, will viele Kinder, und wenn sie es nur vermag,
lächelt sie. Sie singt sehr schön - und sie liebt es, zu singen und
kann es auch. Flatternd, mager
ist die dritte. Aber voller Zauber. Sie möchte ein schönes Leben mit
mir führen. Hat noch nie gelogen. Mich ermutigt sie auch, nie zu lügen.
Und sie sagt, so sei es keine Kunst, nicht zu lügen, wenn man nichts sagt.
Die vierte ist eine wahre Schönheit.
Oder besser, sie ist eine Granate. Sie geht mit lockeren Hüften, wie in Wellen
wogend. Sie mag Trinken, Essen, Tanzen. Zerrt mich in Bars, Vergnügungslokale.
Auch die Kneipen verachtet sie nicht. Ist aber nie betrunken. Lacht perlengroße
Lacher unter den Kohlenmännern. Ist voller Liebe. Die Kohlenmänner lächeln
mit ihr. Die fünfte ist
wortkarg, schwarz, fleißig. Bringt alles um mich in Ordnung, vertraut darauf,
ich werde nicht schmutzig sein, wenn sie wiederkommt, meine Haare werden nicht
strubbelig sein, und auch meine Schuhe werden wie der Spiegel glänzen. Glaubt
unentwegt. Ist traurig, ihre Augenbrauen wachsen zusammen, eine attische Witwe.
Die sechste ist liederlich. Will
nur reisen, herumliegen, herumtanzen. Raus aus dem Kino, rein ins Kino. Aber trotz
allem liebt sie auch die Vögel. Wenn die Bäume blühen, sitzt sie
stundenlang im Garten herum. Spornt mich an, ich möge mich mit Licht voll
atmen. Auf dass ich flöge, die Erde gerade nur mit den Zehenspitzen berührend.
Die siebte trägt immer Schwarz. Ich sah sie nie lächeln. Schaut
immer nur nach innen, beschäftigt sich mit meiner Seele. Behütet und
lehrt mich. Sie drängt mich, ich möge sie lieben: alle meine sieben
Geliebten. Aber ich betrüge
sie alle sieben. Arbeite nicht
für die erste, lächle nicht mit der zweiten, belüge die dritte,
mit der vierten besaufe ich mich, wenn mich die fünfte antrifft, bin ich
immer unordentlich, die sechste vermag mir nicht beizubringen, die Blumen zu lieben,
und die siebte beschwört mich vergebens, ich solle sie alle lieben. Die
Knochigschultrige heißt Montag, die lächelnde Dienstag, die flatternde
Mittwoch, die lüsterne Donnerstag, die attische Freitag, die liederliche
Samstag. Die nie lächelt, ist der Sonntag. Möchten
sie einmal mich betrügen: wehe!

Feuer
- Na endlich -, sagte der Adler
und ließ Prometheus´ Leber los. Der Held seufzte auf, diese war
seit Jahrtausenden seine erste qualfreie Minute. Er bewegte seine klamm gewordenen
Glieder, seine Ketten rasselten. - Ist meine Strafe um? - fragte er. Der
Adler zuckte mit den Schultern. - Ach was! Aber wozu sollt ´ich mich
abmüh´n. Es gibt kein Feuer mehr auf der Erde! Der niedergekettete
Mann sprang zornig voran, und obwohl seine Ketten ihn zurückgerissen hatten,
schrie er, seine Faust schüttelnd: - Du lügst, du Hund! - Kein
Hund. Adler. - sagte gleichmütig der robuste Vogel und probierte an seinen
Flügeln herum, ob sie nach der mehrere Jahrtausende währenden Zwangspause
noch funktionierten. Prometheus´ Zorn wurde nicht gelinder.
- Tu deine Pflicht! - schrie er den Adler an. - Friss von meiner Leber! -
Bin doch nicht übergeschnappt! - ärgerte sich der Adler, - verstehst
du nicht, dass es kein Feuer mehr auf der Erde gibt. - Willst du behaupten,
dass die Götter auch den letzten Menschen vernichtet hätten? - Teufel
noch mal -, winkte der Adler ab -, sie sind zahlreicher denn je. Prometheus
beruhigte sich. - Ohne Feuer gibt es kein Leben -, sagte er selbstsicher -, los, mach dich an
die Arbeit! - Versteh´ doch, dass es kein Feuer gibt. Die Menschen
kennen kein Feuer mehr. Sie haben es nicht mehr nötig. - Das ist nicht wahr! - schrie der Held -, ohne Feuer können sie das Essen
nicht zubereiten, im Winter erfrieren sie, blind tasten sie sich in der Nacht
voran. - Larifari - sagte der Adler -, sie kochen auf Kochherden, heizen mit
der Zentralheizung und leuchten mit künstlichem Licht. - Ja, aber
woher bekommt die Herdplatte ihre Wärme, was speist die Heizkörper und
was gebiert das künstliche Licht? Das Feuer! - Nicht das Feuer! Das Atom,
wenn du es so genau nehmen willst. Sie drücken auf einen Knopf, und schon
ergießt sich das Licht, die Wärme. Es gibt keinen Rauch, es gibt keinen
Flammenstich, kein Holzknacken. Es ist viel sauberer, ist viel ungefährlicher!
Prometheus schwieg eine Weile finster, dann leuchtete sein Antlitz auf. -
Und die Kriege? Und die Brandstifter. - Die Kriege führen sie mit Strahlen
- sagte der Adler -, ein schöner, unsichtbarer Strahl, und ein Haus,
eine Stadt, ein Land fällt in Schutt zusammen. Kein Herumballern, kein Qualm,
aber steriler Staub. Die Brandstiftung ist eine vergessene, veraltete Methode.
Sogar die Feuerwehr gibt es nicht mehr. Nicht einmal mehr die freiwillige. Auch
keinen Ball der Feuerwehr. Ball der freiwilligen Strahlenschützer, den gibt´s.
In Prometheus schimmerte noch einmal Hoffnung auf: - Die Lagerfeuer - sagte
er, Feuer der Heimatlosen, der Wanderer, der Ausflügler. Der Adler winkte
ab: - Gibt's lange nicht mehr. In jedem beliebigen Geschäft kriegst du
für einsfünfzig Kunstlagerfeuer. Das Licht, die Wärme unter
Garantie erstklassig. Zweige müssen nicht gesammelt, das Feuer nicht
angepustet, deine Finger nicht verbrannt zu werden...ein Knopfdruck und fertig.
Kommt hinzu, dass es mehrfach verwendet werden kann. - Ist nicht wahr -, schrie
Prometheus. Die Felsen hallten nach "nicht wahr, nicht wahr". -
Ach, was regst du dich auf -, raunzte der Adler -, komm, schau selbst. Sie
schlenderten durch Dörfer in Asien, durch Dschungel in Afrika, durch endlose
Großstädte. Die Menschen stierten sie an. Ein Adler und ein nackter
Mensch, der mit seinen Ketten rasselt. Hm. In Süd-Amerika erhielten sie vorzügliche
Angebote von einem Zirkus. In Australien zahlten sie Strafgeld wegen Verstoßes
gegen die guten Sitten, in Europa wegen Ruhestörung. Denn Prometheus´
Ketten rasselten sehr. Und er war sehr nackt. Das Feuer kannten die Menschen nicht.
Was? - fragten sie alle, und schüttelten tölpelhaft den Kopf. Feuer,
fire, ogony, tüz. Nein, so ein Wort gibt es gar nicht. - Hehe -, kicherte
der Adler, und Prometheus rasselte wild mit seinen Ketten. In einem an der
Meeresküste gelegenen altväterlichen Städtchen fanden sie einen
Greis. - Fragen wir noch diesen Einen -, bat Prometheus den Adler. Der Adler
nickte. - "Feuer" -, wiederholte der Alte das Wort, und verständiges
Licht flackerte in seinen Augen auf. Dort, sagte er, dieses große Haus!
Der Adler konnte mit Prometheus kaum Schritt halten. Die Fassade des mächtigen,
verfallenen Gebäudes wurde von Eisensäulen gehalten. An der Fassade
prangte weiß eine abgewetzte Aufschrift, die Buchstaben angewittert: FEUERMUSEUM -
Das ist es! - schrie Prometheus - schau da! - Mal abwarten - sagte der Adler.
Geräuschlos öffneten sich vor ihnen die Photozellentüren. Sie trotteten
lange, lieblose Korridore entlang, zwischen den Haufen der Petroleumlampen, der
Kerzenenden, der verkommenen Kamine. Sie gelangten in einen großen Raum,
der mit Glasschränken gefüllt war. Prometheus rannte beseelt zum ersten,
sein Gesicht drückte er gegen die Glasscheibe. "Hirtenfeuer" -
dies stand unter der Vitrine geschrieben. Drinnen glotzten ein Stier, seine Hörner
waren groß, und ein Mann, der sich in Hut und Stiefeln auf seinen Stock
lehnte loderndes Hirtenfeuer an. - Feuer! - schrie glücklich Prometheus. -
Gemalt - sagte der Adler. Prometheus starrte auf das Hirtenfeuer, er riss
seine Hand vor sein Gesicht. Das Feuer lebte nicht, wie auch der Mensch und der
Stier aus Wachs waren. Er rannte zu den Glasschränken, von einem zum anderen.
Kesselfeuer, Kaminfeuer, Lagerfeuer, Feuersbrunst, Schmiedefeuer, Lauffeuer...
- Gemalt. Glühbirne, Zinnober, optische Täuschung -, kommentierte alles
sachgemäß der Adler. Bis sie zum Ende des Raumes gelangt waren,
ist Prometheus´ Haar weiß geworden. - Dort noch - sagte er
dann laut. In der einen Ecke stand eine kleine Glashaube, mit solch einer
decken die Gewürzwarenhändler die Hefe zu. Unter ihr ein Zettel: "Inneres
Feuer". Unter der Haube war nichts, der Adler lachte heiser. Da warf
Prometheus seinen Kopf hoch, seine Zähne presste er zusammen, sein Kinn
wurde eisern. Er beschloss, erneut in das Reich der Götter zu gehen und das
Feuer zu stehlen. Vor dem Gebäude, beim Abschied sprach ihn der Adler
an: - Ich weiß, du hast aufs Neue vor, es zu stehlen - er lachte hämisch
-, aber sag mir wenigstens, wozu! Deine Leber ist ja schon wie gemahlener
Mohn! In jener Nacht stahl Prometheus dennoch erneut das Feuer. Mit brennender
Fackel rannte er über die Erde, er war wie eine Vision. Die Menschen schauten
ihn mit seliger Verwunderung an und schrieen auf: Feuer!

Die Rebublik Masoko
Die Volksversammlung,
welche die Staatsgründung vorbereitete, beschloss, für die Zeit des
feierlichen Aktes die Staatsgrenzen zu schließen. Er machte also den Schlüssel
zum Zimmer des Vermieters ausfindig und schloss die Tür ab. Auch das Fenster
machte er zu.
Er stellte sich neben den Eisenofen, der mit seinem schwarzen
Maul Kälte aushauchte - von hier konnte er das Gelände am besten überblicken
und rief die Republik Masoko aus. Sehr bescheiden, ohne Saus und Braus rief -,
er sie aus, sogar das Rufen ersetzte er durch ein winziges Weiten der Augen. Aber
das änderte nichts an der Tatsache: Die Republik Masoko wurde ausgerufen.
Er fasste die Staatsgrenzen ins Auge.
Die Republik Masoko begrenzte im
Norden eine mit grün-gelben, raupenartigen Formen bepinselte Wand, mit einem
sich häutenden Fleck ätzte sie im linken, oberen Teil Salpeter; gen
Osten eine ebensolche Wand, mit einem schmutzigen Fenster mit braunem Rahmen in
der Mitte;
nach Süden auch eine Wand, mit Kacheln und Tür; ein guter
Teil der westlichen Grenze wurde von der Bettlehne verdeckt - von einem Schrank
und Christus auf dem Ölberg. Christus hüllte sich in ein blaues Gewand,
blau waren auch die Felsen und die Tannen, auch Christi Sandalen waren blau.
Im Gegensatz zu anderen Ländern hatte die Republik Masoko auch unten und
oben Grenzen - namentlich einen mit einer Flickenmatte bedeckten Parkettboden
und eine schmutzige, abblätternde Zimmerdecke. Dies sollte jedoch niemanden
zu irrtümlichen Annahmen verleiten; es versteht sich von selbst, dass die
Republik Masoko innerhalb der oben erwähnten Grenzen zum Erdmittelpunkt,
beziehungsweise in den Himmel reicht.
Die Volksversammlung wählte nach
dem zweiten Punkt der Tagesordnung die Würdenträger. Die volkreiche
Gruppe: der Präsident der Republik, der Hauptjongleur, der Oberrichter, der
Rauchattaché, der Oberlacher, die Innenminister, der Hauptaufdieschuhspucker,
der Minister für Betrübnisangelegenheiten, der Hauptrezitator der Blödeleien,
der Schmatzkommissär, der Außenminister, der mit Schlotterangelegenheiten
betraute Hauptfrierer und deren sämtliche Vertreter, Untervertreter und Minimalstvertreter
- sie alle drängten sich dort an dem Ofen. Auch ich drängte mich dort,
jenes Individuum, das gewählt worden war, um sich zu sonnen und vor sich
hinzupfeifen.
Später stellte sich heraus, dass die Republik Masoko vergessen
hatte, einen Finanzminister zu ernennen. Die sorgfältige Überprüfung
der Staatskasse sanktionierte diese Vergesslichkeit. Der Ministerrat allerdings
kooptierte einen Landwirtschaftsminister, da im Fenster der Republik ein Kaktus
gedieh.
Ein Bischof, ein Polizeihauptmann, Steuereinnehmer und Generaldirektoren
sind nicht ernannt worden.
Hiernach besichtigte das Kabinett die Republik
Masoko.
Von der sich in der Mitte erstreckenden Flick-Hochebene hob sich sein
Blick und strich über die zweitürigen und vierbeinigen Gebirgsketten,
die balearische Hügellandschaft des Bettes,
das gerade mit Ebbe kämpfende
Blechlavoirmeer und blieb an der einzigen Naturerscheinung der Republik, an dem
an der Nordgrenze leuchtenden Salpeterlicht haften.
Zufrieden rieb er sich
die Hände, auf ein Stück Packpapier schrieb er mit schönen, schattierten
Buchstaben:
REPUBLIK MASOKO
ZUTRITT NUR MIT REISEPASS
und schlug es an seiner Tür an. Unter das Salpeternordlicht kritzelte er mit rotem Bleistift:
VERSAGENMUSEUM
Darunter befestigte er eine schmutzige Bahnfahrkarte,
eine vollgekritzelte Papierserviette, einen verwelkten Veilchenstrauß, ein
halbes Paar Autohandschuhe, eine So-was-wie-eine-Urkunde, einen Soldatenknopf,
das Photo eines Mädchens, den Kopf nach unten, zwei Gummipuppen, eine ausgerissene
Seite einer Zeitschrift und eine rostige Klinge.
Auf die andere, freie Seite
der Wand schrieb er mit dem selben roten Bleistift:
ERFOLGSAUSSTELLUNG
Unter
diese Aufschrift gelangte nur eine ausgerissene Seite aus einem Schreibheft mit
der Landkarte der Republik Masoko darauf. Auf der Landkarte vermerkte er in allen
Einzelheiten die Berge, Hochebenen, Museen, Salpeterlichter, Ausstellungen und
die Vegetation des Landes.
Er warf sich lang auf die baleare Hügellandschaft,
füllte sich mit fruchtbarer Stille. Über den Bergen, Hügeln und
Hochebenen der Republik erklang die Hymne von Masoko. Die Hymne war eine Legierung
aus blauer Farbe, Stille und den Strahlen des Salpeternordlichts.
Der erste Grenzverletzer hämmerte mit der Faust nachmittags um fünf an der Tür.
- Lassen Sie mich sofort herein..., mein Bügeleisen...Sie Idiot! Und
was heißt hier Makoso...
Die Hauptmieterin der Wohnung.
- Nicht Makoso, Masoko - brüllte er zurück -, und bewahren sie ihr Bügeleisen nicht in der Republik auf.
Die Dame fluchte röchelnd. Und er alarmierte die
masokoer Grenzpolizei.
- Sie können nur mit einem Reisepass hereinkommen
-, schrie er. - Haben Sie einen Reisepass?
Die Hausfrau rannte weg, wieder
hüllte sich die Republik in Stille, aber jetzt ertönte die Hymne von
Masoko nicht mehr.
Vergebens wäre sie auch erklungen, denn nach einigen
Minuten kehrten unter donnerndem Getrappel und quiekenden Flüchen die Hauptmieter
zurück; die Frau hatte ihre Mannschaft verstärkt: mit zwei martialischen
Kriegern von metzgerhaftem Äußeren. Die Tür brachen sie krachend
auf, und sie drangen in die Republik Masoko ein.
Packen Sie! - schrie die
Frau, die zwei martialischen Krieger fegten das Versagenmuseum und die Erfolgsausstellung
von der Wand.
Nur seine Bücher passten nicht in seinen Koffer, diese
warf das Kriegsvolk, als alles vorüber war, durch die Kellerluke.
Die Grenzen der Republik Masoko wandelten sich zurück zu schmutzigen Wänden,
das Salpeternordlicht erlosch, die Berge zogen ihre Gipfel ein, auch Christus
wurde schmierenblau.
Da stand er, bis zu den Knöcheln in Büchern,
der Hauptmieterin und den zwei martialen Kriegern gegenüber.
- Verscheißern
Sie ihre Großtante! - schrieen sie ihn an.
Und er begann zu lächeln.
Es fiel ihm ein, dass die Republik Masoko deswegen nicht untergehen musste. Schon
verabschiedete er in seinem Innern das Dekret, das die Veränderungen beschrieb.
Seine Haut wurde die Staatsgrenze, seine Nase das Stumpf-Gebirge, sein rechtes
Auge der Liebesbrunnen, sein linkes Auge die Freundschaftsquelle.
- Was grinst du??! - empörte sich der eine Krieger, mit der umgekehrten Hand schlug er
zwischen das Stumpf-Gebirge und die Freundschaftsquelle.
Er fing noch ein
paar. Die Republik Masoko kullerte die Treppe hinunter.
Er humpelte in Richtung
der Stadt, der schäbige Kartonkoffer zog an seiner Hand. Aus dem Stumpf-Gebirge
sickerte das Blut, die Freundschaftsquelle bedeckte eine lilarote Beule.
Die Republik Masoko ist gestürzt -, dachte er. Was sollte aus ihm werden,
ohne die Republik Masoko?
Straßenbahnen zogen an ihm vorbei - gelbe
Drachen, Autobusse - blaue Drachen, Menschen regenbogenfarben. Bei jeder Begegnung
zog er sich zusammen. Er dachte, er sei preisgegeben. Er ließ die schludrigen
Häuser der Vorstadt hinter sich, die grausamen Würfel der neuen Wohnsiedlung
starrten ihn an, und da fühlte er, wie aus seinem tiefsten Innern ein Lächeln
sich sickernd ausbreitete. Das Lächeln verbreitete sich in Wellen, ließ
seine inneren Organe erprickeln, tastend erreichte es die Oberfläche seiner
Haut. Seine Haut erstrahlte. Seine blutende Nase erglänzte und die lila Beule
am Auge auch. Die scharfen Kanten der Häuser wurden stumpf, der gelbe Fleck
der Straßenbahn wurde fröhlich. Er setzte den Kartonkoffer ab, er hätte
schreien mögen. Jetzt erfuhr er, dass die Republik Masoko nicht gestorben
war. Da ist sie in ihm, am tiefsten Ort. Zwar fallen seine nördliche, südliche,
östliche und westliche Grenze zusammen, trotzdem passen gut das Versagenmuseum,
die Erfolgsaustellung in sie hinein, sie hat auch ein Nordlicht wie auch einen
blauen Christus.
Die Republik Masoko ist von nun an für keinen Grenzverletzer
zu erreichen.
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